Documenta-Kuratoren Ruangrupa

"Wir arbeiten wie eine Familie miteinander"

Das Kollektiv Ruangrupa will bei der Documenta 15 einiges anders machen als seine Vorgänger. Hier sprechen die Mitglieder Reza Afisina und Daniella Fitria Praptono über die Kunst des Teilens und ihre neue Heimat Kassel

Nachhaltigkeit, Diversität und kollektive Arbeitsweisen sollen die nächste Ausgabe der "Documenta Fifteen" im nächsten Jahr prägen. Auch die kürzlich veröffentlichte Künstlerliste weist darauf hin, dass die Weltkunstschau 2022 weniger ein Schaulaufen der internationalen Kunstszene als ein Experimentierfeld für vielfältige Ausdrucksformen wird. Eine Begegnung mit Reza Afisina und Daniella Fitria Praptono. 

Reza Afisina, Daniella Fitria Praptono, zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die Documenta die künstlerische Leitung einem Kollektiv übertragen. Worin unterscheidet sich Ihre Arbeitsweise von der herkömmlichen kuratorischen Praxis?

Reza Afissina: Als Kollektiv sind wir natürlich grundsätzlich anders organisiert. Jedes Mitglied unseres Kollektivs könnte selbstverständlich auch eigenständig sein ganz persönliches Wissen kommunizieren. Und diesen Gedanken versuchen wir auch sehr bewusst in unsere kollektive Zusammenarbeit einzubeziehen. Es geht also nicht so sehr darum, als Einzelner in einem Kollektiv zu verschwinden, sondern durchaus darum, einander zu inspirieren und auch zu bewundern. Ein Kollektiv lebt nur von den Individuen, aus denen es sich zusammensetzt. Wir treten zwar unter dem gemeinsamen Namen Ruangrupa in Erscheinung, aber können uns durchaus vorstellen, auch andere Künstlerinnen und Künstler zu repräsentieren, die den Geist unseres Kollektivs teilen.

Wollen Sie mit Ihrer Praxis hierarchische Strukturen aushebeln?

RA: Nein, es geht eher darum, den existierenden hierarchischen Strukturen eine andere Arbeitsweise anzubieten, die ihnen selbst fehlt. Wir sehen unsere Arbeit eher als Ergänzung bestehender Systeme - und arbeiten ja auch bereits seit 30 Jahren auf diese Weise.

Daniella Fitria Praptono: Ein zentraler Aspekt in unserer Arbeitsweise ist beispielsweise das generationsübergreifende Arbeiten. Wir mischen dabei bewusst die Altersgruppen und beziehen auch Kinder und die junge Generation mit ein.

RA: Wir arbeiten also eher wie eine Familie miteinander. 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

DFP: Unsere Zusammenarbeit hat eigentlich schon in den 90er-Jahren begonnen, als wir noch aufs College gegangen sind. Da haben wir Essen genauso miteinander geteilt wie Wissen.

RA: Das bedeutet aber nicht, dass wir immer einer Meinung sind. Wir suchen auch die Auseinandersetzung miteinander und die Unterschiede innerhalb des Kollektivs.

Nachhaltigkeit wird auf der "Documenta Fifteen" eine zentrale Rolle spielen. Inwiefern passt das zu Ihrer Arbeitsweise, die Sie "Lumbung" nennen?

RA: Auch in Jakarta beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit. Dabei geht es in erster Linie um die Frage, wie wir unsere eigene Struktur nachhaltig gestalten können. Das ist aber durchaus weitreichender als ökologische Nachhaltigkeit. Es geht auch um eine nachhaltige Arbeits- und Denkweise. So bietet beispielsweise die Corona-Pandemie Chancen, neue Verhaltensweisen anzunehmen, nachhaltig auszubauen und beizubehalten. Außerdem sind wir sehr gespannt darauf, die sehr unterschiedlichen und individuellen Perspektiven der teilnehmenden Künstlerkollektive in Bezug auf Nachhaltigkeitsfragen kennenzulernen. Wir werden sehr unterschiedliche individuelle Bedürfnisse aus den verschiedenen Regionen zusammentragen. 

Über "Lumbung" wurde inzwischen auch in Kassel viel gesprochen. Wie könnte man den Begriff ins Deutsche übersetzen?

DFP: In Indonesien bedeutet "lumbung", dass man Wissen und Ressourcen miteinander teilt.

RA: Aber nicht auf eine mechanische oder mathematische Weise. 

DFP: Es bedeutet eher, dass man miteinander lebt und Ernte und Wissen miteinander teilt, um alle davon partizipieren zu lassen. 

Welche Rolle spielt Humor in Ihrer Arbeitsweise?

RA: Wenn man lacht, dann ist das eine Geste der Wärme und Kontaktaufnahme. Und da wir einerseits an Reibung und Konflikten interessiert sind, ist der Humor für uns auch ein Weg, eine schwierige Auseinandersetzung in positive Energie umzuwandeln. Humor ist für uns eher eine kommunikative Methode als reine Unterhaltung im Sinne einer Komödie.

Sie haben gerade die Liste mit Künstlerinnen und Künstlern veröffentlicht, die auf der "Documenta Fifteen" gezeigt werden. Wie stehen Sie mit denen in Kontakt?

RA: Wir haben hier in Kassel das Ruru-Haus, in dem alles zusammenläuft, ohne dass wir es als Zentrum bezeichnen würden. Es ist eher wie ein großes Wohnzimmer mit vielen Fenstern zu anderen Künstlern und Orten, mit denen wir schon seit Juli 2020 im Austausch stehen.

DFP: Aber auch innerhalb des Ökosystems Kassel treten wir in den Dialog mit den verschiedenen lokalen Communities und auch mit Schulen. 

Wie gefällt Ihnen Ihre neue temporäre Heimat Kassel?

RA: Es gefällt uns sehr gut hier. 2019 sind wir zum ersten Mal hier gewesen und hatten sofort das Gefühl, dass wir hier bleiben wollen. Und inzwischen haben wir schon neue inspirierende Freundschaften vor Ort. Wir lernen hier jeden Tag etwas Neues kennen.

Wie würden Sie die Ihnen anvertraute Aufgabe beschreiben?

RA: Wir sind uns natürlich der langen Geschichte der Documenta bewusst und freuen uns über das Vertrauen, dass die Documenta unserer Methodik und Arbeitsweise entgegenbringt. Die Ausdrucksformen, die wir hier versammeln möchten, sollen aber eben auch über die "Documenta Fifteen" hinzuwirken. Denn Inspiration wirkt länger nach als Unterhaltung.