Guerrilla Girls

"Es geht nicht mehr allein um Feminismus"

Das Künstlerinnenkollektiv Guerrilla Girls hält dem Kunstbetrieb seit vier Jahrzehnten äußerst erfolgreich seinen Sexismus vor. Nun wurde die Gruppe in Dortmund ausgezeichnet. Wir haben mit zwei Mitgliedern gesprochen 

Die Guerrilla Girls feiern ihren 40. Geburtstag. Das Getty Center in Los Angeles würdigt die Arbeit des feministischen Kollektivs mit den Gorilla-Masken gerade in der Ausstellung "How to Be a Guerrilla Girl". In Dortmund wurde den Künstlerinnen nun der MO_Kunstpreis "Follow me Dada & Fluxus" verliehen. 

Der Preis wird bereits zum 12. Mal durch die Freunde des Museums Ostwall vergeben. Er ist mit 20.000 Euro dotiert und ermöglichte dem Haus den Ankauf von 31 signierten Plakaten der Preisträgerinnen sowie eine begleitende Ausstellung. Frida Kahlo und Käthe Kollwitz - Gründungsmitglieder der Gruppe, die unter den Pseudonymen weiblicher Kunststars auftreten - nahmen die Auszeichnung im Dortmunder U entgegen.
 

Käthe Kollwitz und Frida Kahlo, seit 40 Jahren üben Sie Kritik am Kunstbetrieb - nun gibt es dafür einen Museumspreis. Wie fühlt sich das an? 

Frida Kahlo: Der Preis hat uns überrascht. Außerhalb der USA haben wir noch nie einen Preis bekommen. Unsere Wahrnehmung in Europa war uns gar nicht so bewusst, daher haben wir uns wirklich sehr gefreut.

Käthe Kollwitz: Das ist schon okay, auch wenn solche Preise zum System gehören. Es ist ja per se nichts Schlechtes und wird der Sache guttun. Es wirft ein Licht auf unsere Themen und die sind wichtiger denn je. 

Erinnern Sie sich noch gern an Ihre Anfänge? 

K. K.: Begonnen hat alles mit der Plakataktion in New York: "Do women have to be naked to get into the Met Museum?" Ich war sehr nervös. Wir haben improvisiert. Was würde passieren? Würde man uns ignorieren oder wie werden die Reaktionen sein? Wir waren vom Erfolg total überrascht. Es wurde viel besser als wir dachten. 

F. K.: Dann haben wir einfach weiter gemacht. Ehrlich, wir hatten keinen Plan - wir haben einfach immer wieder etwas Neues ausprobiert. Die Themen wurden vielfältiger und wir sind gewachsen. In den 40 Jahren hatten wir bis zu 60 Mitglieder. Aber es war uns auch immer wichtig, nicht zu groß zu werden.

Was hat sich seit dem verändert? Wie erleben Sie zum Beispiel aktuelle Situation in den USA unter Trump?

F. K.: Es geht nicht mehr allein um Feminismus, sondern um Diskriminierung im Allgemeinen, um queere Menschen, People of Color, um Armut und Ungleichheit - letztendlich um Menschenrechte. Wir haben uns immer weiter entwickelt. Die Dortmunder Ausstellung trägt den Titel "Its Not Democracy Without Feminism" - ein Slogan, den wir während des zweiten Wahlkampfs von Trump plakatiert haben. Weltweit.

K. K.: Die aktuelle Situation in den USA ist natürlich eine Katastrophe - aber da ist immer auch Hoffnung. Aktuell ist unsere Gesellschaft gespalten. Trump fängt all die Menschen ein, die sich abgehängt fühlen, aber an die wirklichen Ursachen, die Einkommensunterschiede zum Beispiel, geht er nicht ran. Im Gegenteil, sein Handeln verschärft die Situation. 

F. K.: Wir glauben aber daran, dass sich das alles auch wieder ändert. Es gibt viele progressive Strömungen in die USA. Sie sind jetzt nur nicht an der Oberfläche, und daher sieht es aus, als würden wir alle eine Rolle rückwärts machen. Wir können das jetzt nicht stoppen, aber wir machen weiter. Lasst uns das F-Wort für Feminismus zum F-Wort für future machen.

Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen Aktivismus und Kunst?

Käthe Kollwitz formt mit ihren Fingern eine Null, Frida Kahlo ein Herz. 

K. K.: Kunst ist eine Art, etwas zu tun. Sie ist Ausdruck von Werten und immer politisch. Frida Kahlo war politisch, Käthe Kollwitz war politisch … 

F. K.: Und Künstler sind Träumer. Das ist wichtig, denn das System muss weiter verändert werden. Wir dürfen nicht aufgeben. 

Sind die Masken, die Anonymität, in diesem Kampf noch immer nötig?

K. K.: Die Maske ist als Schutz unserer Identität nicht notwendig. Sie ist ein Stilmittel und bleibt ein wichtiges Zeichen. Es geht hier nicht um uns, unsere Individualität, sondern es geht um uns alle, unsere Wut und die kollektive Idee.

F. K.: Du glaubst gar nicht, wie viel Freiheit du hast, wenn du diese Maske aufsetzt. Jede kann ein Guerrilla Girl sein. Es gibt so viele tolle Künstlerinnen, und die wollen wir inspirieren. Seid mutig. Macht, was ihr wollt. Macht einfach.