25 Jahre Fotozentrum C/O Berlin

"Unsere Strategie ist es, professionell, aber auch familiär zu sein"

Das Fotozentrum C/O Berlin gehört zu den beliebtesten Kunstorten der Hauptstadt. Nun feiert es 25. Geburtstag. Hier spricht Mitgründer Stephan Erfurt über die Anfänge, aktuelle Kulturkürzungen und Ausstellungswünsche, die noch offen sind
 

Stephan Erfurt, bevor Sie das Ausstellungshaus für Fotografie C/O Berlin gründeten, waren Sie selbst Fotograf. Sie lebten in den USA, wie haben Sie in New York in den 1980ern Fuß gefasst?

Ich habe zunächst Hans Namuth und Evelyn Hofer assistiert. Nach einem halben Jahr stand die Visa-Verlängerung an, deshalb musste ich zurück nach Deutschland. Mein ehemaliger Tutor aus der Hochschule in Essen vermittelte mir einen Kontakt zur "FAZ".  Ich stellte mich bei der Bildredaktion in Frankfurt am Main vor, aber die leitende Redakteurin sagte mir, sie brauche gerade keine Bilder aus Amerika. Beim Verlassen des Gebäudes kam mir der Art Director des "FAZ-Magazins" entgegen. Ich sprach ihn spontan an, er lud mich in sein Büro ein, und ich zeigte ihm meine Bilder. Er sah mein Dia-Karussell in vielleicht 45 Sekunden durch und sagte: "gekauft". Meine erste Geschichte für das Magazin aus New York war eine Strecke über US-amerikanische Restaurants. Dabei half mir auch ein Anruf bei Joel Meyerowitz.

Stand er im Telefonbuch?

Ja, ich hatte einfach unter "M" nachgeschlagen. Ich fragte ihn nach großen, hellen Restaurants, denn wir fotografierten damals analog und oft mit Stativ. Die Belichtungszeiten sollten nicht so lang sein. Er fand die Idee gut und wusste den perfekten Ort, das Restaurant America am Broadway. Es wurde die Titelgeschichte. 

Und jetzt sind Sie im Amerika-Haus am Zoologischen Garten! Wie kam es eigentlich zu den Anfängen von C/O Berlin?

C/O Berlin wäre nicht zu denken ohne meine Sozialisation in New York. Mein Credo war: "Just do it" und "never solve your problems by excuses"Ich musste mir damals alle Foto-Genehmigungen selbst besorgen, und so habe ich gelernt, mutig jeden anzusprechen, wenn es darum ging, meine Bildideen zu verwirklichen.

Wie entsteht daraus dann ein Hotspot für Fotografie?

Ich war sehr privilegiert, 15 Jahre lang für die "FAZ" in der Welt fotografieren zu können. Nachdem das Magazin 1999 über Nacht eingestellt wurde, wollte ich mich im fotografischen Bereich engagieren. Ich hatte schon lange den Traum im Hinterkopf, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen, die Bilder lieben, begegnen können.

Und der Ort war dann Berlin?

Mein letzter Auftrag für das "FAZ-Magazin" war, den Umbau des Reichstagsgebäudes kontinuierlich zu dokumentieren, aber selbst die "FAZ" bekam keine Sondergenehmigung dafür. Also habe ich mich in meiner US-Denke um Lösungen bemüht. Im erweiterten Freundeskreis traf ich einen jungen Architekten, der bei Norman Foster arbeitete und für den Kuppelbau zuständig war. Wir haben organisiert, dass ich bei der Baufirma als Werkfotograf angestellt werde und deshalb unter anderem aus einem Kran heraus die Kuppel fotografieren durfte. Dabei habe ich Ingo Pott näher kennengelernt, der einer meiner Gründungs-Partner wurde. Durch ihn wiederum lernte ich den Designer Marc Naroska kennen, der das Gründungs-Trio vervollständigte.

Ihre erste Ausstellung im Postfuhramt in Mitte war eine Schau über die weltberühmte Fotoagentur Magnum.

Die Anfrage kam von der Agentur Focus aus Hamburg. Die damalige Leiterin Margot Klingsporn suchte bezahlbare Orte und Persönlichkeiten, die die Ausstellung ehrenamtlich inszenierten. Ich dachte, ich frage mal meine beiden zehn Jahre jüngeren Kollegen, ob sie sich das vorstellen könnten, mit einem ganzheitlichen Anspruch. Denn ich habe im Laufe meines Lebens einige "zusammengebastelte" Ausstellungen gesehen, bei denen das eine nicht zu dem anderen passte. Wir wollten es anders machen.

Wie definierte sich dieser Anspruch?

Vom Logo über die Architektur bis zur Kommunikation und dem Auftreten. Wir waren total neugierig auf das gemeinsame Projekt und brachten viel Leidenschaft mit, aber waren auch gleichzeitig keine Träumer, sondern agierten sehr professionell aus unserer jeweiligen Berufserfahrung heraus. Marc hat vom Briefkopf bis zum Logo alles umgesetzt, damit gleich klar ist, dass wir einen ernsthaften Ansatz haben. Und es funktioniert bis heute. Inzwischen glaube ich, meine beiden Partner konnte ich vor allem durch all die interessanten Menschen, die wir trafen, und ihre Geschichten im Boot halten. Denn die ersten acht Jahre haben wir ausschließlich mit Rat und Tat in unser gemeinsames Projekt investiert. Erst 2009 kam mit der Ausstellung von Annie Leibovitz der erste finanzielle Erfolg, dicht gefolgt von Peter Lindbergh und Sibylle Bergemann

Sie legten viel Wert darauf, dass sich Ihre Künstler und Künstlerinnen wohlfühlen und hatten mit dem Hotel Bogota eine Absprache, dass sie da wohnen konnten. 

Ja, Martin Parr lebte da sogar eine ganze Weile. Mir war es ganz wichtig, dass die Gäste ohne Verpflichtungen Berlin erleben können, davon konnte ich auch den damaligen Direktor des Hotels, Joachim Rissmann, überzeugen. Er war Feuer und Flamme für die Idee. Ich war 15 Jahre lang allein in der Welt unterwegs. Da habe ich gemerkt: Es ist eigentlich das Schönste im Leben, einen Ort zu schaffen, an dem man die Menschen nicht immer wieder gleich verliert. Und ich wusste genau, das kann nur an einer zentralen Stelle sein, in einer großen Stadt wie Berlin.

Sie haben offenbar vieles aus ihrer Erfahrung heraus richtig gemacht. Was mussten Sie selbst erst lernen?

Über meinen einen Partner Ingo Pott habe ich gelernt, dass man, wenn man etwas gemeinsam erreichen will, viel miteinander reden muss. Es kann nicht jeder nur die Sachen für sich gut machen. Als freiberuflicher Fotograf konnte ich zwar sagen: Meine Bilder sprechen für sich. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das so nicht bei unserem gemeinsamen Projekt geht. Ich kann auch keine Begrüßungsrede halten, die vom Zettel abgelesen ist, deshalb habe ich ein Rhetorik-Training gemacht. Und mit unseren ersten Tresen-Teams machten wir ein Training zum professionellen Umgang mit Gästen. Wir hatten eine eigene Coachin dafür, mit der wir ins Ritz-Carlton gingen, um uns da den besucherorientierten Service abzuschauen. Das Ganze endete mit einem gemeinschaftlichen Abendessen.

Warum war Ihnen das wichtig? 

Wir wollten gerade die jungen Menschen, die am Empfang arbeiteten, so motivieren, dass sie unsere Besucher und Besucherinnen als Gäste betrachten. Also, dass eine ganz andere Wertschätzung da ist. Wir drei Gründungsmitglieder haben immer sehr viel Wert auf die Organisations-Entwicklung gelegt und uns von Anfang an coachen lassen. Und zur Entwicklung für das Team gehörte das eben auch dazu. Bei C/O Berlin war es uns immer wichtig, gemeinsam einen Konsens zu finden und Auseinandersetzungen konstruktiv zu lösen. Wir haben uns nie zerstritten, das war für uns das Entscheidende.

Sie begrüßen die Besucherinnen und Besucher bei jeder Ausstellungseröffnung persönlich an der Tür. 

Ja, das mache ich seit dem ersten Tag. Ich stehe seit 25 Jahren an der Tür und begrüße die Gäste und freue mich, dass sie da sind. Das hat mit einer Gastgeberfunktion zu tun, die nicht aufdringlich sein soll, aber einfach ein Zeichen ist. Ich glaube, dass gewisse kleine Dinge uns von anderen Häusern unterscheiden. Unsere Strategie ist es, professionell, aber auch familiär zu agieren. C/O Berlin hätte es ohne das Team nie so geben können, weil es die Idee mit uns kontinuierlich getragen hat.

Welche Begegnungen aus den bisherigen 25 Jahren sind Ihnen besonders in Erinnerung?

Es gab so viele, aber von Anfang an ganz wichtig für mich war René Burri, der Schweizer Magnum-Fotograf, der Anfang der 1980er-Jahre Präsident der Agentur war. Er konnte die Leute mit Erzählungen in seinen Bann ziehen, und man lernte immer interessante Menschen mit ihm kennen. Wir waren zusammen in Kuba. 

Und sonst?

Peter Lindbergh war für mich bedeutend. Seine Ausstellung bei uns war ein Besucherrekord, und wir haben uns danach nie aus den Augen verloren. Er hat mich mit Charlotte Rampling bekannt gemacht, die jetzt in unserem Board ist und eine gute Freundin von mir wurde. Wir machen zu unserem 25. Geburtstag gemeinsam ein gesetztes Dinner für unsere großen Förderer. Denn es ist ja wirklich ein Wunder, dass wir C/O Berlin 20 Jahre lang ohne öffentliche Förderung gestemmt haben.

Sie bekommen erst seit 2020 Förderungen von der Stadt?

Ja, die Zeit im Postfuhramt war wie eine Sommerliebe, da war alles möglich, aber eben nicht tausendprozentig professionell. Wir bekamen zum Beispiel von Robert Frank zwar die Filme, aber nicht die Fotografien. Denn weder besaßen wir die erforderliche Klimatechnik, noch erfüllten wir die sicherheitstechnischen Voraussetzungen. 2019 habe ich entschieden, dass C/O Berlin mit seinen internationalen Kooperationspartnern an einen Punkt angekommen ist, wo es nicht weiter ohne öffentliche Zuwendungen ging. Wir waren mit unseren Projekten im Amerika-Haus aufgestiegen, von der Kreisliga in Mitte in die Champions-League in Charlottenburg. Wir mussten uns einfach immer weiter professionalisieren. 

Die Gelder sind umkämpft. Wie haben Sie damals argumentiert?

Mir war klar, dass ich nicht nur mit unserer Reputation kommen kann, sondern auch harte Fakten vorweisen muss. Also habe ich von der Investitionsbank Berlin ausrechnen lassen, wie viel wir zum Bruttoinlandsprodukt beitragen: 13,5 Millionen Euro. Ich habe um ein gemeinsames Treffen mit dem damaligen Kultursenator und der Wirtschaftssenatorin gebeten und meinen Wunsch von jährlich 250.000 Euro vor beiden vorgetragen. Denn Kultur ist eben auch ein Wirtschaftsfaktor. Beide haben es auch glücklicherweise verstanden.

Jetzt kamen die Kürzungen. Wie hart trifft es Sie?

Wir haben Ende Januar erfahren, dass man uns für dieses Jahr 150.000 Euro kürzt. Was natürlich in unserem Geburtstagsjahr hart ist. Aber es ist ja allen so ergangen, und wir haben es akzeptiert, denn wir sehen uns in einer Solidargemeinschaft. Nur, wie gehen wir jetzt damit um? C/O Berlin steckt nie den Kopf in den Sand, und die erste Lösung war, zu schauen, wo wir selbst noch sparen können, zum Beispiel im Begleitprogramm. Vor allem aber musste ich versuchen, der Politik klarzumachen, dass das einmalig bleiben sollte. Insgesamt ist die Situation schwierig, weil ja weitere Kürzungen angekündigt sind.

Es scheint, dass Sie fast alle big names der Fotografie schon gezeigt haben. Welche Wünsche sind noch offen? 

Wir haben gerade bei "Träum Weiter", aber auch "No Photos on the Dancefloor", oder "Queerness in Photography" gesehen, dass man auch mit guten Themenausstellungen viele Besucher und Besucherinnen erreichen kann. Aber es stimmt, wir haben die meisten großen Namen durch, da bleiben nicht mehr viele. Einen, den ich gerne noch zeigen will, ist Richard Avedon, einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Und ich möchte unbedingt Saul Leiter zeigen, weil der für mich ganz wichtig war. 

Welches Verhältnis haben Sie zu ihm?

Ich habe ihn in New York in seinem Studio besucht. Er hat sein ganzes Leben im Umkreis von einem Kilometer um sein Zuhause verbracht und fotografiert. Saul Leiter ist ein unbedingter Traum von mir, den ich mit meinem Team noch verwirklichen möchte. Außerdem fasziniert mich Carrie Mae Weems, die mit ihren Arbeiten gesellschaftliche Narrative auf den Kopf stellt und sehr persönliche, politische Perspektiven einnimmt. Ihre Werke hier zu zeigen, wäre ein weiterer Wunsch von mir.