Die Fondazione Merz in Turin begeht ihren 20. Geburtstag mit einer Ausstellung, die den Anspruch der Institution klar markiert: gesellschaftliche und politische Fragen zu verhandeln. Im Gespräch mit Beatrice Merz, der Tochter des Arte-Povera-Künstlerpaars Mario und Marisa Merz, wird deutlich, wie die Stiftung seit ihrer Gründung gewachsen ist – von einer familiären Idee hin zu einem Ort künstlerischer Forschung und internationaler Vernetzung. Sie spricht über ihre Verantwortung, die aktuellen Spannungen im Kulturbetrieb und darüber, warum die neuen Projekte der Fondazione Merz genau jetzt ihre größte Relevanz entfalten.
Beatrice Merz, die Fondazione Merz feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Wenn Sie zurückblicken: Was hat sich am meisten verändert, sowohl in Ihrer Arbeit als auch im italienischen Kunstsystem?
Oh, das ist ja eine einfache Frage, dazu gibt es ja fast nichts zu sagen! (lacht) Also, für uns hat sich viel verändert. Die Eröffnung der Stiftung war ein feierlicher Moment. Wir eröffneten sie zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters Mario, die Idee war eine Fortführung seiner Arbeit und seines Bestrebens. Sie entstand mit der Absicht, Künstler einzuladen, mit denen er zusammengearbeitet hatte, um einen Austausch und eine virtuelle Zusammenarbeit zu provozieren. Diese Netzwerk-orientierte Arbeit hat sich verändert, weil wir versuchten, die Stiftung in einen Ort der Forschung zu verwandeln. Wir riefen den Mario-Merz-Preis ins Leben und damit kam die Scouting-Arbeit, die dafür sorgte, dass sich auch das Programm etwas veränderte.
Sehen Sie diesen Wandel auch bei anderen Einrichtungen?
Meiner Meinung nach hat sich das nicht nur bei uns, sondern im ganzen italienischen Museumsbereich verändert. Neue Museen und Stiftungen haben eröffnet, und es öffnen stetig mehr. Heute gibt es eher ein System, ein Netzwerk. Dadurch gibt es viel mehr Aktivität als noch vor 20 Jahren, und erst recht davor. Das müsste der italienischen Kunst guttun. Trotzdem ist es hier nicht so einfach wie in anderen Ländern, die dieses Netzartige vielleicht schon viel weiter entwickelt hatten. Zum Beispiel in Nordeuropa, mit all seinen Kunsthallen, Museen und Kunsthäusern.
War es für Sie immer klar, dass Sie das Erbe Ihrer Eltern einmal weiterführen wollten?
Nicht wirklich. Ich habe praktisch meine gesamte Kindheit in Museen und Galerien verbracht, mit ihnen. Es war meine Welt, aber mein erstes eigenes Projekt war die Gründung eines Verlags, der noch heute besteht. Parallel dazu unterstützte ich meinen Vater in seinem Wunsch, ein Zuhause für die Kunst und für Künstler zu eröffnen: die Fondazione Merz. Man könnte also sagen, dass es zwei parallele Wege gibt, die sich kreuzen und nebeneinander verlaufen.
Sprechen wir etwas mehr über Ihre Eltern. Wie war es, mit zwei Künstlern als Mutter und Vater aufzuwachsen?
Das werde ich oft gefragt, aber es ist nicht einfach zu beantworten, da ich nicht weiß, wie es gewesen wäre, keine Künstler-Eltern gehabt zu haben. Für mich war das alles selbstverständlich.
Haben Sie sie nie mit den Eltern etwa ihrer Freundinnen verglichen?
Doch, klar. Meine Freunde schauten mich und unsere Familie mit viel Neugier an. Sie hatten ihren Spaß, wenn sie mich besuchten: das Haus, die Kunstwerke. Wenn ich sie besuchte, fand ich ihre Normalität interessant. Aber das andere war eben meine Normalität.
Wer kümmerte sich bei Ihnen in der Familie um die Care-Arbeit, erinnern Sie das?
Beide, muss ich sagen. Es war ein gemeinsames Kümmern, sowohl von meinem Vater als auch meiner Mutter.
Inwiefern hat diese Erfahrung, die Kunst immer so nah erlebt zu haben, Ihre persönliche Beziehung zur ihr beeinflusst?
Alle Leute, die ich von klein auf getroffen habe, waren Künstler, Kuratoren, Galeristen. Meine Welt drehte sich um sie, das waren alles außergewöhnliche Menschen. Für mich ist das eine sehr schöne Geschichte: Die Freunde meiner Eltern sind mit der Zeit auch meine Freunde geworden. Eines Tages werde ich diese Geschichte erzählen.
Kommen wir zurück ins Heute. Was würden Sie sagen, wie geht es der Kunst in Italien unter der Regierung von Giorgia Meloni?
Ich würde sagen, nicht sehr gut. Auf Regierungsebene müsste man sich viel mehr für die Kunst einsetzen, auch abgesehen von der Denkrichtung der Regierung. Ich sage bewusste nicht "ihr helfen", denn das ist nicht wirklich richtig. Es geht um eine Förderung, die es bräuchte, so wie sehr viele andere Länder sie auch beziehen. Während es in Italien daran mangelt, erkennt man nicht an, dass jede Form von Kunst – ob Bildende Kunst, Kino, Theater oder andere Formen – tatsächlich eine echte produktive "Industrie" mit einem sehr breiten Netzwerk an beruflichen Rollen ist. Dennoch möchte ich auf eine wichtige jüngste gesetzliche Änderung hinweisen, nämlich die Senkung der Mehrwertsteuer auf den Verkauf von Kunstwerken.
Sie arbeiten regelmäßig mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die politische, ökologische oder soziale Themen behandeln. Welche Verantwortung sehen Sie in ihren kuratorischen Entscheidungen?
Unser Programm basiert auf den Werten der Stiftung, insbesondere auf den sozialen und politischen Themen, die für meine Familie und vor allem für meinen Vater so wichtig waren. Ich bin überzeugt, dass Kultur in Konfliktsituationen ihre kämpferische Natur behaupten muss, und es ist mir wichtig, dass Kunst eine aktive Rolle bei der Auseinandersetzung mit Fragen von Gerechtigkeit sowie ziviler und sozialer Verantwortung übernimmt.
Ihre neue Ausstellung "Push the Limits 2" vereint die Werke neunzehn internationaler Künstlerinnen. Was hat Sie an diesem Projekt interessiert, und wie spiegelt es die Identität der Stiftung wider?
Wie der Titel verspricht, ist das die zweite Ausgabe von "Push the Limits". Die erste fand in der Covid-Zeit statt und blieb durch ständige Schließungen der Stiftung ein nicht abgeschlossenes Projekt. Wir wollten versuchen, es wieder aufzugreifen und es anders, aktueller, auszuarbeiten. Das Thema der Ausstellung ist eines, das die ausgewählten Künstlerinnen ohnehin in ihren Werken behandeln – wir haben hier eine Denklinie erkannt. Und weil dieses Jahr unser Jubiläumsjahr ist, versteht sich die Ausstellung auch als Reflexion über die Mission der Stiftung. Es schien uns der richtige Moment.
In den letzten Jahren gab es ein erneutes internationales Interesse an der Arte Povera. Warum spricht diese Bewegung heute wieder so stark zu unserer Zeit?
Vielleicht sind die Arte-Povera-Künstler noch immer relevant, weil ihre Werke uns weiterhin etwas zu sagen haben. Denn die Themen, die die Arte-Povera-Künstler der späten 1960er- und 70er-Jahre so stark beschäftigten, tauchen heute wieder auf. Die sozialen und politischen Spannungen, die wir weltweit beobachten, prägen die Realität der Künstler. Sie arbeiten in diesem Kontext und formen daraus ihre Botschaften.
Die Arte Povera lebte immer in einer Spannung zwischen institutioneller Anerkennung und Kritik am System. Wie kann man diese Haltung heute neu denken, in einer Kunstwelt, die immer stärker von globalen Strukturen und Marktmechanismen gezeichnet ist?
Rund um die Kunst hat sich eine gewaltige Marktblase gebildet – eine, die nicht bestehen kann und nicht bestehen sollte, weil sie maßlos aufgebläht wurde. Genau davor hatten die Arte-Povera-Künstler Angst und genau das kritisierten sie. Einige jüngere Künstlergenerationen greifen diese Prinzipien nun wieder auf, um sich von diesem globalisierten System zu lösen und das wahre poetische Wesen der Kunst neu zu entdecken.
Lange Zeit stand Ihre Mutter, Marisa Merz, im Schatten der männlichen Arte-Povera-Künstler. Heute verschiebt sich diese Perspektive, und ihr Werk wird auch im Rahmen der Kunstgeschichtsschreibung neu bewertet. Was ist ihr Eindruck zu dieser späten Anerkennung?
Nun ja, die Anerkennung kommt spät, weil meine Mutter es so wollte. Sie wollte nie Protagonistin sein. Sie wurde nicht von anderen Künstlern verdrängt – sie entschied sich selbst dafür, an bestimmten Gruppenausstellungen nicht teilzunehmen. In den vergangenen Jahren, ermutigt, hat sie zugestimmt, ihre Arbeiten in Einzelausstellungen zu zeigen. Heute freuen wir uns, dass ihre außergewöhnlichen Werke so bekannt sind und die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.
Auch in Kassel war eine Marisa-Merz-Ausstellung angekündigt. Die fand dann doch nicht statt. Können Sie sagen, warum?
Eine Zusammenarbeit mit dem Museum Fridericianum hätte bedeutet, den Code of Conduct des Museums zu akzeptieren, der die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) anwendet – eine Definition, der ich nicht in jedem Punkt zustimme. Meiner Ansicht nach wäre es angemessener gewesen, die JDA, die Jerusalem Declaration on Antisemitism, zu nutzen. Aus diesem Grund hielt ich es als Präsidentin der Fondazione Merz für richtiger, das Ausstellungsprojekt abzusagen. Ich bin der Überzeugung, dass Kunst nicht durch Grenzen eingeschränkt werden sollte und vor allem frei von Vorurteilen sein muss.
Wie würden Sie das Debattenklima in Deutschland generell beschreiben, besonders in Bezug auf die Kunst?
Ich weiß es nicht aus eigener Erfahrung, aber es wirkt auf mich, als gäbe es ein ernstes Spannungsfeld zwischen Museumsinstitutionen und Künstlern. Es ist schwierig – so erscheint es mir. Ich weiß, dass sich viele Künstler in Deutschland nicht wohlfühlen.
Ist das in Italien anders?
Meiner Meinung nach, ja. Es stimmt zwar, dass es in Italien eine rechte Regierung gibt. Trotzdem finden Künstler dort ihren Weg, ohne, dass ihnen bestimmte Regeln so stark aufgedrängt werden. Vielleicht werden einige nicht zur Biennale eingeladen oder nicht für bestimmte Ausstellungen ausgewählt – das wird man sehen. Aber insgesamt gibt es aus meiner Sicht mehr mentale Freiheit.
Wenn Sie auf die nächsten 20 Jahre blicken: Was wünschen Sie sich für die Fondazione Merz, und welche Rolle sollte sie in Italien und international einnehmen?
Ich hoffe, unsere Aktivitäten weiterhin kohärent und im Einklang mit unseren Prinzipien fortführen zu können. Außerdem müssen wir unsere Forschungsarbeit fortsetzen, um die Werke von Mario und Marisa angemessen zu begleiten. Ende 2026 werden wir beispielsweise eine große Ausstellung eröffnen, die Marisa gewidmet ist – gemeinsam mit der GAM – Galleria Civica d’Arte Moderna e Contemporanea und dem Castello di Rivoli. Es wird ein wichtiges gemeinsames Projekt sein. Ich bin überzeugt, dass Kooperationen zwischen Institutionen, sowohl national als auch international, der richtige Weg sind, um gemeinsame Vorhaben ebenso wie einzelne Initiativen bestmöglich zu realisieren und zu fördern.