Max Goelitz, während des Sommers schwappten aus dem US-Kunstmarkt einige pessimistische Vibes herüber, weil mehrere Galerien dort ihren Betrieb eingestellt haben. Sie senden mit der Öffnung größerer Räume ein ganz anderes Signal. Was macht Sie zuversichtlich?
Zuversicht war von Anfang an grundlegend bei meiner Galeriearbeit. Es führt nicht weit, sich immer über die strukturellen Probleme dieses Berufsfelds zu beschweren. Man wird Galerist aus Überzeugung und mit einer Spur Idealismus. In den allermeisten Fällen weiß man vorher nicht, wie sich künstlerische Positionen entwickeln. Wenige Dinge sind wirtschaftlich planbar, schon gar nicht über Jahre. Ich habe die Galerie zu Beginn der Pandemie gestartet und bin es gewohnt, mit Krisen umzugehen.
Vorher waren Sie bereits viele Jahre in Galerien tätig. Was waren denn die wichtigsten Lehren der selbstständigen Galeriearbeit?
Wenn man noch als Angestellter arbeitet, kann man sich kaum vorstellen, dass es sich bei einer eigenen Galerie um keinen klassischen Beruf handelt. Es ist eine "All-In-Entscheidung". Dann ist es ein Lebensprojekt, das viel zurückgibt. Wir waren gerade immer dann erfolgreich, wenn wir Dinge gemacht haben, die kommerziell nicht aussichtsreich erschienen. Man sollte sich im Vorfeld nicht selbst begrenzen. Die Strategie, auf vermeintlich ökonomisch sichere Wege zu setzen, kann schnell nach hinten losgehen. Für uns war das jedenfalls keine Option in den letzten fünf Jahren, in denen wir das Profil der Galerie entwickeln wollten.
Ist Ihr Umzug auch als eine "All-In-Entscheidung" zu verstehen? Beschreiben Sie bitte kurz die neuen Räume.
Der neue Raum am Maximiliansplatz im Luitpoldblock hat mich schon seit vielen Jahren angezogen, auch schon unter der Nutzung der Vormieterschaft: Acne Studios hatte dort seinen Flagship-Store. Der Raum ist geprägt von Sichtbeton, Stahl, polierten Edelstahlflächen, Spiegeln. Die minimalistische Härte werden wir auch beibehalten.
Inwiefern?
Mit meinem Architekten Georg Thiersch habe ich ein Konzept entwickelt, bei dem wir mit bestehenden Materialien arbeiten und Dinge umnutzen, umwidmen. Den Ort jetzt mieten zu können, bedeutet für mich einerseits, noch einmal mit der Ästhetik der Ausstellungsräume die innere Hülle der Galerie zu verändern, andererseits bessere Arbeitsbedingungen für mein gewachsenes Team einrichten zu können. Aber auch neue Bereiche zu erschließen, die es uns ermöglichen, mit dem Kreis, der sich um die Galerie entwickelt hat, besser interagieren zu können. Wir werden einen Bereich haben, der tagsüber wie eine Kaffeebar, abends wie eine Bar funktionieren kann. Wir bewegen uns weiter ins Herz des Münchner Kunstzentrums. Wir sind nun unweit des Odeonsplatzes näher an das Kunstareal herangerückt. In unserer bisherigen Lage an der Maximilianstraße hatten wir mittlerweile gar nicht mehr viele Galerien um uns herum. Das ist zwar nicht ausschlaggebend, aber gleichzeitig freue ich mich auf einen Standort, der jetzt eine noch höhere Besucherzahl verspricht und die Möglichkeit, unsere Community weiter auszubauen. Ich möchte auch den Außenraum in unsere Aktivitäten einbeziehen, um uns stärker mit München und dem direkten Umfeld zu vernetzen.
In letzter Zeit diskutiert der Kunstmarkt erneut, ob eine Galerie mehr anbieten muss als alle sechs Wochen eine neue Ausstellung. Warum ist der soziale Aspekt für Sie wichtig?
Letztlich beruht unser Geschäftsmodell auf Beziehungen, zu unseren Künstler:innen, zu unserem Umfeld. Bei vielen Tätigkeiten des Galeriealltags geht es um die Pflege dieser Beziehung, mit Dinnern oder externen Aktivitäten. Das sind doch genau die Momente, in denen Barrieren ein wenig aufweichen und die Rollen zwischen Galerist, Künstler:in, Kundschaft verwischen. das sind Momente, die alle schätzen. Wir wollen mehr davon kreieren. Ich habe das Glück, dass unsere Sammlerschaft oft in die Tiefe geht. Da sind in München Beziehungen gewachsen, die für mich eine Stärke des Standorts sind. Ohne sie könnten wir gar nicht so operieren und hätten auch nicht nach Berlin expandieren können. Das möchte ich ausweiten. Ich bin in unterschiedlichen Rollen seit 2011 hier tätig und möchte den Standort weiter mitprägen. In der Münchner Galerienlandschaft ist ein demografischer Wandel im Gange.
Was kann eine Galerie also sein?
Natürlich viel mehr als alle sechs Wochen eine Ausstellung. Die Arbeit an der Entwicklung der Karrieren unserer Künstlerinnen und Künstler betreiben wir ganz im alten Stil. Wir überlegen uns genau, wen wir bei uns ausstellen, mit wem wir eine langfristige Beziehung beginnen, weil daran Verantwortung hängt, von beiden Seiten, auch natürlich gegenüber den Kaufenden, die sich darauf verlassen sollen, dass wir uns langfristig für die ausgestellten Positionen interessieren. Auch die Entscheidung, die neuen Räume mit der Einzelausstellung "Deception Island" der Künstler:innengruppe Troika zu eröffnen – deren umfangreiche institutionelle Ausstellungen wir im vergangenen Jahr maßgeblich begleitet haben –, unterstreicht unseren Anspruch, künstlerische Karrieren langfristig zu fördern und aktiv mitzuentwickeln.
Sie hatten den demografischen Wandel in der Münchner Galerienlandschaft angesprochen. Betrifft er auch die Kunstkaufenden?
Was die Galerien angeht, fehlt München in der Breite eine Zwischengeneration: Galerien, die jetzt 15 bis 20 Jahre lang aktiv sind und einen internationalen Anspruch haben. Dadurch entstehen Möglichkeiten für jüngere Akteure. Deshalb sehe ich München als Kunststandort enorm unterschätzt, gerade, weil es dieses fantastische Publikum gibt. Jede Galerie entwickelt sich normalerweise mit ihrem Künstler:innenprogramm, aber wächst und altert auch mit ihrem Publikum. Das jüngere Publikum hat eine andere kommunikative Herangehensweise. In den letzten Jahren ist es uns gelungen, ein ernsthaft kaufendes jüngeres Publikum an die Galerie zu binden, das natürlich aber auch auf Augenhöhe und in der Sprache ihrer Generation adressiert werden will. Ich habe Andockpunkte im Programm, weil ich einige Positionen vertrete, die sich mit Themen unserer Zeit befassen und deren Komplexität in ihrem Werk widerspiegeln. Das versuche ich zu verorten, mit Verbindung zu einem historischen Kontext. Ich bin stark mit der Kunst der 1960er-, 1970er-Jahre sozialisiert, durch die langjährige Zusammenarbeit mit Künstlern wie Gary Kuehn, Michael Venezia oder James Turrell.
Trotz dieses großen Potenzials in München haben Sie in Berlin 2022 Räume eröffnet. Was fehlte Ihnen?
Ich würde gern behaupten, dass es ein rein strategischer Zug war, aber es gab auch stark persönliche Gründe. Ich mag Veränderungen. Ich war gewohnt, viel zu reisen, durch die Ortsgebundenheit der Pandemiejahre war das Interesse nach Austausch da. Ich genieße es, in Berlin, wo ich jetzt teilweise lebe, Impulse aufnehmen zu können, die für den Kunstmarkt, die Szene und Produktion prägend sind. Es hat für mich gut funktioniert, zwei Standorte, die durchaus unterschiedlich sind, miteinander zu verschränken.
In München hat sich mit Galerieninitiativen wie Various Others auch viel getan.
Absolut, ich bin selbst im Vorstand und setze mich dafür ein, die Wahrnehmung von München als Kunststandort zu verbessern. Das Zusammenspiel von München und Berlin ist für uns mehr als Eins plus Eins – es hat wirklich Synergien in beide Richtungen ergeben. Das möchte ich aufnehmen und die internationale Wahrnehmung weiter stärken. Ein Galerienbetrieb ist ein langfristiges Geschäft, bei dem man immer viele Bälle in die Luft werfen muss – und man weiß nie, welche wieder herunterkommen. Ich bin kein Fan davon, über Standorte oder Beschränkungen des deutschen Kunstmarkts zu jammern. Ich glaube, hier gibt es großartige Möglichkeiten.
Wie wichtig sind Messen für Sie?
Messen prägen den Kunstmarkt. Doch ihr Einfluss nimmt ab, auch weil sie sich regional fragmentieren. Ich habe in den Pandemiejahren gelernt, wie wichtig es ist, lokal verankert zu sein. Ich bin total gern auf Messen. Gleichzeitig unterwirft man sich gewissen Mechanismen: Wie wird man gerade als junge Galerie ausgewählt? Ich bin nicht immer der beste Lobbyist in eigener Sache. Aber ich denke auch, im Prinzip muss man als Galerie allein vom Betrieb der eigenen Standorte operieren können. Erst dann sind internationale Märkte der nächste Schritt. Es bringt nichts, einmal im Jahr irgendwo aufzutauchen und dann auf ein paar Quadratmetern Kunst auszustellen. Man muss eine ganzjährige Strategie verfolgen, dann können auf Messen neue Kontakte entstehen. Wir hatten gerade eine ganz tolle Messerfahrung auf der Liste Basel, die Dichte von internationalem Publikum und das Feedback haben mich überrascht. Wir zeigten mit einer Solo-Präsentation von Lukas Heerich eher ein Statement als eine Verkaufspräsentation. Das ist sicher auch der Weg, den wir weitergehen werden.
Für einige Galerien werden Messen zum Problem, weil sie in Vorleistung gehen müssen und nicht wissen, was sie zurückbekommen.
Es muss einem klar sein, dass jeder Neukontakt teuer erkauft ist, ob man ihn durch aufwändige Anlässe an lokalen Standorten generiert, durch Reisetätigkeit oder eben durch Messeteilnahmen. Die Qualität liegt dann eigentlich darin, diese Kontakte zu vertiefen. Dann besteht auch gar nicht die Notwendigkeit, ständig neue Touchpoints zu schaffen. Niemand weiß, welche internationalen Handelsbarrieren uns das Leben weiter schwer machen werden. Deshalb tut man gut daran, sich auf eine starke lokale Basis zu stellen und daraus Dinge zu entwickeln.
Es wurde in jüngster Zeit immer wieder beklagt, dass es zu viel Konkurrenz auf dem Markt gebe, besonders im jüngeren und mittleren Segment. Das können Sie, gerade für München, nicht bestätigen?
Ich bezweifle, dass es heute mehr Galerien gibt als noch vor zehn Jahren. In Berlin operiert man in unterschiedlichen Nischen, sodass man gar nicht dieses Konkurrenzgefühl lebt, sondern auch Kollegialität. Man schafft sich Nischen über Themen, über das Künstlerprogramm, aber auch über das Umfeld, das man entwickelt. Mit Blick auf München wünsche ich mir sogar mehr Galerien. Ich hätte da kein Konkurrenzgefühl. Man geht, wie Berlin zeigt, durch ein großes Angebot als Standort insgesamt gestärkt hervor.
Worauf freuen Sie sich in den nächsten fünf Jahren?
Darauf, mein Galerieprogramm weiterzuentwickeln, zum einen mit dem Aufbau von ganz jungen Positionen, die wir teilweise von den Kunstakademien weg übernommen haben, zum anderen mit der weiteren Integration internationaler Positionen auf dem deutschen Markt. Ich habe erstmal nicht vor, über die beiden deutschen Standorte hinaus räumlich weiter zu expandieren. Das wäre mit gewissen, auch persönlichen Herausforderungen verbunden. Es funktioniert momentan nur, weil ich ein ganz tolles Team habe, mit dem ich im Kern seit fünf Jahren zusammenarbeite und mit dem ich die Galerie auch weiterentwickeln möchte.