Mario Pfeifer über sein Porträt zweier Deserteure

"Als Kanonenfutter behandelt"

In seinem neuen Film porträtiert Mario Pfeifer zwei Männer aus Kamerun, die für Russland im Krieg gegen die Ukraine kämpften. "Wutame / Caché" ist derzeit in der Ausstellung "Tirailleurs" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) zu sehen. Ein Gespräch darüber, wie koloniale Gewalt fortwirkt – und wie sie sich filmisch erzählen lässt

 

Herr Pfeifer, das HKW beleuchtet gerade die Geschichte der hierzulande weitgehend vergessenen Soldaten aus afrikanischen Kolonien, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg für Frankreich kämpften und Europa von Nazi-Deutschland befreiten. War Ihnen die Geschichte der Tirailleurs bereits vertraut, bevor das HKW Sie mit der Arbeit beauftragt hat?

Bekannt war mir das Thema schon, auch durch den Film "Mein Sohn, der Soldat" von Mathieu Vadepied, der 2022 die Geschichte der Tirailleurs noch einmal stärker ins Bewusstsein gerückt hat. Aber das blieb eher an der Oberfläche. Intensiver habe ich mich erst im Zusammenhang mit diesem Projekt damit beschäftigt. Zugleich wusste ich aus der aktuellen Berichterstattung, dass Menschen aus westafrikanischen Ländern auf russischer Seite im Krieg gegen die Ukraine kämpfen. Mich hat interessiert, wie sich solche historischen Konstellationen heute in anderer Form wiederholen.

Worum geht es in den Geschichten der beiden Männer in Ihrem Film?

Der eine Protagonist ging nach Russland, um zu studieren, geriet dort aber in eine existenzielle Notlage. Ihm wurde eine militärische Ausbildung als Ausweg angeboten, später fand er sich an der Front wieder. Der zweite Protagonist hatte bereits Erfahrung als Söldner und ging bewusster nach Russland, wurde dort aber ebenfalls betrogen, schlecht behandelt und nach eigener Darstellung als Mensch zweiter Klasse und als Kanonenfutter behandelt. Beide sind desertiert, traumatisiert zurückgekehrt, und hatten am Ende wirtschaftlich weniger als zuvor.

Die beiden Protagonisten bleiben anonym. Wie haben Sie dafür eine Form gefunden?

Das war die eigentliche ästhetische Herausforderung. Die beiden mussten geschützt werden, gleichzeitig sollten sie als Menschen präsent bleiben. Deshalb sind die Stimmen verfremdet und die Bilder so bearbeitet, dass ihre Anonymität gewahrt bleibt. Mir war aber ebenso wichtig, dass sie Zeit bekommen, sich in ihrer eigenen Sprache und in ihrem eigenen Tempo zu entfalten. Man soll ihnen zuhören können, ihre Erwartungen und ihre Enttäuschungen nachvollziehen. Mich interessierte nicht nur, was passiert ist, sondern auch, wie jemand heute mit einer solchen Erfahrung weiterlebt.

Wie sind Sie mit dem Problem umgegangen, dass sich Aussagen der Porträtierten nur begrenzt verifizieren lassen?

Das war tatsächlich Teil der Schwierigkeit. Vieles blieb schwer überprüfbar, auch weil die Situation in Kamerun von Angst, Schweigen und Unsicherheit geprägt ist. Umso wichtiger war es, dass die beiden sehr reflektiert auftraten und bereit waren, Unterlagen wie Verträge oder Visa zu zeigen. Das waren für mich entscheidende Anhaltspunkte, um ihre Berichte einordnen zu können.

Sie haben gesagt, das Filmen habe sich stellenweise wie eine Therapiesitzung angefühlt.

Die beiden hatten offenbar zuvor noch nie ausführlich über das gesprochen, was sie erlebt haben. Wir saßen stundenlang in einem Hotelzimmer und hörten im Grunde fast nur von Verlust, Verletzung und gescheiterter Hoffnung. Das war für alle Beteiligten intensiv. Die Kamera stand hinter den Protagonisten, nicht frontal. Dadurch entstand ein Raum des Zuhörens. Der Film ist für mich deshalb keine didaktische Arbeit, sondern eine emotionale.

 

Mario Pfeifer "Wutame / Caché", Filmstill, 2026
Courtesy Mario Pfeifer und HKW, Berlin

Mario Pfeifer "Wutame / Caché", Filmstill, 2026

Warum wollten Sie  mit Rückkehrern selbst sprechen und nicht mit Angehörigen oder archivalischem Material arbeiten?

Mir war wichtig, nicht nur über diese Männer zu sprechen, sondern mit ihnen. Wenn man mit Familien gefallener Rekruten spricht, rückt stärker eine passive Opferperspektive in den Mittelpunkt. Mich interessierte aber, wie Menschen, die das selbst erfahren und überlebt haben, heute damit leben und was sie mit dieser Erfahrung in ihrer eigenen Gesellschaft bewirken können.

War die Arbeit in Kamerun mit Risiken verbunden?

Ja, auf jeden Fall. Schon die Recherche war heikel, weil das Thema in Kamerun stark tabuisiert ist und auch für lokale Partner riskant sein könnte. Vieles musste unter geschützten Bedingungen stattfinden. Wir haben deshalb in einem Hotelzimmer gedreht, weil das für die Gespräche der sicherste Ort war. Auch für mich war die Arbeit belastend, weil man nie genau wusste, wie weit man gehen kann und wie sich das Material am Ende sicher aus dem Land bringen lässt.

Wie fügt sich "Wutame / Caché" in Ihre bisherigen Arbeiten ein?

Das Spannungsverhältnis zwischen Sichtbarmachung, Aufklärung und ästhetischer Form ist für mich kein neues Thema, sondern begleitet im Grunde all meine Arbeiten. Gleichzeitig versuche ich, für jedes Projekt eine eigene Form zu entwickeln. Bei "Wutame / Caché" bestand die besondere Herausforderung darin, zwei Menschen zu schützen und sie zugleich als sprechende, erfahrbare Personen präsent zu halten.

Würde der Film auch als politisch wirksames Dokument funktionieren?

Ich erwarte von Kunst, dass sie etwas sichtbar macht, aufklärt und konfrontiert. Gleichzeitig soll sie nicht alles didaktisch ausbuchstabieren. In anderen Projekten habe ich auch an forensischen Formen gearbeitet. Hier war die Situation eine andere. Schon die Tatsache, dass diese beiden Männer überhaupt bereit waren zu sprechen, war ein enormer Schritt. Insofern ging es zunächst nicht darum, ein Beweisstück zu produzieren, sondern überhaupt einen Raum zu öffnen, in dem diese Erfahrungen artikulierbar werden. Diese Arbeit ist eher ein Raum, den man betritt und aus dem man mit mehr Fragen als Antworten wieder herausgeht. Wenn der Film in Kamerun oder anderswo eine Debatte anstößt, wäre das für mich sehr wichtig.