Vorzeitiges Ende der Istanbul-Biennale

Die Katze hat keine Beine mehr

Christine Tohmé
Foto: © Tanya Traboulsi

Christine Tohmé

Eigentlich sollte die aktuelle Istanbul-Biennale drei Phasen haben, doch nun zieht sich die Kuratorin Christine Tohmé überraschend zurück. Auch wenn es bisher keine Hinweise auf politischen Druck gibt: Dieses Ende ist ein Rückschlag für die türkische Kunstszene

Die 18. Istanbuler Biennale, organisiert von der Istanbul Stiftung für Kunst und Kultur (İKSV), endet früher als geplant; nämlich bereits nach ihrer ersten Phase. Kuratorin Christine Tohmé hat beschlossen, sich aus persönlichen Gründen von der Leitung der Ausstellung zurückzuziehen. Das teilte die von der Industriellen-Familie Eczacıbaşı unterhaltene İKSV-Stiftung, die neben der Istanbul-Biennale auch ein Theater-, ein Jazz- und ein Filmfestival ausrichtet, kurz vor Jahresende überraschend mit.

Die erste Phase der Biennale fand unter dem Titel "The Three-Legged Cat" ("Die dreibeinige Katze") vom 20. September bis 23. November 2025 an acht Veranstaltungsorten in Istanbul statt. Mehr als 600.000 Besucherinnen und Besucher will die İKSV nach eigenen Angaben in den zwei Monaten Laufzeit gezählt haben.

Ursprünglich hatte Tohmé, eine in Beirut ansässige Kunsthistorikerin und Kuratorin, die Biennale als mehrteiliges Projekt konzipiert, das sich über drei Jahre erstreckt - ein Novum in der Geschichte der Institution. 2026 sollte dem Auftakt ein akademisches Programm folgen, mit dem Ziel der dauerhaften Einrichtung einer "Biennale-Akademie". In einer dritten Phase 2027 sollten Workshops mit lokalen Gruppen und eine weitere Ausstellung folgen.

Entscheidung kam "unerwartet"

Die von der İKSV und Tohmé ins Feld geführten "personal circumstances" wurden als Bestätigung der in Istanbul seit Monaten kursierenden Gerüchte gelesen, die Kuratorin sei krank. Schon wenige Tage nach der Eröffnung der Biennale war sie mit Hinweis auf ihre Familie eilends nach Beirut zurückgekehrt. An Silvester wünschte sie ihren Instagram-Followern dann jedoch mit froher Miene "vibes" für 2026. Auf eine Anfrage zu den Gründen für ihre Entscheidung reagierte Tohmé zunächst nicht.

Für die Istanbuler Kunstöffentlichkeit kam die Entscheidung dennoch überraschend, auch für die İKSV-Stiftung war sie "unerwartet", wie deren Sprecherin Didem Ermis auf Anfrage erklärte. Welche Kuratorin im volatilen Feld der internationalen Biennalen gibt schon ein prestigereiches Projekt dieses Zuschnitts und dieser Dimension auf?

Ermis teilte mit, die Vorbereitungen für die 19. Istanbul Biennale, die nun für Herbst 2027 geplant ist, würden in den kommenden Tagen beginnen. Tohmés bisherige Pläne würden nicht weiter verfolgt. Auch, wenn die İKSV sich für die Zukunft vorbehalte, "ähnliche Programme" wie Tohmés selbst zu entwickeln.

Ein Zeichen zivilgesellschaftlicher Schwäche

Politische Einflussnahme, inhaltliche oder organisatorische Differenzen oder Budget-Probleme waren in Bezug auf Tohmés Neuansatz bislang nicht zu erkennen. So "harmlos" ihr Rückzug also auch aussehen mag, so wirft er dennoch ein schlechtes Licht auf die kunstpolitischen Management-Qualitäten der İKSV - besonders in einer Zeit, in der die türkische Kunst- und Kulturszene insgesamt unter großem politischen Druck steht.

Zudem liefert die anhaltende Pannenserie der Biennale dem AKP-Regime ein Zeichen zivilgesellschaftlicher Schwäche. Seit Jahren versucht die Regierung von Präsident Erdoğan, die "kulturelle Hegemonie" der republikanisch-liberal-säkularen Kräfte auf diesem Feld zu brechen. 

Tohmés Neugliederung der Biennale war als überfällige Antwort auf den bislang größten Konflikt der Stiftung mit der türkischen Kunstszene gewertet worden. Für diese bleibt das Format - trotz der Unzufriedenheit mit der Abhängigkeit von den vermögenden Privat-Sponsoren - gerade in schwierigen Zeiten ein unentbehrlicher Orientierungspunkt.

Der Katzen wären sieben Leben zu wünschen

Ausgebrochen war dieser Disput im Sommer 2023, als die Stiftungsleitung die von einer İKSV-Jury als Leiterin der 18. Istanbul-Biennale vorgeschlagene Kuratorin Defne Ayas ablehnte und stattdessen die Kuratorin Iwona Blazwik einsetzte, die Leiterin des staatlichen Kunstprojekts Arts AlUla in der gleichnamigen Oase im Nordwesten Saudi-Arabiens. Nach heftigen Protesten mussten zunächst Biennale-Direktorin Bige Örer und dann auch Blazwick zurücktreten. Ihre Nachfolgerin Christine Tohmé war gleichsam das Friedensangebot der İKSV an die aufgebrachte türkische Kunstszene.

Am Reformprozess, der nach dem Desaster eingeschlagen wurde, will die Stiftung auch nach Tohmès Abgang festhalten, erklärte Sprecherin Ermis. Die İKSV wolle sich "weiterhin für mehr Rechenschaftspflicht, Transparenz und Inklusion" einsetzen und überprüfe "regelmäßig ihre Auswahlverfahren und die Repräsentationsbereiche der Auswahlkomitees und Beiräte". "Wir bauen unsere Arbeit zur Verbesserung von Barrierefreiheit und Inklusion weiter aus, indem wir verschiedene benachteiligte Gruppen stärker in den Fokus rücken und unsere Unterstützung für junge Künstlerinnen und Künstler um Mobilitäts- und Produktionsfinanzierung erweitern", erläuterte Ermis weiter und kündigte einen "partizipatorischen Prozess" an.

Nach Konsultationen mit dem Beirat will die İKSV den Kurator oder die Kuratorin für die nächste Ausgabe voraussichtlich im Laufe des Jahres bekannt geben. Das Gremium besteht aus Ahu Antmen, Professorin an der Istanbuler Mimar-Sinan-Kunstuniversität und Direktorin des privaten Sabancı-Museums, Lydia Gatundu Galavu, Kuratorin am Nationalmuseum von Kenia in Nairobi, der Istanbuler Künstlerin Gözde İlkin, dem philippinischen Kurator Renan Laru-an und Sally Tallant, Direktorin des Queens-Museums. Es wäre zu wünschen, dass die Istanbuler Biennale-Katze bald wieder auf vier kräftigen Beinen steht und mindestens sieben Leben lebt.