Isabel Nolan über ihren irischen Pavillon in Venedig

"Die Vernunft ist gerade sehr schläfrig"

Isabel Nolans Installation "Dreamshook" im irischen Pavillon der 61. Venedig-Biennale kreist um das Spätmittelalter. In dieser Epoche des Umbruchs erkennt die Künstlerin Parallelen zu unserer Krisenzeit. In Tapisserien, Zeichnungen und Metallskulpturen thematisiert die 1974 in Dublin geborene Nolan Schwellenzustände, Traumwelten und narrative Strukturen. Denn die Grenzen zwischen dem Immateriellen und dem Realen sind fließend: Wir sind aus dem Stoff, aus dem auch Träume sind – das wusste schon Shakespeare


Isabel Nolan, haben Sie heute vor der Eröffnung Ihrer Ausstellung "Dreamshook" etwas Besonderes geträumt?

Ich habe kaum geschlafen, daher kann ich nicht über Träume berichten. Gerade fließt sehr viel Adrenalin durch meine Adern.

Sehr nachvollziehbar. Sie vertreten Irland auf der Biennale von Venedig. Erinnern Sie sich normalerweise an Träume?

Ja, schon. Ich habe mitunter sehr lebhafte Träume. Ich behalte sie eine Weile im Kopf, aber nehme sie meistens nicht ernst.

Wie sind Sie auf den Titel "Dreamshook" gekommen? Das Wort kenne ich nicht.

Es ist mein Wort.

Sie erschaffen also nicht nur Bilder und Skulpturen – die hier im irischen Pavillon zu sehen sind –, sondern auch Wörter?

Ja, Wörter zu erfinden ist Teil meiner Praxis, so wie ich Skulpturen herstelle, male und zeichne. Wörter sind sehr wichtig für mich, was natürlich für alle Menschen gilt. Ich habe schon vor neun Jahren auf Texten beruhende Arbeiten in der Douglas Hyde Gallery of Contemporary Art in meiner Heimatstadt Dublin ausgestellt. Die Direktorin Georgina Jackson ist auch die Kuratorin des Pavillons. In der damaligen Ausstellung "Calling on Gravity" gab es einen Text über die Wirkung von hohen Räumen, etwa von gotischen Kathedralen, und darüber, welche Rolle das natürliche Licht in solchen Architekturen spielt. Außerdem habe ich über derartige Kunsterlebnisse geschrieben und über immaterielle Erfahrungen, die man in die Welt hinausträgt. Es ist dasselbe mit Träumen. Mitunter bin ich von einem lebendigen Traum so getroffen, dass er die Stimmung des restlichen Tages prägt – ob nun beflügelnd oder befremdlich. Es ist eine private Erfahrung; von außen betrachtet ist man immer noch dieselbe Person, aber der Traum verändert den Tag, vielleicht sogar das ganze Leben. Man ist eben "traumerschüttert" – deswegen ist "Dreamshook" ein aussagekräftiges Wort. Und es ist auch die Gegenthese zu der Ansicht, wir Menschen könnten das Innen vom Außen trennen.

Dann ist Träumen für Sie nicht wirklich privat, sondern eine Art Existenzform – und vielleicht die Essenz von Kunst?

Wir beide reden ja jetzt gerade darüber. Intersubjektivität, Dialog, unser Vermögen, privaten Erfahrungen eine kommunizierbare Form zu geben – das ist eine wichtige Dimension von Kunstwerken. Sie kennen die Zeilen von John Donne: "No Man is an Island". Mich fasziniert das reiche Vokabular, das die Menschheit in der Kunst oder Literatur entwickelt hat, um das Gefühl von Fremdheit mitzuteilen, das einen auf diesem Planeten überkommt. Denn: Hier zu sein, kann sowohl schön als auch komplex, schwierig oder beängstigend sein. Und dieses Ding, das wir Kunst nennen, macht das Bündel an Erfahrungen verfügbar.

Ist Träumen also politisch?

Auf jeden Fall! Nehmen wir Aldo Manuzio. Er hatte einen Traum, der die Kultur des Lesens total veränderte.

Aldo Manuzio (Aldus Manutius), eine Art Gutenberg des späten 15. Jahrhunderts in Venedig, steht im Mittelpunkt von "Dreamshook". Sie zeigen den Buchdrucker und Verleger auf einem der farbenfrohen Wandteppiche der Ausstellung: "Aldus Dreams of a Plentiful Supply of Good Books". Was war das für ein Mensch?

Er war Humanist und druckte nur Werke, an die er glaubte, die einen moralischen und philosophischen Wert hatten. Manuzio nahm also keine Aufträge an, die ihm einfach nur Geld eingebracht hätten. Er wollte die Werke teilen, solche Bücher, die niemals zuvor gedruckt worden waren, aus dem antiken Griechenland und Rom, und aus der zeitgenössischen Literatur druckte er nur Werke von Humanisten. Er stand etwa in engem Austausch mit Erasmus von Rotterdam und publizierte dessen Texte und Editionen. Eigentlich war er der erste Verleger – kein reiner Handwerker, sondern ein Bücherfreund mit einem Programm und unternehmerischem Denken. Revolutionär war aber seine Einführung des kleinen tragbaren Buchs. Zur Lektüre war fortan keine Bibliothek und kein Schreibtisch nötig. Man konnte die Bücher auf Reisen mitnehmen und an andere verschenken.

Der Teppich ist gestaltet wie die Bilderzählung eines Giotto oder Sassetta – wie von Künstlern des Spätmittelalters oder der Frührenaissance gemalt.

Ja, ich fand, dass diese Ästhetik gut zum Sujet passt. Ich habe die italienische Kunst des 13. und 14. Jahrhunderts schon immer geliebt. Und ich wollte ein Bild von Manuzio in einem Stil machen, der ihm vertraut gewesen wäre. Und statt davon zu berichten, wie er aus der Gegend um Rom nach Venedig zog, dort eine Druckerei einrichtete und mit einem Setzer arbeitete, habe ich mir eine Vision ausgedacht. Auf meinem Bild wird Manuzio im Schlaf von einer Muse besucht – und er träumt von Büchern, die Flügel bekommen.

Wie sehen Sie Ihre Beziehung zu Manuzio – als eine Art Dialog?

Ein sehr einseitiger Dialog, fürchte ich. Aber doch, im übertragenen Sinn bin ich immer im "Gespräch" mit solchen Figuren. Ich meine damit die Art von Politik, die diese Menschen ausgelöst haben. Immerhin ist die säkulare Welt, in der wir heute leben, sehr stark durch Leute und Ereignisse aus dem Mittelalter geprägt. Und Italien war ein sehr wichtiges Milieu dafür. Das ist es, sehr verknappt gesagt, was mich dazu gebracht hat, die Geschichte vom Entstehen des Humanismus zu erzählen.

Ich habe vorhin Fotos Ihrer Tapisserie-Motive verschickt und jemand schrieb zurück: "Oh, eine sehr religiöse Künstlerin!" Ich bin mir da nicht so sicher.

Naja, in vielerlei Hinsicht ist die westliche Kultur schon durch Religion geprägt. Sie ist nur unsichtbar geworden. Dabei sind unsere Einstellungen stark durch die jüdisch-christliche Tradition geformt. Die Art und Weise, wie wir leben, wie unsere Gesellschaften organisiert sind, unsere Haltung gegenüber Wohltätigkeit – all das ist deutlich durch Ereignisse strukturiert, die vor 2000 oder 4000 Jahren passiert sind. Das fasziniert mich. Ich will diese kulturellen Wurzeln sichtbar machen. Außerdem liebe ich es, Schönheit zu stehlen und mir die Fähigkeit anzueignen, Architektur zu formen und Objekte zu gestalten.

Die Teppiche sind sehr farbig, man könnte fast "bunt" sagen.

Die Farbe ist nicht modernistisch gedacht. Es ist wie bei Giotto. Als Teil meiner Recherche war ich in Padua, in der Scrovegni-Kapelle, die auch Giotto-Kapelle genannt wird. Herrlich! Wenn ich nach Farbe gefragt werde, bin ich oft unsicher, was ich antworten soll. Farbgestaltung ist etwas sehr Intuitives. Ich denke, Farbe bedeutet für mich, Energie in einen Raum zu bringen. Ich schaue nicht sehr bewusst auf Kunstgeschichte, denke wenig darüber nach, was mich beeinflusst. Und ich bin mit der Postmoderne aufgewachsen: Alles ist möglich, alles verfügbar.

Ich habe gelesen, dass Sie Afantasie haben. Sie können also keine inneren Bilder sehen. Afantasie wurde erst 2015 von dem britischen Neurologen Adam Zeman definiert und benannt. Sie haben auch Gespräche mit dem Wissenschaftler geführt?

Oh ja, öfter schon. Ich las 2015 einen Artikel über Afantasie im Magazin "New Scientist" und dachte: Genau wie bei mir! Ich habe keine inneren Bilder. Das andere Extrem sind Leute, die ein Kino im Kopf haben. Ich habe also damals begriffen, was mit mir los ist. Früher dachte ich immer, "das innere Auge", das sei bloß eine Metapher.

Wie ausgeprägt ist die Afantasie bei Ihnen?

Ich habe überhaupt keine Bilder im Kopf. Völlige Schwärze. Aber natürlich kann ich trotzdem Kunst machen.

Wie?

Schon bevor ich das Wort Afantasie kannte, war mir klar: Ich muss praktisch arbeiten – auf dem Papier, auf der Leinwand –, ich muss die Dinge aus dem Archiv nehmen und vor Augen haben, um zu sehen, was da ist und was ich damit anstellen kann. Es ist so, dass ich zwar Ideen habe und Dinge skizziere, aber ich habe keine "Vision", die ich verwirklichen will. Und ich denke: Das gibt mir eine gewisse Freiheit. Ich habe Leute getroffen, die hyperfantastisch sind und – mein Gott – einige von ihnen hatten wirklich Schwierigkeiten mit der Gestaltung, denn sie versuchten, ihre außergewöhnlich kristallklaren Vorstellungen präzise mit Ölfarbe umzusetzen. Und das ist unmöglich.

Könnte man sagen: Sie lieben zwar Giotto, Sassetta und andere Maler. Aber Philosophen und Schriftsteller – in Venedig zeigen Sie eine schöne Zeichnung von Boccaccio, dem im Traum sein Lehrer Petrarca erscheint – oder ein Verleger wie Manuzio spielen eine größere Rolle?

Ich denke, das trifft es. Ich interessiere mich für die Geschichte der Ideen. Über ein Bild oder einen Text über eine Person werde ich an deren Geschichte gebunden. Und diese Geschichte öffnet mir den Zugang zu etwas viel Größerem – wohlgemerkt als Künstlerin und Nicht-Expertin. Zum Beispiel: Ich habe nicht den Drang, die moderne Physik zu verstehen, aber ich finde vielleicht irgendeine Art, über die Phänomene und Modelle nachzudenken, aus meiner Perspektive. Ich bin wirklich nicht gut darin, an Dinge zu glauben, aber ich bin fasziniert von Leuten, die Überzeugungen und Visionen haben. Wir leben jetzt in schwierigen Zeiten. Und gerade deshalb war es mir wichtig, auf diesen historischen Moment zu schauen, in dem sich eine technologische Revolution ereignete. Auf den Moment, in dem sich die Vorstellung davon veränderte, was es bedeutet, Mensch zu sein. Ich wollte spüren, dass diese Aufbruchstimmung noch nachwirkt.

Herrscht gerade nicht eher Abbruchstimmung? Ein anderer Wandteppich heißt "The Dream of Reason Produces Monsters" (Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer) – wie es auch unter einer der Caprichos-Radierungen von Goya steht. Mir scheint, das passt am ehesten zur derzeitigen Weltlage.

Leider ja. Die Vernunft ist gerade sehr schläfrig. Der Backlash gegen die Demokratie ist so erschreckend wie die Hybris von Leuten, die sich klüger und bedeutender als andere fühlen – und sich für berechtigt halten, die Welt zu dominieren. Europa war allerdings immer ein Ort, an dem Privilegien als Waffe eingesetzt wurden und Reichtum und Kultur auf Ausbeutung und Unterwerfung gründeten. Das ist eine Lektion, die man in Irland früh lernt.

Sprechen wir über Ihre Skulpturen, die manchmal an Spielgerüste erinnern. Die zentrale Skulptur in Venedig trägt denselben Titel wie die Ausstellung – "Dreamshook" – und nimmt eine größere Bodenfläche ein. Um eine Art Bett herum liegen Rautenformen und gebogene Elemente – wie ein Kreis, der auseinander gesprengt wurde. Es könnte die zum Metall gewordene Konstruktion eines Bettes sein, aber auch ein flacher Käfig, in dem man liegend eingesperrt ist.

In den Skulpturen geht es mir darum, etwas, das vertraut ist, in etwas Dysfunktionales zu verwandeln. Als ob die Dinge Skelette ihrer selbst wären. Da ist ein Bett, auf dem man nicht liegen kann, und ein Boden, auf dem man nicht gehen kann. Es ist klar: Im Alltag müssen wir in der Welt funktionieren. Unser Handeln verleiht den Dingen Sinn. Für mich ist Kunst ein Raum, in dem Ideen und Identitäten erschüttert werden können. Dort ist die Normalität aus den Angeln gehoben.

Wenn Sie ein einziges Werk aus der Ausstellung mitnehmen könnten, welches wäre das?

Wohin mitnehmen?

Vielleicht auf die Prosperos-Insel. Ich meine den Zauberer aus Shakespeares "The Tempest", der die berühmten Zeilen spricht: "We are such stuff / As dreams are made on, and our little life / Is rounded with a sleep."

Oh, auf eine Insel! Da wäre ich ganz pragmatisch und würde einen Teppich mitnehmen. Darin kann ich mich einrollen und schlafen. Oder einen Unterschlupf bauen.