Neue Studie

Ist Abstraktion doch keine Weltsprache?

Was sie wohl bei der Betrachtung des Bildes fühlen: Besucherinnen des Centre-Pompidou-Ablegers in Malaga vor einem Werk von Joan Miró in der Ausstellung "Von Miro bis Barcelo. Ein Jahrhundert spanischer Kunst", die noch bis zum 1. November 2021 zu sehen ist
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Was sie wohl bei der Betrachtung des Bildes fühlen: Besucherinnen des Centre-Pompidou-Ablegers in Malaga vor einem Werk von Joan Miró in der Ausstellung "Von Miro bis Barcelo. Ein Jahrhundert spanischer Kunst", die noch bis zum 1. November 2021 zu sehen ist

Bestimmte Farben und Linien lösen überall auf der Welt die gleichen Empfindungen aus – auf dieser Annahme basiert der Diskurs über abstrakte Kunst. Eine neue Studie legt nahe, dass diese Vorstellung nicht uneingeschränkt gültig ist

Die Idee, dass einfache visuelle Elemente – Farbe und Linien – in den Betrachtern die immer gleiche Wirkung auslöst, geht weit zurück ins 18. Jahrhundert; Goethes Farbenlehre gehört zu den bekanntesten frühen Farbpsychologien. In dem Glauben an eine "Weltsprache Abstraktion" (Werner Haftmann) lag besonders nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Verheißung: Nach der Erfahrung der ultimativen sozialen Katastrophe setzten Künstlerinnen, Künstler und Institutionen wie die Documenta ihre Hoffnung auf abstrakte Kunst als Mittel zur kulturellen Verständigung.

Eine neue Studie von Psychologen der Universität Wien legt nun allerdings nahe, dass es mit dieser universellen Sprache nicht so weit her ist. Wird Rot tatsächlich von allen als "warme" Farbe empfunden? Eine bestimmte geschwungene Linie als "dynamisch"? Schon wenn man sich verschiedene historische Berichte vornimmt, kommen Zweifel auf: Während Rot etwa für Goethe und Edmund Burke eine aufheiternde Farbe war, empfand der Maler Franz Marc sie als "brutal".

Die Wiener Forscher haben sich hochwertige Reproduktionen abstrakter Kunstwerke von Wassily Kandinsky, Fritz Winter und Joan Mirò vorgenommen, die sie 107 Probanden zeigten. Außerdem legten sie den Teilnehmern isolierte Bilddetails vor und gaben ihnen zwölf der in der Ästhetik am häufigsten verwendeten Kategorien zur Hand (etwa warm-kalt, fröhlich-traurig, schwer-leicht).

Uneinig in ihrer Bewertung ästhetischer Effekte

Um Universalität von Beurteilungen zu messen, stützte sich die Studie auf einem in der Psychologie verbreiteten "Betrachterindex", der die Differenz zwischen der individuellen Bewertung zu der Bewertung der Teilnehmer angibt. Dieses Maß wird häufig in Studien zur Beurteilung von Attraktivität von Gesichtern verwendet. In den Blick genommen wurde in Wien auch das jeweilige Vorwissen und das Interesse an Kunst, indem die Wissenschaftler die Teilnehmer in zwei Gruppen einteilten: Kunsthistoriker und Laien.

Es zeigte sich nun, dass sich die Probanden bei allen Detailansichten uneinig in ihrer Bewertung ästhetischer Effekte waren, es kristallisierte sich - anders als bei der in früheren Studien festgestellten Beurteilung der Schönheit von Gesichtern - kein einheitliches Muster heraus. Kunstexperten stimmten dabei genauso selten miteinander überein wie Kunstlaien.

Dennoch gab es bei der Betrachtung der gesamten Kunstwerke eine größere Übereinstimmung. "Unsere Ergebnisse deuten also nicht darauf hin, dass es überhaupt keine Universalität gibt; sie implizieren vielmehr, dass die Übereinstimmung definitiv nicht so stark ist, wie oft angenommen", heißt es in der Schlussfolgerung.

Aussagen zur Überwindung kultureller Unterschiede durch eine universalistische Sprache Abstraktion macht die Studie ohnehin nicht. Die Teilnehmer kamen allesamt aus einem Umfeld, das in der Psychologie mit dem Akronym "WEIRD" abgekürzt wird: Western, educated, industrialized, rich and democratic (westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch).