Brydie O’Connor über ihr Barbara-Hammer-Porträt

Liebesbriefe und Bonbonpapier

Barbara Hammer war eine Pionierin des Queer Cinema. Mit Werken wie "Dyketactics" (1974) oder "Audience" (1982) erweiterte sie den strukturalistischen Film um eine dezidiert lesbische, körperlich-sinnliche Perspektive. Die New Yorker Filmemacherin Brydie O’Connor zeichnet nun mit ihrem Langfilmdebüt "Barbara Forever" (2026) ein intimes und zugleich historisch vielschichtiges Porträt der 2019 verstorbenen Experimentalfilmerin. Ein Gespräch auf der Berlinale, die den Film in der Forum-Sektion zeigt und der dort den Teddy-Award als bester Dokumentarfilm gewonnen hat

Brydie O’Connor, wie war die Premiere von "Barbara Forever" bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin?

Fantastisch. Als ich in den Saal blickte, dachte ich: Wow, hier sitzen lauter Dykes. Die starke queere Präsenz fühlte sich sofort vertraut an. Barbara und ihr Werk sind in Berlin enorm gegenwärtig. Der Austausch nach dem Film war intensiv. Stephanie Schulte Strathaus, die vorgestellt und moderiert hat, kannte Barbara gut, entsprechend emotional wurde das Gespräch. Schon vor der Vorführung hatten wir Tränen in den Augen, weil wir uns vorstellten, Barbara wäre bei dieser internationalen Premiere dabei. Die Berlinale, besonders das Internationale Forum des jungen Films, bedeutete ihr viel. Sie zeigte hier zahlreiche Werke und fühlte sich vom Festival unterstützt. Dass "Barbara Forever" nun im Wettbewerb um den Filmpreis Teddy läuft, wirkt fast surreal – Barbara selbst hat mehrere Teddys gewonnen.

Haben Sie mit Menschen aus dem Publikum gesprochen, die Hammer persönlich kannten?

Ja. Eine Frau erzählte mir, Barbara sei Ende der 1980er ihre Untermieterin gewesen. Solche Begegnungen lassen meine Beziehung zu ihr weiter wachsen. Ich lerne sie immer besser kennen – nicht nur über ihr Archiv, sondern auch über diese persönlichen Geschichten.

Wie haben Sie die Künstlerin entdeckt? Und wie persönlich kennengelernt?

Während meines Geschichtsstudiums in Washington D.C. mit Schwerpunkt Queer Cinema. Ich hörte von ihren Filmen aus den 1970ern, aber sie waren nicht aufzutreiben. Also kontaktierte ich Barbara direkt und bestellte DVDs bei ihr. 2017 zog ich nach New York, wir trafen uns einige Male. Anfang 2019 schrieb ich ihr erneut, weil ich an meinem ersten Film "Going Steady" arbeitete – einem fiktionalen Kurzfilm, der in Kansas spielt. Er ist durchaus von ihrem Werk inspiriert. Barbara antwortete, sie sei am "absoluten Ende" ihres Lebens, wünsche mir aber alles Gute. Mir war damals nicht klar, wie krank sie war. Im März 2019 starb sie.

Mit Hammers Witwe Florrie R. Burke entstanden aber Freundschaft und Zusammenarbeit?

Ja. Nach Barbaras Tod lernte ich Florrie kennen. Aus dieser Nähe entstand zunächst der Kurzfilm "Love, Barbara" (2022), erzählt aus der Perspektive ihrer über 30-jährigen Beziehung. Auch "Barbara Forever" entstand in enger Zusammenarbeit mit ihr.

Was macht Hammers Werk so herausragend?

Barbara fand selbst, sie werde noch nicht ausreichend anerkannt. Dabei war sie unglaublich produktiv – über 80 Filme sind entstanden. Entscheidend ist ihr dokumentarischer Impuls: Sie filmte sich selbst, ihre Liebhaberinnen, ihr Alltagsleben, die banalen Momente, ihre Community. Dieses Material bearbeitete sie experimentell und präsentierte es in immer neuen Formen. Ihr Spieltrieb und ihre Produktivität sind zentral.

Hammer war sieben Jahre mit einem Mann verheiratet und hatte ein spätes Coming-out. Wie spiegeln sich diese Wendepunkte im Werk?

Sie sagte einmal, sie sei mit 30 lesbisch geworden und habe das Wort vorher nie gehört. Ihr Coming-out war eng mit dem Wunsch verbunden, sich künstlerisch auszudrücken. Allerdings experimentierte sie bereits zuvor mit Film und Malerei und filmte ihre Umgebung – auch während der Ehe. In ihren Arbeiten lässt sich ihr Leben unmittelbar nachzeichnen.

Nach ihrer Krebsdiagnose 2007 scheint der Körper in Hammers Arbeiten stärker ins Zentrum zu rücken.

Der eigene Körper war immer ihr Ausgangspunkt. Mit dem Älterwerden und der Diagnose verschoben sich die Akzente – Sterblichkeit und Emotionalität wurden präsenter. Als sie mit Florrie zusammenkam, eröffnete ihr die stabile Beziehung neuen Raum. So entstand etwa ihr erster Langfilm "Nitrate Kisses" (1992), in dem sie Repression und Marginalisierung von LGBT-Menschen seit dem Ersten Weltkrieg untersucht.

Ihr Fokus weitete sich später auf unterschiedliche Formen von Queerness, auch auf schwule Männer.

Ja. In "Snow Job" (1986) setzte sie sich mit der medialen Hysterie um AIDS auseinander, in "Nitrate Kisses" erscheint auch ein schwules Paar. Obwohl sie stark aus persönlicher Erfahrung arbeitete, suchte sie bewusst Erweiterung – etwa durch Kooperationen, unter anderem mit Joey Carducci. Diese Vernetzungen wollten wir im Film sichtbar machen.

Die Männer in Hammers Leben spielen in Ihrem Film kaum eine Rolle. Warum?

Wir beleuchten Barbaras Kindheit im Kontext jener Lebensphase, in der sie ihren autobiografischen Film "Tender Fictions" (1995) gemacht hat. Barbara wuchs in Hollywood auf; ihre Familie hoffte, sie könne ein Kinderstar à la Shirley Temple werden. Ihre Großmutter arbeitete als Köchin für Stars und hatte gute Kontakte zu einer Casting-Agentur. Solche biografischen Elemente sind wichtig, doch ein Film darf nicht mit Details überfrachtet werden. Wir haben uns auf jene Aspekte konzentriert, die sie selbst als prägend betrachtete.

Wie lange haben Sie an "Barbara Forever" gearbeitet?

Mit Barbaras Werk beschäftige ich mich seit fast zehn Jahren, am Schnitt saßen wir die letzten drei.

Es gibt eine gewisse Chronologie im Film, die immer wieder durchbrochen wird. Gibt es zentrale Ideen, die Ihnen bei der Erzählung und Montage geholfen haben?

Wir sprechen von einer "queeren Chronologie" – einer Struktur, die nicht strikt von Geburt zu Tod verläuft. Da war viel Versuch und Irrtum am Schneidetisch, und ich bin dem Team so dankbar für die Offenheit und dafür, dass es den Raum gab, herauszufinden, was diese queere Chronologie sein könnte.

Hammer selbst ist die Erzählerin in Ihrem Film.

Das war früh entschieden: keine Talking Heads von Expertinnen oder Freundinnen – mit Ausnahme von Florrie. Dank zahlreicher Archivtonaufnahmen kann Barbara mit sich selbst über Zeiten hinweg ins Gespräch treten. Uns reizte dieses kaleidoskopische Porträt.

Gab es Material, das Sie schweren Herzens weglassen mussten?

Sehr viel. Etwa ein Videobrief, den Barbara Florrie als posthume Botschaft hinterließ. Im Film zeigen wir nur einen Ausschnitt, in dem sie das Kameraobjektiv küsst. Komplett ist das Band in meinem Kurzfilm "Love, Barbara" zu sehen. Bei über 80 Filmen kann man nur Fragmente wählen. Ich wollte Neugier auf ihr Gesamtwerk wecken. Die Werke sind ja inzwischen digitalisiert und zugänglich.

Als Post-Credit-Szene zeigen Sie Hammers "Dyketactics" (1974) in voller Länge, ein damals unerhörtes Pionierwerk über lesbische Liebe. 

Zum einen wollen wir, dass die Leute aus dem Film kommen und Barbaras Werk entdecken. Zum anderen lief "Dyketactics" bereits in den 1980ern auf der Berlinale. Zum 40. Jubiläum des Teddy-Awards war das ein schöner Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Wir müssen über Barbara Hammers Archiv sprechen. Sie hat sehr früh damit angefangen. Sonst denken Kunstschaffende erst darüber nach, wenn sie alt sind.

Sie wollte Lücken in der lesbischen Geschichte mit ihren eigenen Erfahrungen und Geschichten füllen. Sie hat nicht nur gefilmt, sondern schon früh alles aufbewahrt – Filme, Briefe, Fotos, Ephemera, sogar Bonbonpapier. Sie war überzeugt, dass das Persönliche historisch ist. Barbara war auch sehr auf Ordnung bedacht: Die Liebesbriefe aus den 1970ern gehörten in den einen Ordner, ihre Korrespondenz mit Florrie Burke der 1990er in einen anderen. Sie hat in den letzten Lebensjahren, auch als sie schon sehr krank war, viel Zeit verwendet, ihr Archiv zu strukturieren. Dieses Selbstbewusstsein, den Wert des eigenen Archivs früh zu erkennen, ist außergewöhnlich.

Wenn Sie Barbara Hammer heute eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Ob ihr der Film gefällt. Ihre Kritik würde mich interessieren. Und ich würde gern wissen, wie sie es geschafft hat, 31 Jahre lang eine erfüllte Beziehung mit Florrie zu führen. Also, ich würde mit Barbara um zwei Fragen feilschen.