Kuratorin Larissa Kikol zu Post-Vandalismus

"Gesetze sind kein Maßstab für Kunst"

Die Ausstellung "Under the Milky Way" im Kunstverein Hannover zeigt Kunst von der Straße. Die Kuratorin und Monopol-Kolumnistin Larissa Kikol richtet den Blick auf eine neue Bewegung jenseits von Banksy

Larissa Kikol, Sie beschäftigen sich mit einer Kunstrichtung, die eigentlich ohne Institutionen auskommt. Für Monopol schreiben Sie die Kolumne "Hidden Masters" über illegale Kunst. Jetzt kuratieren Sie gemeinsam mit Christopf Platz-Gallus eine Ausstellung im Kunstverein Hannover. Ist das kein Widerspruch?

Ich würde eher anders fragen: Kommen die Institutionen auch ohne sie aus? Ungenehmigte Kunst von draußen und post-vandalische Tendenzen sind in Kunsthochschulen, beim künstlerischen Nachwuchs, in Subkulturen und im politischen Aktivismus weit verbreitet und haben die Kunstgeschichte schon lange beeinflusst. Etwa im Nouveau Réalisme, bei Christopher Wool, Gordon Matta-Clark oder aktuell bei Phyllida Barlow, Anne Imhof oder Anselm Reyle. Die Liste ist lang. Mein Co-Kurator Christoph Platz-Gallus und ich interessieren uns sehr für diese Verbindungen. In der jungen Kunstszene entwickeln sich starke Tendenzen, die parallel zur etablierten Kunstwelt stattfinden. Für die meisten der von uns ausgestellten Künstlerinnen und Künstler ist dieser große institutionelle Rahmen Neuland, aber sie halten dem Vergleich im institutionellen Feld mit Bravour stand.

Lange war es überhaupt nicht selbstverständlich, dass Graffiti oder "selbstbeauftragte" Werke im Stadtbild ernstgenommen wurden. Ändert sich das gerade?

Ich denke schon. Unsere Ausstellung "Under the Milky Way" im Kunstverein Hannover soll ein weiterer großer Schritt auf diesem Weg sein. Wir hoffen, dass "Post-Vandalismus" ein Begriff wird, der in die Kunstlexika, in Theorie und Praxis einzieht. Die Hochzeiten der Street und Urban Art sind ja schon wieder vorbei. Da gab es spannende Momente, aber künstlerisch entwickelt sich dort wenig Neues. 

Warum ist Ihnen diese Abgrenzung wichtig?

Street Art ist in der Regel sauberer, figurativer und dekorativer. Ähnlich wie die Pop-Art im Vergleich zum Neo-Expressionismus oder zur Konzeptkunst. Unter post-vandalischer Kunst sammeln sich Werke der abstrakten Malerei, der Videokunst, der installativen oder konzeptuellen Kunst. Gemeinsam haben sie ihre Inspiration auf der Straße, ihre alternativen Lebensentwürfe in der Illegalität, aber im Resultat reihen sie sich in die zeitgenössische Kunst ein. Sie verwehrt sich auch origineller gegen kommerzielle Aneignungen, was mit der Street Art leider passiert ist.

Haben Sie ein paar gute Beispiele?

Das Kollektiv Rocco und seine Brüder setzt hier an, zum Beispiel mit einem Grab, das die Mitglieder auf einem Bürgersteig errichteten, um auf die problematischen Wohnungspreise aufmerksam zu machen. Auf dem Grabstein stand: "6,20 €/m²". Oder sie realisierten eine ungenehmigte Theateraufführung in einem Berliner U-Bahntunnel. Den Eingang tarnten sie mit der Ausstattung des legalen Unterhaltungsevents "Berliner Unterwelten". Dem Duo Moses und Taps wird die nationale Intervention "Post-Graffiti" zugeschrieben. Sie bemalten ungenehmigt einen Großteil des Fuhrparks der deutschen Post mit Graffiti. Einerseits ein Spiel mit kunsthistorischen Begriffen, andererseits die Lieferung direkt zur Bevölkerung nach Hause!

 

Moses und Taps "Eternal Return", Ausstellungsansicht, "Under the Milky Way", Kunstverein Hannover 2026
Foto: Andre Germar

Moses und Taps "Eternal Return", Ausstellungsansicht, "Under the Milky Way", Kunstverein Hannover 2026

In Hannover zeigen Sie auch Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern sowie von Kollektiven, die jenseits des Legalen arbeiten. Wie problematisch ist das für Sie?

Auch Ai Weiwei ist beispielsweise in seinem Land zensiert. Gesetze sind also kein Maßstab für Kunst. Im post-vandalischen Bereich ist ja gerade interessant, wie die illegale Aneignung des Außenraums die künstlerische Praxis prägen kann. Die Orte werden beansprucht, aber es muss auch mit ihnen umgegangen werden. Eine Arbeit mit Qualität zu machen, trotz schlechter Bedingungen – Wetter, Zeitdruck, teilweise extrem große Formate, ungünstiges Licht und der Stress, erwischt zu werden –, ist eine Herausforderung. Komposition und Geste müssen direkt funktionieren. Ein künstlerisches Bild auf einem Zug ist dann gleichzeitig eine siegreiche Performance, die sportliche, planerische und künstlerische Herausforderungen vereint. Das Bild fährt durch Stadt und Landschaft, muss sich also auch von allen möglichen Hintergründen abheben, nicht nur von einer weißen Wand. Es ist eine härtere Schule als die Kunstakademie.

Das Katz- und Mausspiel mit den Behörden hat einen großen Reiz, die Karriere von Banksy baute darauf auf. Welchen Stellenwert hat er in Ihrer Szene?

Banksy steht ja mehr für Street Art. Also eigentlich ein Bereich, der überzeugte Zugsprayer, abstrakte Maler oder die post-vandalischen Konzeptkünstler weniger interessiert. Doch dass Banksy sehr gewagte illegale Aktionen perfekt durchführt, und das auch in politisch brisanten Staaten, wird natürlich anerkannt. Banksy ist ein David Copperfield der illegalen Kunst. Je besser der Trick, umso mehr fesselt er die Menschen. Würde er bald nur noch legale Postkarten und Wandbilder gestalten, oder nur noch Kunstauktionen austricksen, wäre er ein netter Grafiker und ziemlich schnell vergessen.

Wie sind die Reaktionen darauf, dass er mutmaßlich enttarnt wurde? 

Ich höre immer wieder: "Wer er ist, ist doch wirklich das Uninteressanteste an ihm." In der illegalen Kunstszene geht es eben nicht um die eigene Identität oder die eigene Biografie, sondern ums Werk. Dazu zählt natürlich auch eine anonyme, gerne auch surreal anmutende Künstlerfigur. Dies zu respektieren und niemanden zu verraten ist oberstes Gebot. 

Was ist Ihre Meinung?

Ich bin persönlich kein leidenschaftlicher Fan seiner Arbeiten, aber ich muss objektiv anerkennen: Wenn man die breite Bevölkerung fragen würde, welche bildenden Künstler sie kennen, dann würden die meisten wohl sagen: Picasso und Banksy. Und wer er heute ist, ändert nichts daran, wer er immer war.

Was kann die institutionell beglaubigte Kunst von den Post-Vandalistinnen und -vandalisten lernen?

Einiges. Zum Beispiel, dass bei den Auswahlkriterien nicht nur Hochschulabschlüsse, Auszeichnungen und Galerievertretungen zählen. Das alles ist oft eine Glücks- und Profilfrage und sagt wenig über die Qualität der Arbeit aus. Außerdem steht bei legal arbeitenden Künstlern die Straße als Referenz ja oft hoch im Kurs. Aber wenn man nicht auch die Protagonisten einbezieht, die wirklich um die Straße kämpfen und den Außenraum visuell und häufig ohne Kompromisse prägen, dann bleibt man nur an der Oberfläche, beim Hörensagen oder eben bei einer halbgaren Theorie. Dabei geht es um eine Verschmelzung von Kunst und Leben, gerade dann, wenn man nicht eingeladen wird, sondern für seine Praxis sogar Strafen riskiert. Unter diesem Druck entstehen andere Haltungen, Gesten und Spiele. "Autonomie" wird hier anders gelebt als bei Künstlern, die sich in ihrem heimeligen Atelier nur theoretisch mit Autonomie beschäftigen.