Kuratoren-Duo über die Taipeh-Biennale

"Kunst wird nicht eingeschränkt, sondern ermutigt"

Das beiden Direktoren des Hamburger Bahnhofs kuratieren die Taipeh-Biennale. Hier sprechen Till Fellrath und Sam Bardaouil über die Sehnsucht in der Kunst und die politische Situation in Taiwan


Herr Fellrath und Herr Bardaouil, wie sind Sie als Kinder zum ersten Mal mit Kunst in Berührung gekommen?

Sam Bardaouil: Für mich war Kunst ein Weg, mir eine andere Welt vorzustellen. Ich bin im Libanon während des Bürgerkriegs aufgewachsen, und Kunst eröffnete Möglichkeiten: andere Beziehungen, andere Orte, andere Zukünfte. Als Kind versteht man, dass die Welt nicht so bleiben muss, wie sie ist – sie kann immer auch ganz anders sein.

Till Fellrath: Bei mir war es ganz anders. Ich wuchs in Deutschland und der Schweiz auf, studierte Wirtschaft und beriet Non-Profit-Organisationen. Dann nahm ich mir in New York ein Jahr Zeit, um Kunst zu studieren. Ich begann zu zeichnen und zu malen – anfangs voller Unsicherheit – und entdeckte, dass die Kraft im Prozess liegt. Man kann jederzeit eingreifen: einen Hügel hinzufügen, das Wetter ändern, übermalen, was nicht passt. Das steht im völligen Gegensatz zur Ökonomie, wo man an Modellen festhält und Abweichungen berechnet.

Kurz danach haben Sie 2009 in New York die kuratorische Plattform Art Reoriented gegründet. Was war Ihr Ziel?

SB: Wir wollten mit Museen und Institutionen weltweit arbeiten – Ausstellungen, Publikationen, Community-Programme, Sammlungserweiterungen. Manche Projekte dauerten Monate, andere Jahre, viele haben wir selbst initiiert. In kurzer Zeit haben wir mit über 70 Museen weltweit zusammengearbeitet. Das gab uns tiefe Einblicke in Strukturen und Modelle, wie Institutionen funktionieren.

Würden Sie sich als "kulturelle Unternehmer" bezeichnen?

TF: In gewisser Weise, ja. Wir sind es gewohnt, Dinge praktisch und direkt anzupacken – vom Kuratieren über Kommunikation und Logistik bis hin zum Fundraising. Wir haben sowohl kleine Projekte realisiert als auch Großausstellungen wie die Lyon-Biennale mit mehreren Hundert Beteiligten.

Und was ist die wichtigste Erkenntnis aus dieser Erfahrung?

Unternehmertum heißt, eine klare Vision zu haben – und die richtigen Menschen mit den richtigen Ideen, Ressourcen und zum richtigen Zeitpunkt zusammenzubringen. Wenn alles zusammenpasst, entsteht mehr als die Summe der Teile. Das gilt für Ausstellungen, Sammlungen, Institutionen – und auch für Gemeinschaften.

Wie hat Sie diese Haltung bei der Bewerbung als Direktoren-Duo des Hamburger Bahnhofs geprägt?

SB: Uns reizte das Erbe des Hauses – und das Potenzial, das in ihm steckt.

TF: Und das Gefühl, hier tatsächlich etwas bewegen zu können.

Was ist heute Ihre größte Herausforderung?

TF: Die Finanzen. Große Museen mit alten Gebäuden leiden unter steigenden Kosten und schwindenden Ressourcen. Es gibt kein festes Budget im Hamburger Bahnhof für Programme – jede Ausstellung, jedes Bildungsangebot hängt am Fundraising. Dieser Druck hat aber auch viel Neues hervorgebracht: Partnerschaften wie "In Conversation" mit der Deutschen Bank oder die "Family Sundays" mit Volkswagen oder Programminitiativen mit großer Wirkung wie "Berlin Beats" oder unserer jährliches "Open House". 

SB: Darüber hinaus tragen wir gesellschaftliche Verantwortung. Es wird massiv in Rüstung und Infrastruktur investiert, aber kaum in kulturellen und sozialen Zusammenhalt. Die entscheidende Frage ist: In welcher Gesellschaft wollen wir in 30 Jahren leben?

Sie haben auch die International Companions als Förderkreis des Hamburger Bahnhofs gegründet. Was steckt dahinter?

SB: Es ist Finanzierung und Gemeinschaft zugleich. Wir wollten ein globales Netzwerk, das lokal wirkt. Heute sind es 35 Mitglieder aus aller Welt – Botschafter:innen für ein gemeinsames Ziel: ein Museum, international vernetzt und zugleich in Berlin verwurzelt.

TF: Das ist echte Philanthropie – geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wer für Erdbebenhilfe spendet, will dafür keine Privilegien erhalten. Unsere International Companions verkörpern diesen Geist: gemeinsam den Hamburger Bahnhof weiterentwickeln – vielfältig, inklusiv und für alle zugänglich.

Können Museen gesellschaftliche oder politische "Erdbeben" verhindern?

TF: Unbedingt.

Ihre kommende Taipeh-Biennale, die Sie kuratieren, trägt den Titel "Whispers on the Horizon". Was bedeutet das?

TF: Es geht um Sehnsucht, oder poetisch: um das Flüstern am Horizont. Dieser Moment, in dem man glaubt, etwas greifen zu können – und es doch entgleitet. Eine Erinnerung, ein vermisster Mensch oder Ort, nach dem man sich sehnt. Leise wie ein Flüstern und doch stark.

SB: Auf unserer ersten Taiwan-Reise 2014 haben wir einen ganzen Tag im National Palace Museum verbracht. Die Sammlung – von Keramik über Schriftrollen bis Möbel – zählt zu den größten chinesischen Kunstsammlungen überhaupt und trägt selbst eine Geschichte von Entwurzelung in sich. Für die Biennale ziehen sich drei Objekte leitmotivisch durch: eine Puppe aus der Kolonialzeit, ein Roman von Chen Yingzhen über eine Schwester, die das Tagebuch ihres verstorbenen Bruders liest, und ein Fahrrad aus Wu Ming-Yis Roman über die Suche nach dem verlorenen Vater. Jedes steht für eine Form von Sehnsucht – nach einem Menschen, einer Vergangenheit, einem Ort.

TF: Die 55 Künstler:innen aus über 30 Städten greifen das sehr unterschiedlich auf. Sehnsucht ist individuell – und doch universell.

Wie nehmen Sie die aktuelle politische Situation vor Ort wahr? Ist das "Flüstern am Horizont" auch im täglichen Leben der taiwanesischen Bevölkerung spürbar?

TF: Als Außenstehende nehmen wir wahr, dass die politische Situation in Taiwan spürbar ist – nicht durch laute Gesten, sondern eher wie ein leiser Unterton im Alltag. "Whispers on the Horizon" greift genau dieses Gefühl auf: ein Rauschen aus Unsicherheit und Sehnsucht, das sich in vielen Gesprächen und Stimmungen zeigt. Wir können nicht für die Bevölkerung sprechen, aber wir hören diese Resonanz in unserer Arbeit widerhallen.

Bei der Einfuhr von Kunstwerken in die Volksrepublik China müssen diese seit einiger Zeit standardmäßig der Zensurbehörde vorgelegt werden. Stehen Sie in Taiwan auch unter Beobachtung?  

SB: Unsere Erfahrung in Taiwan ist geprägt von Offenheit. Die Bedingungen für künstlerisches Arbeiten sind hier von einer bemerkenswerten Freiheit getragen, die wir sehr schätzen. Natürlich bewegt sich eine Biennale in einem politischen Spannungsfeld, doch unser Eindruck ist, dass Kunst in Taiwan nicht eingeschränkt, sondern ermutigt wird, als Raum für Ausdruck und Austausch zu wirken.

Aber nur, wenn man sich traut, die eigene Sehnsucht zuzulassen.

TF: Genau. Sie kann schmerzhaft sein, bis hin zur eigenen Sterblichkeit. Aber das ist die Kraft der Kunst: Sie macht diese Gefühle für alle zugänglich.

SB: Man muss keinen Krieg erlebt haben – Kunst kann eine Ahnung davon geben. Am Ende geht man leiser hinaus, demütiger, zugleich aber gestärkt. Näher bei den anderen – und mit der Sehnsucht nach einer Zukunft, die wir verantwortungsvoll gestalten müssen.

Die nächste Biennale in Venedig widmet sich nach dem Tod der Kuratorin Koyo Kouoh der Trauer. Gibt es eine Verbindung zu Ihrem Thema der Sehnsucht?

TF: Wir leben in einer polarisierten Zeit, in der demokratische Werte unter Druck stehen. Demokratie ist nicht das, was in der Verfassung steht, sondern wie wir sie leben. Respektieren wir andere? Hören wir einander zu? Können wir akzeptieren, dass wir uneins bleiben? In Taipeh wie im Hamburger Bahnhof versuchen wir, dem Flüstern am Horizont einen Raum zu geben. Um besser zu hören – und vielleicht klüger zu handeln.