Isaac Julien in Mantua

Verführung und Verwandlung

Isaac Julien huldigt in Mantua auf zehn Leinwänden Ovids "Metamorphosen" - und schickt einen futuristischen Gruß an den antiken römischen Dichter und seinen Kosmos

Je weiter sich die Filmtechnik entwickelt, desto älter kann sie einem erscheinen. Das war schon früher so. Als der Filmavantgardist Sergej Eisenstein über die Animationen Walt Disneys schrieb, schien ihm ein antiker Dichter der nächstliegende Vergleich: "Metamorphose ist kein Versprecher, denn liest man Ovid, will es scheinen, dass er einige Seiten förmlich bei Disney abgeschrieben hat". Jetzt hat auch der britische Film- und Videokünstler Sir Isaac Julien dem römischen Poeten einen Besuch abgestattet; eben dort, wo man seinen Verwandlungen im 16. Jahrhundert ein überwältigendes Denkmal setzte: den Palazzo Te im italienischen Mantua. 

Es ist auch eine Verbeugung vor den Wurzeln seiner eigenen multiperspektivischen und raumgreifenden Bildsprache. Giulio Romanos manieristische Fresken, die das bemerkenswert gut erhaltene Gebäude verschwenderisch füllen, lösen die Raumerfahrung förmlich auf: Am eindrucksvollstem beim "Fall der Giganten", bei dem der Maler eine Kuppel vortäuscht und dabei eine Art unendlichen Vertigo-Effekt kreiert.

Für die Multi-Leinwand-Installation "All That Changes You" wurde ein eigenes Gebäude bei den Parkanlagen des Palazzo eingerichtet. Zehn Leinwände bespielt die mit einem geschätzten Millionenbudget realisierte Arbeit, die durch eine Vielzahl von Spiegeln labyrinthisch erweitert wird. Das Werk überträgt das Verwandlungsmotiv, dessen Radius schon bei Ovid von der Hautfarbe bis ins Kosmische reichte, auf eine gegenwärtige conditio humana: "Durch Fantasie und Allegorie dieser neuen Filminstallation versuche ich, die visuelle Hegemonie zu untergraben, die das technologische Regime der Repräsentation beherrscht." 

Zwischen Fiktion und Realität

Zentrale theoretische Quelle des gemeinsam mit seinem Lebenspartner Mark Nash geschriebenen Drehbuchs sind Texte der US-amerikanischen Philosophin Donna Haraway, die 1985 ihr "Manifest für Cyborgs" über die Schnittstellen von Mensch und Maschine veröffentlichte. Sie plädierte früh dafür, die Grenzziehungen zwischen Mann und Frau, Lebewesen und Roboter, Physischem und Metaphysischem aufzuheben. In ihrem Buch "Staying with the Trouble", aus dem direkt zitiert wird, wirbt sie darum, radikalen Veränderungen nicht aus dem Weg zu gehen: "We will become with each other or we won’t be at all."

Inspiriert von den Fresken im Palazzo Te hat Julian zwei Protagonistinnen erfunden, zwei Göttinnen, die von den Schauspielerinnen Gwendoline Christie und Sheila Atim gespielt werden. Ihnen legt er zentrale Thesen nicht nur aus Haraways Werk in den Mund. Eine weitere Quelle ist Naomi Mitchisons Roman "Memoirs of a Spacewoman". In der gut 20-minütigen Arbeit locken sie die Besucherinnen und Besucher auf einen Parcours durch das Reich zwischen den Spiegeln. 

Eine fließend bewegte Kamera streift mit ihnen durch sinnstiftende Schauplätze – von Mantua über die kalifornischen Redwood-Wälder und Charles Jencks' Londoner Cosmic House, einem postmodernen Labor voller Visionen, bis zu den Experimenten von Richard Founds Glasarchitektur im britischen Cotswold und Herzog und De Meurons Kunstpavillon im Napa Valley. Und schließlich ist da noch der Orbit, wo man schon bei Ovid enden konnte, verwandelt in ein Sternbild.

Die schmale Grenze zwischen Immersion und Ironie

"Als Zeitreisende überwinden sie Zeitebenen, verwandeln sich in verschiedene Identitäten und machen sich auf die Suche außerhalb der anthropozentrischen Weltsicht", erklärt Julien seine Protagonistinnen. "Sie erörtern, wie man den Planeten mit der Natur und anderen Wesen teilen kann und dabei Raum für eine Repräsentation nicht-humanoider Perspektiven gewinnt." Inspiration für den Science-Fiction-Teil des Werks ist Octavia E. Butlers 1993 erschienener, postapokalyptischer Roman "Die Parabel vom Sämann"

Es ist wie so oft bei Julien: Verführerische Landschaften und scheinbare Postkarten-Idyllen bilden einen Lockstoff für hochkomplexe soziale und politische Diskurse. Dabei ist der Reiz auch nicht ironisch, sondern versteht sich durchaus als Feier einer Diversität, der hier buchstäblich keine Grenzen mehr gesetzt sind. Ironisch mag es allerdings erscheinen, wie sehr Juliens Medium, die Multikanal-Projektion, inzwischen in sogenannten immersiven Publikumsausstellungen banalisiert wird. 

"Ich bin gar nicht sicher, ob das Wort immersiv für meine Kunst gilt", sagt Julien, und ein süffisantes Lächeln ist alles, was er für diese Konkurrenz übrig hat. Dabei kann man sich in seiner Arbeit weit mehr verlieren als in den meisten Inszenierungen, die derzeit als immersiv bezeichnet werden. Der Unterschied liegt im Bedeutungsüberschuss, der sich mit einem einzigen Durchgang einfach nicht zufriedengibt.