Gitte Zschoch, Sie sind seit Mitte Juli Generalsekretärin des Goethe‑Instituts. Davor haben Sie das Ifa – Institut für Auslandsbeziehungen geleitet und in dieser Rolle unter anderem den deutschen Pavillon in Venedig verantwortet und die aktuelle Ausgabe im Mai eröffnet. Die Biennale läuft nun seit fast vier Monaten. Wie sind die Reaktionen auf den Pavillon "Ruin"?
Die Reaktionen der Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind durchweg positiv: Dieser Pavillon ist eine überwältigende architektonische Überformung des historischen Gebäudes durch Sung Tieu, bietet aktuelle Perspektiven auf geopolitische Veränderungen und ist für viele das Meisterstück der leider viel zu früh verstorbenen Künstlerin Henrike Naumann. Für mich schafft der Pavillon genau das, worum es in der Auswärtigen Kulturpolitik geht: Er zeigt qualitativ hochwertige Kunst von zwei renommierten Künstlerinnen aus Deutschland, er leistet Kritik und Reflexion und bietet neue Blickwinkel auf unser Land. Er macht zudem die internationale Verbindung deutsch-deutscher Geschichte deutlich, insbesondere die Verflochtenheit mit Vietnam und Osteuropa.
Immer wieder wird kritisiert, dass der deutsche Pavillon ein elitäres Kulturprojekt in Venedig sei. Womit begründen Sie seine Berechtigung?
Natürlich muss man sich die Reise nach Venedig leisten können. Und wer nur zur Preview kommt, bewegt sich oft im internationalen Kunst-Jetset. Aber das ist nicht das ganze Bild: Der Pavillon hat eine enorme Reichweite. Er zieht alle zwei Jahre rund 600.000 Besuchende an. Damit erreicht er über die Laufzeit Besuchszahlen, die mit denen großer Kunstmuseen in Deutschland vergleichbar sind. Die Biennale erreicht ein sehr gemischtes Publikum, und an den Wochenenden bilden sich oft Schlangen vor den Pavillons und Ausstellungen. Auch viele Schulklassen aus Italien besuchen die Biennale. Es ist ein großes Privileg, dieses Gebäude alle zwei Jahre zu bespielen, mit immer wieder neuen Arbeiten, die über Deutschland sprechen und gleichzeitig international Relevanz erzeugen.
Sie waren die erste Ostdeutsche in der Position der Generalsekretärin am Ifa. Der deutsche Pavillon wurde mit Kuratorin Kathleen Reinhardt und den Künstlerinnen Sung Tieu und Henrike Naumann erstmals von drei Frauen mit ostdeutscher Prägung gestaltet. Sehen Sie darin einen Einzelfall des Kunstbetriebs oder den Beginn einer strukturellen Verschiebung?
Bisher gab es tatsächlich vergleichsweise wenige ostdeutsche Perspektiven im Pavillon. Auch Künstlerinnen und Künstler haben ihre ostdeutsche Herkunft lange eher nicht zum Thema gemacht, weil sie ein gewisses Stigma hat. Dieses Schweigen bricht auf. Das ist gut und bleibt hoffentlich so. Identität ist aber kein Kriterium für die Auswahl der künstlerischen Positionen. Wichtig ist die Qualität der Kunst und ihre internationale Relevanz. Dafür gibt es im Falle des deutschen Pavillons eine Fachjury, die eingereichte Projektideen sichtet und bewertet. Dass drei Personen mit sehr spezifischen Erfahrungshintergründen, in diesem Fall der ostdeutschen Sozialisierung und einer vietnamesischen Biografie, mit ihrem Blick künstlerisch überzeugende Arbeiten produzieren, sagt viel über unser Land aus.
Was denn?
Eigentlich sollte die Frage der ostdeutschen Herkunft 36 Jahre nach der Wiedervereinigung kein Thema mehr sein. Dass sie es ist, zeigt, dass nicht alles gut gegangen ist – was wir gerade an den verstärkten, zuletzt wieder eher unversöhnlichen Debatten über Ost- und Westidentität sehen. Es gibt noch immer strukturelle Unterschiede, die Steffen Mau in "Ungleich vereint" dargelegt und die zuletzt auch Marieke Reimann aktualisiert hat.
Sie kannten die Künstlerin Henrike Naumann bereits aus Ihrer Zeit in Kinshasa, wo Sie 2015 das Goethe-Institut aufgebaut haben. Vor Ort haben Sie auch mit Wolfgang Tillmans zusammengearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie mit beiden gemacht? Wie kann zeitgenössische Kunst internationalen Austausch fördern?
Es gibt in Kinshasa ein ikonisches Gebäude aus den 1970er-Jahren, afrikanische Unabhängigkeitsarchitektur, ein Bau wie eine Kombination aus Münchner Olympiastadion und Eiffelturm. Darin befindet sich das Musée National d’Art Contemporain et Multimédia (MACM), das Museum für zeitgenössische Kunst und Medienkunst der Demokratischen Republik Kongo mit großzügigen Räumen. Henrike Naumann war Residenzkünstlerin des Goethe-Instituts und meldete an: Hier möchte ich ausstellen! Die Museumsleitung war sehr offen, räumte alle Räume frei und ermöglichte die Schau.
Wie wurde die vor Ort aufgenommen?
Henrike arbeitete dafür mit teils sehr jungen Künstlerinnen und Künstlern aus Kinshasa zusammen. Nach ihrem Tod sind viele Insta-Stories mit Fotos aus ihrer Zeit in Kinshasa und Geschichten, wie sie Leben berührt hat, geteilt worden. Residenzen ermöglichen solch tiefgehenden und nachhaltigen Austausch und sind daher ein wichtiges Format für das Goethe‑Institut. Die Ausstellung "Fragile", die vom Ifa zusammen mit Wolfgang Tillmans entwickelt und vom Goethe-Institut mit lokalem Programm umgesetzt wurde, fand auch in diesem Museum statt. Tillmans hat mehrere Vorträge an der Kunsthochschule gehalten, auf Französisch. Das kam sehr gut an. Diese persönlichen Begegnungen sind im internationalen Kulturaustausch essenziell. So können wir über die Kunst, über ihre Inhalte und gemeinsame Werte ins Gespräch kommen. Bei Wolfgang Tillmans’ Arbeiten sind das Werte wie Selbstbestimmung, ein freies Leben in einer offenen Gesellschaft und auch Verletzlichkeit des Individuums.
Sie haben zum Amtsantritt am Goethe-Institut gesagt, es gehe darum, das Institut zu stärken, "gerade weil derzeit Gewissheiten schwanken und autoritäre Strömungen weltweit zunehmen". Was heißt das konkret für die Programmarbeit, etwa im Umgang mit Ländern, in denen kulturelle Freiheit selbst unter Druck steht?
Gerade in Zeiten von Polarisierung und Desinformation sind belastbare und zugängliche internationale Netzwerke von großer Bedeutung: Das Goethe-Institut kann auf jahrzehntelang gewachsene Beziehungen zu Menschen und Gesellschaften in vielen Teilen der Welt zurückgreifen. Diese Netzwerke helfen dabei, Gesprächsfäden nicht abreißen zu lassen und Verbindungen aufrechtzuerhalten, auch in Krisenzeiten. Wenn die Politik zum Schweigen kommt, kann Kultur den Dialog mit der Zivilgesellschaft immer noch weiterführen.
Wie?
Goethe-Institute haben eine lange Tradition als Orte freier Meinungsäußerung in politisch schwierigen Kontexten: ob in Portugal in Zeiten der Salazar-Diktatur, in Südamerika oder in Kairo mit der "Tahrir-Lounge", die während des "Arabischen Frühlings" lokalen Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform geboten hat. Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt wurde es Künstlerinnen und Künstlern in politischen Brennpunkten immer wieder ermöglicht, ihre Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen. Unsere Möglichkeiten speisen sich aus langjährig gewachsenen Netzwerken und dem immensen Vertrauen, das daraus erwachsen ist.
Welche Schwerpunkte wollen Sie als Generalsekretärin des Goethe-Instituts setzen?
Mich treibt die Frage um, wie wir unseren Wirkungskreis erweitern können. Wie kommen wir auch zu den Menschen, die Deutschland und Europa vielleicht noch gar nicht kennen? Menschen, die nicht in den großen, global vernetzten Metropolen leben? Deshalb freue ich mich besonders auf die Eröffnungen unserer neuen Institute in Lublin in Polen und in St. Louis im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Gerade in den USA halte ich es für wichtig, auch dort präsent zu sein, wo internationale Kulturarbeit bislang weniger selbstverständlich ist. Verständigung beginnt oft genau dort, wo Menschen unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Lebenswelten haben. Besonders am Herzen liegt mir zudem der europäische Gedanke.
Was bedeutet der für Sie?
Ein starkes Europa entsteht nicht nur durch gemeinsame Märkte oder politische Institutionen, sondern durch Begegnung, gegenseitiges Verständnis und das Wissen umeinander. Kultur schafft genau diese Verbindungen. Auch deshalb ist uns die Arbeit in der Ukraine so wichtig. Der russische Angriff richtet sich nicht nur gegen Territorium und staatliche Souveränität, sondern auch gegen Sprache, Erinnerung und kulturelle Identität. Kultur ist von zentraler Bedeutung, auch für die Sicherheit der Ukrainerinnen und Ukrainer. Nach der russischen Vollinvasion in der Ukraine haben wir etwa einen Stabilisierungsfonds aufgesetzt, mit dem lokale Kulturinstitutionen ihr Weiterbestehen sichern konnten. Auch heute arbeiten wir eng mit der ukrainischen Kulturszene zusammen. Ukrainische Bibliotheken, Museen, Theater, Verlage und Künstlerinnen und Künstler leisten unter schwierigsten Bedingungen einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Goethe-Institut unterstützt sie dabei. Denn die Ukraine gehört zu Europa.
Wie wollen Sie die Balance halten zwischen Spracharbeit – dem historischen Kern des Instituts – und der Förderung zeitgenössischer, oft politisch unbequemer Kunst?
Seit Jahrzehnten haben wir einen klaren Auftrag: Wir fördern weltweit die Kenntnis der deutschen Sprache, pflegen die internationale kulturelle Zusammenarbeit und vermitteln ein aktuelles Bild von Deutschland. Für mich ist das daher keine Frage der Balance: Sprache und Kultur sind integrale Bestandteile desselben Auftrags. Über beides transportieren sich Werte, die zentral sind für die Bundesrepublik: darunter Freiheit, die Kunstfreiheit in ihren Facetten beinhaltet. Sprachkurse sind angewandte Demokratiepraxis. Ein Kollege erzählte mir kürzlich von einer japanischen Sekretärin, die vom Deutschunterricht begeistert war – sie war dort zum ersten Mal nach ihrer Meinung gefragt worden.
Sie übernehmen das Goethe-Institut in einer Phase spürbarer Sparzwänge und politischer Debatten über die inhaltliche Ausrichtung. 2023 wurden neun Institute geschlossen, über 100 Stellen abgebaut. Wird es weitere Einschnitte geben?
Wir sehen derzeit tiefgreifende geopolitische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche. Viele Gewissheiten geraten ins Wanken. Öffentliche Institutionen müssen ihre Relevanz erklären und sich angesichts der Veränderungen stetig weiterentwickeln. Wir haben stets mit der strukturellen Schwierigkeit zu kämpfen, dass unsere Arbeit im Ausland stattfindet, sodass Vertreterinnen der Politik und Steuerzahlende sie nicht unmittelbar erleben können. Die Vision des Goethe-Instituts ist klar: Sprachkurse, qualitativ hochwertige Kulturprojekte mit Künstlerinnen, Autoren und der Kulturszene aus Deutschland. Wir möchten lebendige Räume schaffen, in denen Ideen frei ausgetauscht werden und wir Demokratie praktizieren.
Was heißt das genau?
Wir haben viel zu bieten, haben Institute in 100 Ländern und sind in noch mehr Ländern aktiv, organisieren Sprachcamps, Kulturprojekte und Diskussionsveranstaltungen. Diesen Schatz an die sich verändernde generelle Mittellage anzupassen, ihn zugleich aber auch weiter bekannt zu machen und zu bewahren, ist eine wichtige Aufgabe. Die Frage ist für mich daher weniger, ob wir uns verändern müssen, sondern wie wir die notwendigen Veränderungen aktiv gestalten. Entscheidend ist, dass wir unsere Ressourcen noch stärker auf unsere Kernaufgaben und die Wirkung unserer Arbeit konzentrieren.
Sie sind nun auch am Goethe-Institut die erste ostdeutsche Generalsekretärin. Beeinflusst das Ihre inhaltlichen Entscheidungen oder Ihre Arbeitsweise? Im Interview mit der Wochenzeitung "Der Freitag" sagten Sie 2022, es sei "keine Kompetenz, aus dem Osten zu sein".
Für mich bedeutet Herkunft, dass ich in der Nähe von Leipzig aufgewachsen bin, der Stadt, in der die Menschen 1989 für die Freiheit auf die Straße gegangen sind, obwohl nicht klar war, dass dies friedlich bleiben würde. Daher ist für mich Demokratie keine Selbstverständlichkeit. Das gilt übrigens auch für Rechtsstaatlichkeit. In meiner Arbeit ist mir wichtig, meine Erfahrungen aus 15 Jahren Kulturarbeit in sechs verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten und die Führungskompetenzen, die ich in meinen bisherigen Positionen erworben habe, einzubringen. Herkunft und Identität sind keine Kompetenzen an sich, können aber dazu befähigen, unterschiedliche Blickwinkel einzubringen und sie produktiv zu machen.
Die fehlende Repräsentanz von Ostdeutschen in öffentlichkeitswirksamen Leitungspositionen wird immer wieder thematisiert. Sehen Sie es als Teil Ihrer Aufgabe als neue Generalsekretärin, Ostdeutsche zu fördern, zum Beispiel bei Berufungsverfahren oder Nachwuchsförderung?
Es ist mir wichtig, dass sich die gesellschaftliche Vielfalt auch in unserem Kollegium widerspiegelt. Unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen bereichern unsere Arbeit, und das ist auch ein zentraler Bestandteil unserer Diversitätsstrategie. Es geht darum, die bestmöglichen, passgenauen Programme für die Kontexte, in denen wir lokal tätig sind, anzubieten. Dabei ist wichtig, dass wir selbstkritisch reflektieren, wer von unseren Programmen profitiert. Wir arbeiten selbstverständlich mit Theatern, Filmschaffenden und Autorinnen aus ganz Deutschland. Jenny Erpenbecks "Kairos" wurde mit dem Übersetzungsfonds des Goethe-Instituts in mehr als 12 Sprachen übersetzt. Auch Steffen Mau und Lukas Rietzschel waren bereits mit uns unterwegs und haben ihre Bücher vorgestellt und Debatten geführt. Was ich dabei interessant finde: In manchen Ländern stoßen Themen wie die deutsche Teilung, Systemkonkurrenz, Vereinigung und Transformation auf großes Interesse, so zum Beispiel in Südkorea, in Ländern mit starken regionalen Unterschieden und im angelsächsischen Raum.
Verstehen Sie sich als Vorbild?
Mir wird manchmal gespiegelt, dass ich Vorbild sei, zum Beispiel von jüngeren Frauen. Das motiviert mich.
Für Ihren Job sind Sie weltweit unterwegs. Welche Sprachen sprechen Sie?
Deutsch, Englisch, Französisch und Koreanisch. Ich habe mich auch mit Chinesisch und Japanisch beschäftigt.