Mona Fastvold, Ihr Film erzählt vom Leben Ann Lees, die ab den 1770er-Jahren die Shaker in Nordamerika etablierte und prägte – eine radikale christliche Glaubensgemeinschaft. Was daran erschien Ihnen am filmischsten?
Es gibt viele faszinierende Aspekte. Besonders elektrisiert hat mich die Entdeckung, dass die Shaker ihr Gebet durch Gesang und Tanz ausdrückten, oft bis zur Ekstase. Es gibt Beschreibungen früher Versammlungen, in denen tagelang getanzt wurde. Gebetstreffen, die fast wie spirituelle Rave-Partys wirkten. Das wollte ich unbedingt einfangen. Ich stellte mir einen Raum mit 150 Menschen vor, 100 Kerzen, alle in Bewegung – und dachte sofort: Das ist ein Bild, das ich drehen will. Später stieß ich auf Bleistiftzeichnungen von Shakern in streng kreisförmigen Formationen, nach Geschlechtern getrennt, sehr formal. Ein starker Kontrast zur freien, spiralförmigen Bewegung am Anfang. Diese Bilder mussten lebendig werden. Aber mein eigentlicher Zugang war Ann Lees Mission selbst: die Entdeckung einer beinahe ausgelöschten feministischen Ikone. Das fühlte sich wie ein Schatz an und wie eine Verantwortung.
Es sind nicht nur die Tänze, sondern auch Rituale, Gesten, der Umgang mit Raum wirken wie eine Performance, fast wie eine Installation, die man körperlich betritt. Haben Sie zunächst konzeptuell gedacht?
Ich wusste von Anfang an: Bewegung und Musik müssen im Gebet verwurzelt sein. Ich wollte kein klassisches Musical machen. Ich erzähle eine Geschichte, und an bestimmten Stellen beten diese Menschen. Und sie tun es durch Gesang und Tanz. Ich dachte viel über Improvisation nach. Waren Sie mal in einem Impro-Bewegungskurs? Mit der Zeit entstehen Muster. Ich habe meiner Choreografin Celia Rowlson-Hall gesagt: Lass Dich nicht davon einschränken, dass es im 18. Jahrhundert spielt. Diese frühen Gebetsmomente waren radikal, weil Menschen sich frei bewegen durften.
Also ging es Ihnen weniger um historische Rekonstruktion als um körperliche Erfahrung?
Genau. Ich wollte keine "historisch korrekten" Bewegungen. Im Gegenteil: Kleidung fiel ab, Hauben flogen, Haare lösten sich. Es musste körperlich, weit, fast zeitgenössisch sein. Gleichzeitig sollte alles aus einem inneren Ort kommen, aus Gebet, nicht aus Zurschaustellung. Es durfte nicht wie eine dekorative Tanznummer wirken. Für den Gesang arbeiteten wir mit improvisierenden Sängerinnen und Sängern, die unser Komponist Daniel Blomberg mir vorgestellt hat.
Die Shaker erscheinen wie ein kollektiver Organismus, auch bei alltäglichen Aufgaben. Wie hat das den Rhythmus des Films beeinflusst?
Die Shaker waren außergewöhnliche Handwerker und Erfinder. Für sie war Arbeit auch eine Form des Gebets. Im Film greifen wir diesen Gedanken auf: Arbeite jeden Tag so, als hättest du 1000 Jahre zu leben – oder als würdest du morgen sterben. Dieses Prinzip, diese obsessive Hingabe, hat sich auch in unseren Herstellungsprozess eingeschrieben. Wie können wir ehrlicher werden? Präziser? Wahrhaftiger? Die Klänge der Arbeit – Holz, Werkzeug, Material – flossen in die Musik und in den Schnitt. Die Rhythmik des Films entstand aus diesen Texturen. Für mich hängt das alles zusammen: Gemeinschaft, Struktur, Gleichheit, Ordnung.
Mona Fastvold "The Testament of Ann Lee", mit Amanda Seyfried, still, 2025
Sehen Sie darin Parallelen zum Filmemachen?
Ja. Ein Filmset ist ebenfalls eine kleine Gemeinschaft. Wir haben überwiegend in Ungarn gedreht und teilweise in Schweden. Es gibt Hierarchien, auch zur Sicherheit. Technik, Elektrik, Kabel, Gerüste können Menschen verletzen. Ein Set muss wie ein Schiff funktionieren.
Aber es gibt unterschiedliche Arten, ein solches "Schiff" zu führen?
Genau. Ich bin auf Filmsets aufgewachsen und habe sehr unterschiedliche Set-Kulturen erlebt. Mit acht Jahren habe ich in Norwegen als Schauspielerin angefangen. Mir war wichtig, bewusst zu entscheiden, wie die Atmosphäre an meinem Set aussehen soll. Mit Amanda Seyfried, unserem Kameramann Will Rector und auch mit Brady Corbet, meinem Partner und Ko-Autor, teilte ich dieses Verständnis. Es ging darum, einen sicheren, warmen Raum zu schaffen. Sicherheit erzeugt Spielraum und Spielraum erzeugt Kreativität.
Ihr Film wirkt weniger an historischer Genauigkeit interessiert als an sinnlicher Erfahrung. Ist historische Genauigkeit überschätzt?
Man muss gründlich recherchieren. Wenn man Regeln bricht, sollte man das bewusst tun. Aber es ist Fiktion, kein Dokumentarfilm. Ich erzähle Ann Lees Geschichte und gleichzeitig meine eigene durch ihre. Es gibt viele Leerstellen in ihrer Biografie. Die muss ich füllen.
Gab es bei der Recherche Details, die Sie überrascht haben?
Ich liebe es, auf Details zu stoßen, die fast "falsch" wirken, weil man sie noch nie gesehen hat. Ich wollte etwa wissen, wie eine Nervenklinik im 18. Jahrhundert aussah. Ich dachte, das gehöre eher ins Viktorianische. Aber es gab solche Einrichtungen bereits, und Ann Lee arbeitete dort, später wurde sie selbst eingewiesen. Ich fand eine Zeichnung eines Frauenhospitals mit Heuständen, in denen die Patientinnen lagen. Dieses beinahe Mittelalterliche – im mittleren bis späten 18. Jahrhundert, in einer Übergangszeit, in der Menschen und Tiere noch Räume teilten – hat mich fasziniert. Diese Zeichnung war die einzige Evidenz. Wir bauten das Design des Hospitals darauf auf. Solche seltsamen Details liebe ich.
Sie beschreiben Ann Lee als beinahe vergessene feministische Ikone. Wie resoniert ihre Geschichte heute?
Zunächst einmal darf sie nicht vergessen werden. Natürlich hat sie während ihres Lebens Entscheidungen gefällt, die ich anders fällen würde, etwa Zölibat. Aber ich wollte ihren Weg dorthin nachvollziehbar machen.
Indem sie ihre konkreten Lebensumstände sichtbar machen?
Wenn du in einer Zeit lebst, in der du in deiner Küche gebärst, mehrere Kinder verlierst, deine Mutter und Schwestern dieselben Traumata erleben, verstehe ich, wie man zu radikalen Schlüssen kommt. Es ging aber nicht nur um Trauma. Es ging auch darum, Geschlechterrollen neu zu definieren. Das System Ehe funktionierte für sie nicht. Es bedeutete rechtlich und sozial Besitz. Also musste sie eine andere Sprache finden: "Bruder" und "Schwester" als Begriffe, in denen Autonomie und Gleichheit möglich werden. Sie brach die Familienstruktur auf. Und indem sie das tat, formulierte sie eine neue Form von "Mothering": für alle sorgen, Empathie kultivieren, Kreativität nähren. Und manchmal heißt Fürsorge eben auch, loszulassen.