Annekathrin Kohout, wenn wir es darauf anlegen, dass dieses Interview möglichst viele empörte Reaktionen auslöst: Worüber müssen wir sprechen?
Prädestiniert wären aktuelle Konfliktthemen wie Israel und Gaza. Auch die Triggerworte "Polarisierung" und "Empörung" selbst funktionieren ganz gut. Im Kulturkontext wäre es wohl sowas wie "Diskurskrise" oder "Kulturkampf".
Wir würden dann sogenannten ragebait betreiben. Also Inhalte generieren, bei denen die empörte Reaktion schon eingepreist und erwünscht ist, weil der Aufschrei die Reichweite steigert. Warum funktioniert das immer noch so gut?
Generell gibt es ja nicht nur ragebait, sondern eine ganze Range an baits, also Ködern. Früher hat man eher von clickbait gesprochen. Die Omnipräsenz dieser Strategie sehe ich darin begründet, dass wir in einer Öffentlichkeit kommunizieren, die ich Reaktionskultur nenne.
Wodurch zeichnet die sich aus?
Es bedeutet, dass alle Produktionen darauf ausgerichtet sind, dass man auf sie reagiert. Ich beobachte eine Kultur, in der die Reaktionen wichtiger geworden sind als der Inhalt selbst. Jean Baudrillard hat die klassische Medienlandschaft des 20. Jahrhunderts als "Rede ohne Antwort" beschrieben, also dass man ganz viel Input bekommen hat, von Fernsehen, Radio, Magazinen, Museen, aber man hat das mehr oder weniger passiv konsumiert. Die Anfangszeit der sozialen Medien war deshalb eine Art Befreiung. Plötzlich konnte man mitsprechen, sich einbringen. Aber jetzt ist es eher eine Kultur der "Antworten ohne Rede". Ragebait ist eines von vielen Symptomen dafür, dass alles, was heutzutage produziert wird, immer schon im Nachdenken über die Reaktionen entsteht.
Ist das einfach die ökonomische Logik der Social-Media-Plattformen, die vom Engagement der User profitieren, oder steckt mehr dahinter?
Das eine ist die Monetarisierung von Reaktionen - und das ist die Grundlage dessen, was ich Reaktionskultur nenne. Die Plattformen leben von unseren Reaktionen, denn die sind erstmal nichts anderes als messbare Daten und bestimmen wesentlich mit, wie viel Datenhandel die Plattformen damit betreiben können. Mir war es aber wichtig, deutlich zu machen, dass es nicht bei dieser ökonomischen Ebene geblieben ist, sondern dass Reaktionen auch mit sozialen und kulturellen Verhaltensweisen einhergehen. Man bewertet, man urteilt, man muss sich positionieren. Das hat auch Auswirkungen auf unser Verständnis von Werk und Autorschaft. Deshalb ergibt es für mich sehr viel Sinn, es Reaktionskultur zu nennen, weil auch die traditionellen kulturellen Bereiche, Produktionsweisen und Distributionskanäle berührt werden.
Sie erwähnen in Ihrem neuen Buch "Hyperreaktiv" auch Künstler wie Marcel Duchamp, Andy Warhol und Richard Prince und ihre Aneignungsstrategien. Was können die denn für die Empörungskultur auf Social Media?
Wir sind heute alle appropriation artists geworden. Gerade in diesen Kunstrichtungen von Pop-Art über Ready-made bis zu Appropriationskunst stecken Strategien, die damals zwar künstlerische Praktiken waren, heute aber Alltags-Praktiken geworden sind, wenn man sich die Content-Produktion in den sozialen Medien anschaut. Vor allem, weil das alles künstlerische Ausdrucksformen waren, die mit Formen von Dekontextualisierung, Neukontextualisierung und dem clash von inhaltlichen Ebenen gespielt haben. Das ist ein Mechanismus, den man heute überall und ständig beobachten kann. Man dekontextualisiert etwas, ein Bild, ein Objekt aus dem Alltag, was auch immer, steckt es in einen neuen Kontext, und daraus entsteht die Attraktivität dieses Inhalts.
Das klingt ja erstmal nach einer Demokratisierung dieser Strategien. Frei nach Beuys: Jeder ist Künstler!
Das ist auch etwas total Befreiendes, und man kann im Netz sehr, sehr viel Kreativität beobachten. Gerade an diesen traditionellen Grenzen von high und low, wo hochkulturelle Praktiken populärkulturellen Content treffen. Da gibt es natürlich unzählige inspirierende Videos und Memes. Ich würde das auch niemals rein negativ bewerten wollen.
Jetzt kommt das Aber?
Die Frage ist ja immer: Auf welche Art und Weise wird etwas dekontextualisiert und neu kontextualisiert? Wenn es darum geht, zu unterhalten, einen Spaß zu machen, vielleicht auch mit den ehemaligen Festungen der Hochkultur zu spielen, würde ich das als etwas Produktives beschreiben. Oder wenn man durch so einen clash von Kontexten etwas sichtbar macht, was vorher nicht deutlich war. Aber diese Strategie kann immer auch instrumentelle Züge annehmen, und das sind die problematischen Seiten. Man kann sich das Material, das man zweckentfremdet, auch auf eine gewaltsame Art aneignen und zu Zwecken nutzen, die gegen die eigentliche Intention eines Bildes oder Werkes gerichtet sind.
Gibt es dafür Beispiele aus der Kunst? Oder ist die durch ihre Deutungsoffenheit besser davor geschützt als andere Bereiche?
Die Documenta 15 und die Antisemitismus-Debatte 2022 waren für mich das prominenteste Beispiel dafür, wie auch Kunstwerke, das Sprechen über Kunst, der Kunstdiskurs instrumentell online vereinnahmt wurden. Seit dem 7. Oktober 2023 finden sich die Merkmale der Reaktionskultur noch stärker auch in der "Kunstbubble". Trotzdem finde ich die Frage interessant, ob sich Kunst vielleicht nicht so sehr für eine instrumentelle Interpretation eignet. Das kann für bestimmte Genres so sein. Aber ich beobachte die Instrumentalisierung immer wieder. Und wie gut sich die Kunst dazu eignet, merkt man schon daran, wie präventiv sich Ausstellungshäuser darauf vorbereiten, diese zu verhindern.
Inwiefern?
Wenn man heutzutage in ein Museum geht, ist die Reaktion mitgedacht. Erstmal positiv, indem man vielleicht der Ausstellung einen Hashtag gibt und Orte integriert, wo Menschen Selfies machen können, aber auch im Hinblick auf die Prävention von negativen oder instrumentellen Reaktionen. Zum Beispiel, wenn wir an Triggerwarnungen denken oder an Hinweisschilder, die genau erklären, worum es in dem Kunstwerk geht, weil es falsch verstanden werden könnte. Das erste Mal ist mir das bei der Jörg-Immendorff-Retrospektive 2019 im Haus der Kunst in München aufgefallen. Damals war ich von den großen Hinweisen überrascht, dass das Hakenkreuz nicht affirmativ oder zustimmend verwendet wird, sondern in kritischer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. In dem Moment wurde mir bewusst, dass sich hier eine Institution in ihrer Deutungsmacht bedroht sieht und sich für mögliche Dekontextualisierungen dieses Motivs wappnet. Ein anderer Fall ist Miriam Cahn …
… die Schweizer Malerin, die in ihrer Arbeit Gewalt anprangert und dazu teils auch drastische Darstellungen benutzt.
Ja, sie hatte 2023 eine Ausstellung im Pariser Palais de Tokyo, und man hatte auch da vonseiten der Institution ganz viel vorbereitet. Es hing dort ein Bild, das sich mit sexueller Gewalt im Kontext von Kriegen auseinandersetzt. Damals, vor allem im Umfeld des Ukraine-Kriegs, gab es ein Hinweisschild zur Arbeit und eine Triggerwarnung vor der Ausstellung. Nichtsdestotrotz ist das Werk dann auf X als vermeintliche Kinderpornografie viral gegangen. Das hatte vor allem damit zu tun, dass es ein relativ bekannter Talkshow-Moderator gepostet hatte, der auch als Anti-Pädophilie-Aktivist bekannt ist. Und von dort aus hat das riesige Wellen geschlagen.
X-Post des französischen Moderators Karl Zéro zur Miriam-Cahn-Ausstellung im Palais de Tokyo in Paris 2023
Die Übereinkunft, dass es sich hier um Kunst und nicht um Missbrauchsdarstellungen handelt, wurde also aufgekündigt?
Ja, so sehr, dass dann tatsächlich ein ehemaliger Front-National-Politiker das Bild mit Farbe im Ausstellungsraum überschüttet und zerstört hat. Das ist eben diese Verlängerung des Diskursraums in den digitalen Raum und dann zurück in die physische Welt. Das betrifft definitiv auch die Kunst. Man sieht das auch an den gehäuften Absagen und Boykotten. Die entstehen meist in einer engen Korrelation mit digitalen Diskursen und Reaktionskulturen.
Andererseits hat man sich das doch auch gewünscht: Institutionen, die ihre Deutungshoheit abgeben müssen, ein Publikum, das selbst die Interpretationen liefert. Wann kippt diese erstmal positive Vision von Autonomie?
Wenn es nicht mehr um Kunst geht, ums Sprechen über das Werk. Natürlich ist es etwas Tolles, wenn das Museum wirklich einen Raum darstellen würde, in dem man sich offen und frei und auch widersprüchlich und mit starken Gefühlen mit Kunst und den Themen, die sie verhandelt, auseinandersetzen kann. Aber wenn sich eine Instrumentalisierung nachweisen lässt, wird es problematisch. Man hat in der gesamten Rezeption des Falls von Miriam Cahn gemerkt, dass es nicht wirklich um Kinderpornografie ging, sondern eigentlich darum, Museen mit ihrem "Gender-Gaga" - in mehreren Anführungszeichen - zu delegitimieren und mithilfe dieses Bildes eine bestimmte kulturelle Elite gezielt anzugreifen. Das sieht man auch in Fällen wie bei Sophia Süßmilch in der Kunsthalle in Osnabrück …
Dabei ging es darum, dass sich die Künstlerin in einer Performance mit dem Thema Kannibalismus beschäftigt hat. Von der örtlichen CDU wurde ihr dann vorgeworfen, sie würde das Thema verherrlichen und eine Gefahr für Familien darstellen. Es wurde zum Boykott der Kunsthalle aufgerufen, woraufhin Sophia Süßmilch Morddrohungen erhielt …
Diese Angriffe hatten zum einen den Zweck, diese Arbeiten für keine gute Kunst zu erklären. Aber gleichzeitig gab es den Versuch, die Ausrichtung der Kunsthalle, vielleicht auch ihr Existenzrecht generell, infrage zu stellen. Und in solchen Momenten wird es hochgradig problematisch.
Wobei dadurch auch eine starke Solidarisierung der Kunstszene mit der Künstlerin und der Institution eingesetzt hat. Kann eine Gegenreaktion nicht auch eine instrumentelle Reaktion übertönen?
Sophia Süßmilch hat danach mehrere Interviews gegeben, und ich finde, sie hat sehr gut reagiert. Sie hat betont, dass sie zu ihrer eigenen Haltung und den eigenen Werten steht und erklärt, worum es in dieser Arbeit geht. Sie berücksichtigt aber auch, dass die Kritik vielleicht nicht aus dem Nichts kommt und dass man es vielleicht auch so sehen kann, gerade in nicht-kunstgeschulten Kreisen. Insgesamt ist es hilfreich, eine möglichst große Deutungsgemeinschaft hinter sich stehen zu haben, und das war in diesem Fall gegeben. Denn sonst wird etwas gepostet, es wird auf eine bestimmte Art und Weise interpretiert und es bildet sich hinter dieser Interpretation eine riesige Unterstützerschaft. Oft kann man dann gar nicht mehr viel machen. Man kann sagen, es war nicht so gemeint oder Stellungnahmen veröffentlichen. Aber ohne eigenes "Team", das an der Plausibilität der richtigen Lesart mitarbeitet, setzt sich das sehr schwer durch.
Kann man das Argument nicht auch umdrehen? Denn oft ist es doch der Fall, dass man die Mittel der Reaktionskultur dann gutheißt, wenn es dem eigenen "Team" nützt – und sie anprangert, wenn die "Gegenseite" sie anwendet. Dann kann die Strategie, als Gruppe möglichst laut und sichtbar zu sein, einerseits als "notwendige Empörung" oder "Widerstand" geframed werden – oder eben als "Kampagne" verunglimpft werden.
Ich habe jetzt über Fälle gesprochen, wo es schon zu einer Skandalisierung gekommen ist. Es wäre natürlich schön, wenn man von Anfang an andere Formen des Miteinander-Sprechens kultivieren könnte. Aber meine Beobachtung ist, dass die Polarisierung in der Architektur der sozialen Medien schon angelegt ist. Dass es eigentlich immer zu Antagonismen oder zu Formen von Gegnerschaft kommt. Dadurch, dass die Plattformen auf schnelle Reaktionen ausgerichtet sind, verstecken wir uns oft hinter den Reaktionen. Man hat ja nur reagiert, man gibt die Verantwortung für das, was man sagt, ab. Und es zählt nie die Einzelreaktion, sondern immer das schwarmhafte Verhalten. Auch dort versteckt man sich schnell in einer Menge, der man sich zugehörig erklärt. Wenn man sich im Netz äußert, betritt man einen Raum von politischer Kommunikation. Nils Kumkar schreibt in seinem Buch "Polarisierung", dass es eigentlich gar keine Spaltung der Gesellschaft gibt, sondern dass Polarisierung ein kommunikativer Modus ist. Er gehört zum Sprechen in der Politik dazu, weil man Unterschiede sichtbar machen muss, um Wählerschaft auf sich zu ziehen. Und das beschreibt auch, wie wir im Netz miteinander diskutieren. Oft nicht miteinander, sondern an ein abstraktes Publikum gerichtet und mit dem Ziel, Follower, Likes und reactions zu generieren. Das macht es schwer, echte Gespräche zu führen.
Kann man daran dann überhaupt etwas ändern, wenn die Plattformen genau so gebaut sind, dass sie die polarisierendsten Beiträge belohnen? Oder hilft nur flüchten?
Ich gehe in meinem Buch von einer Wechselwirkung zwischen der Plattform-Architektur und unserem Verhalten in den sozialen Medien aus, also der Art, wie wir reagieren. Man schaut sich oft nur die bösen Algorithmen an und wie ausgeliefert wir denen sind. Viele empfinden sich zwar als passiv, aber ihr vermeintlicher Konsum ist immer auch eine messbare Aktivität. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst zu werden, dass man an Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit mitwirkt, und eventuell dann auch an Diskursen. In diesem Bewusstsein hoffe ich, dass man einen Zivilisationsprozess durchlebt und dann vielleicht lernt, soziale Medien reflektierter, sorgfältiger, vorsichtiger zu verwenden. Dass es sozusagen ein neues Ethos der Interpretation geben kann, bei dem die Deutung von Inhalten nicht nur dazu dient, sie gegen andere als Waffe einzusetzen. Mehr kann man auf der User-Seite nicht unbedingt tun. Vielleicht kann man auf der Plattformseite mehr tun, indem man stärker über Regulierungen nachdenkt. Aber es ist ein heikles Feld.
Auf Social Media sehen Menschen so viele Bilder wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte. Außerdem wechseln sie ständig ihre Bedeutungen. Aby Warburg auf Speed sozusagen. Führt das dazu, dass wir besser oder schlechter mit Bildern umgehen können?
Wir sind in einer Übergangsphase. Manche haben schon eine extrem gute Bildkompetenz, und andere noch nicht. Aber in der Summe wird es unsere Bildkompetenz eher stärken. Zur Reaktionskultur gehört auch, sich bestimmte Inhalte immer ganz genau anzuschauen, nach Motiven zu suchen, die man wiedererkennt. Wir haben das gerade bei Taylor Swift gesehen, die ihre Fans dazu gebracht hat, sich mit Werken aus der Kunstgeschichte auseinanderzusetzen. Außerdem ist es viel selbstverständlicher geworden, selbst Bilder zu produzieren, nicht nur mit dem Handy, sondern auch mit KI. Dabei lernen wir, Fragen zu stellen: Wie ist etwas gemacht? Welche Motive wurden ausgewählt und warum? Aber diese Methoden, Bilder zu lesen, werden ebenfalls instrumentalisiert. Dann geht es nicht um Erkenntnis, sondern um die Illustration eines politischen Anliegens. Damit werden auch diese Erkenntnismodi und Techniken unterlaufen und uns regelrecht als produktive Verfahrensweisen im Umgang mit Bildern weggenommen. Deswegen finde ich es so wichtig, diese instrumentellen Interpretationen zu benennen, damit uns die erkenntnisstiftenden interpretativen Verfahren erhalten bleiben, denn die sind so wichtig wie noch nie.
Sie schreiben, dass sie inzwischen öfter an "echten" Bildern zweifeln als auf KI-Fakes reinfallen. Das klingt erstmal nach dem feuchten Traum der Medienwissenschaft, wenn man Bildern immer mit Skepsis begegnet und sich nicht täuschen lässt. Aber inzwischen bekommt man den Eindruck, dass die "Wahrheit" von Bildern nachrangig ist. Leute posten Fakes nicht aus Unwissenheit, sondern aus Kalkül, weil es ihrem Weltbild entspricht …
Das ist der aktuelle Zustand. KI wird als Wunschmaschine verwendet. Man stellt nicht unbedingt dar, was man denkt, was real ist, sondern, was man sich wünscht. Das sieht man beim KI-gestützten Social-Network von Meta, wo ja fast ausschließlich KI-Videos geteilt werden. Dort kreieren viele quasi Fanfiction über sich selbst. Im Moment ist für manche diese neue Umgangsweise mit Bildern schon Realität, andere haben dazu noch keinen Bezug. Ich spüre das stark bei mir selbst, ich traue eigentlich gar keinem Bild mehr. Das ist total schade, es macht teilweise gar keinen Spaß mehr, durch Social Media zu scrollen. Früher habe ich gerade historische Bilder geliebt, und jetzt sind gefühlt 80 Prozent dieser Bilder auf Instagram KI-generiert. Aber es gibt auch immer wieder Fälle, bei denen Fake-Bilder Reaktionen auslösen und sozusagen ins kulturelle Gedächtnis und in den für Maschinen lesbaren Datenpool eingehen. Insofern ist es dann egal, ob das echt war oder nicht. Der Diskurs, der Effekt war eben sehr real.
Die US-Philosophin Anna Kornbluh plädiert dafür, dass wir Wände zwischen uns und die ständige Dringlichkeit der Gegenwart einziehen müssen. Eine davon ist für sie die Kunst. Ist das zu optimistisch?
Ich würde so gern glauben, dass die Kunst das kann. Sie war lange ein Raum, wo man auf Abstand, in Kontemplation geht. Und vielleicht ist sie das auch immer noch für viele Menschen. Aber als Realistin würde ich sagen, dass die Kunst dafür mittlerweile ein zu politisch umstrittenes Feld ist. Gerade, weil die Institutionen der Kunst im Fokus rechter Propaganda stehen, die nur darauf wartet, dass Werke oder Motive auftauchen, die sie zu bestimmten Handlungen legitimiert.
Viele fühlen sich in der gegenwärtigen Kommunikationskultur geradezu gezwungen, schnell zu reagieren. Keine Reaktion wird ebenfalls als Stellungnahme ausgelegt. Ist die Kunst vielleicht etwas, was das Zweifeln und Zaudern bestärken könnte?
Wir brauchen dieses Innehalten, aber wir brauchen auch die Fähigkeit, Kunst so zu sehen, und ich fürchte, die ist uns abhandengekommen. Man überlegt ja immer schon, wie man Kunst fotografieren, teilen, kommentieren, in Diskurse einbetten kann. Es ist sehr schwer, diesen Wahrnehmungsmodus wieder zu verlassen. Vielleicht bräuchte es dafür auch mehr Kunst, die Social Media wirklich als Medium verwendet. Denn wenn Werke den Plattformlogiken nicht entsprechen, werden sie mit Unsichtbarkeit bestraft. Aber für mich ist in diesem digitalen Raum noch viel Luft nach oben. Ich wünsche mir, dass sich Künstler:innen viel mehr trauen, mit den Formaten, die es bei Social Media gibt, zu spielen, um an Ort und Stelle Irritation zu erzeugen, die uns zum Zögern bringen.