Modedesigner Wolfgang Joop

"Kunst und Mode sind verfeindete Schwestern"

Wolfgang Joop zeigt in Potsdam Gemälde und Skulpturen, die dem Wesen von Tieren und Träumen nachspüren. Hier spricht der Modeschöpfer über seine künstlerische Arbeit und das Verhältnis von Mode und Malerei

Kann das ein Zufall sein? Drei Tage nach dem Tod der großen Schimpansenforscherin Jane Goodall eröffnete im Kunstraum Potsdam eine Ausstellung von Wolfgang Joop, die wie eine Hommage an Goodalls Tiere wirkt. Die Schau, die noch bis 18. November zu sehen ist, offenbart überraschende Seiten des Modeschöpfers. Nicht nur, dass er bisher überhaupt so viele und erstaunliche Bilder, Plastiken und Reliefs neben seiner weltbekannten Mode schuf. 

Viele seiner künstlerischen Werke gehen dem Wesen von Affen nach, manchmal wie primatologische Studien. Sie bringen Tiere, Kleider und Bilder zusammen. Wir haben Wolfgang Joop nach diesen Beziehungen gefragt.


Herr Joop, in Ihrer Ausstellung spielen viele Formen künstlerischen Ausdrucks eine Rolle. Worin sehen Sie die Verbindung von Malerei, Bildhauerei und Mode?

Alles, was eine emotionale Botschaft hat, öffnet unsere Augen für Kunst und Schönheit. Nur der Begriff der Eitelkeit addiert dazu die Oberflächlichkeit. Man weiß in allen Kulturen, dass Schönheit uns glauben macht, dass die Welt in Ordnung sei. Die Künstler wollen ihr Werk in drei Dimensionen sehen, dabei wird die Plastik von Material befreit, die Mode davon geformt und die Malerei davon dargestellt. Die Mode gefällt mir mit ihrer Schnelligkeit besonders gut, mit der sie zeigt, eine Zeit ist over

Wie ist der Prozess von der Grafik zum Outfit und vielleicht zurück zum Bild? Ist jedes Outfit auch eine Art Bild?

Jedes Outfit ist eine Inszenierung, die ziemlich viel erlaubt, aber keineswegs alles, wie man immer glaubt. Mode ist ein fantastisches Mittel, einen Horizont zu beschreiben, den niemand erreicht. So entsteht Sehnsucht. Die Malerei braucht Zeit und Geduld, die Modeskizze ist ein schneller Strich, der den Zeitgeist beschreibt - nach einer Zeitspanne von zehn Jahren ändert sich ihr Bild komplett. Der Unterschied der bildenden Kunst zur Mode ist auch, dass sie nur durch die Bewegung sprichwörtlich "zum Tragen" kommt. Ich mache Skizzen für die Kollektion, und nach der Kollektion male ich. Die Gemälde der Affen, gefangen in gestickten Rocaillen, verbinden das Widersprüchliche von Kultur und Natur. Die durchstochene Leinwand steht für deren Verletzlichkeit. Auch in der Couture kennt man Schmerz, erst beim mühevollen Prozess des Erschaffens, dann beim Betrachten und dann … beim Bezahlen. In meiner Ölmalerei findet man keine Porträts. Ich fürchte mich davor, dass meine Malerei ins Modische abgleiten könnte, obwohl ich Porträtmalerei wie zum Beispiel das Œuvre von Tamara de Lempicka und Frida Kahlo zutiefst bewundere. Ich habe nie eine Kollektion inspiriert oder angelehnt von der bildenden Kunst geschaffen. Für mich sind das zwei verschiedene Disziplinen mit unterschiedlichen ästhetischen Ansprüchen. Die Kunst und die Mode sind – durch ihre Nähe – zwei verfeindete Schwestern. Die eine will Distanz, die andere dir an die Haut. 

Die offenbar lange und intensive Beziehung zu Tieren in Ihren Werken überrascht. Vor allem sind es die Schimpansen, denen offenbar Ihr Herz gehört. Welche Rolle spielen Tiere in Ihrem Leben und in Ihrer Kunst?

Ich bin auf einem Bauernhof mit vielen Tieren groß geworden, und unsere Melkerin gab mir oft einen Spritzer Milch direkt aus dem Euter. Ein Erlebnis hat mich besonders geprägt: Meine Großmutter hatte als treuen Begleiter einen grauen Ganter. Schon zwölf Jahre begleitete er sie jeden Sonntag zur nahegelegenen Kirche und wartete geduldig bis nach dem Gottesdienst auf sie. Das war für mich die heilste Welt. Doch unweigerlich nahm das Schreckliche seinen Lauf: Der Ganter landete eines Tages gerupft im Kochtopf. Ich klammerte mich an die Schürze der Großmutter und weinte: "Wie konntest du das tun? Warum konntest du ihn nach so langer Zeit nicht leben lassen?" Sie meinte: "Das verstehst du nicht, es kommt sonst alles in Unordnung". Ich liebe Tiere, ich bin es gewohnt, von ihnen umgeben zu sein. Ich bin vernarrt in meine Hunde. Der Affe ist mir wichtig, weil er in der Evolution unsere Vorstufe ist. Er hat in der Beziehung zum Menschen etwas Metaphysisches, das vielleicht nicht jedem von uns zugänglich ist. Ich engagiere mich schon lange für eine Orang-Utan-Auffangstation in Sumatra – eine Affen-Dame namens Brenda habe ich adoptiert.

Warum fasziniert Sie gerade der Gesichtsausdruck der Schimpansen?

Der Affe ist mit seinem Verhalten und seiner Mimik unser Alter Ego. Ich benutze in der Malerei den Affen als Gegenstück zum Menschen. Ich verstecke das, was ich über den Menschen sagen will, hinter dem Affen.

Ihre Kunst steckt voller Anspielungen. Neben dem reichen 18. Jahrhundert und seiner Prachtentfaltung auch Stücke ganz anderer Bild-Traditionen: etwa die Durchbrechung des gemalten, zweidimensionalen Bildes durch Goldfadenstickerei, die sehr an Ikonen erinnert. Auch hier sind die gemalten Partien oft von getriebenem Metall, Stickerei oder Edelsteinen durchsetzt. Gibt es solche Traditionen aus anderen Kulturkreisen, die Ihnen eine Inspirationsquelle sind?

Nicht nur Kulturkreise, sondern auch Epochen und hier insbesondere das Rokoko. Es entstand als Ablösung des Barocks, der schwer und symmetrisch war. Das Rokoko hingegen war asymmetrisch wie die Natur und feierte die Idee des Humanismus. Die Menschen öffneten die Fenster und trugen die - nun leichten - Möbel nach draußen, zum pique-nique! Schloss Sanssouci Friedrichs des Großen befand sich in unmittelbarer Nähe zu unserem Hof und war eine frühe Inspirationsquelle für mich. Kulturkreise wie der Orient interessieren mich, das habe ich mit Yves Saint Laurent gemeinsam. Aber auch die japanische Kultur in ihrer Genauigkeit, einer gewissen Leichtigkeit und wie sie das Traditionelle bewahrt. Seit Marco Polo zieht sich die Kultur der asiatischen Länder wie ein roter Faden durch die europäische Kulturgeschichte, und da wäre ich schon wieder beim Rokoko. Mich beeindruckt in der modernen japanischen Kultur besonders ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Dekonstruktion. Sie hat verstanden, das Trauma des Zweiten Weltkriegs mit großer Selbstempfindung, aber auch Demut, auszudrücken. Im Gegensatz zu uns Deutschen, die versuchten, zu restaurieren oder zu vertuschen. Als das Modelabel Comme des Garçons in den 80ern die Pariser Bühne betrat, glaubte ich, eine Trauerkollektion gesehen zu haben. Aber es war der Beginn einer neuen Ästhetik. 

Welche Künstler sind für Sie wichtig? 

Egon Schiele und Gustav Klimt. Die Nacktheit und unterschwellige Sexualität in ihren Bildern war für die damalige Zeit schockierend. Aber vor allem verehre ich natürlich Tamara de Lempicka, deren Bilder ich gesammelt habe. Ihre kraftvolle Darstellung des Menschen in einer modernen Umgebung war für mich revolutionär. Die Kälte in den Bildern spiegelte die Kühnheit der Moderne wider.

Wenn Sie an einer Kollektion arbeiten: Verfolgen Sie konsequent ein bestimmtes Thema, mehrere Themen, oder gehen Sie eher assoziativ vor?

Neo Rauch sagte mir einmal, dass er die Farbe auf den Boden wirft, und so wie sie zerrinnt, erklärt sie ihm das Thema des Bildes. So ähnlich ist es auch bei mir. Ein Stück Stoff, ein Muster, eine Farbe, ein Accessoire. Diese Dinge erklären mir, in welcher Form sie groß rauskommen wollen, in Paris, Mailand oder New York. Eine Aura entsteht für mich auch passend zu den Städten, wo ich die Kollektion zeige. Die Avantgarde geht immer ein Schritt weiter als die Masse sich traut. Manche meiner Entwürfe waren eher Kunst und wurden auch so gesehen. Es war die unweigerliche Folgerung, dass Wunderkind im Museum landet.