Jahresrückblick

In welchen Umlaufbahnen wollen wir kreisen?

Ein Popstar im All: Katy Perrys Raketenritt wurde 2025 zur PR-Parodie. Dabei zeigt ein Blick in die Kunstgeschichte, wie sich Maschinen wirklich aneignen lassen

War das wirklich erst dieses Jahr? Es kommt einem schon viel länger her vor, dass Katy Perry nicht mit einem neuen Partner an ihrer Seite, sondern mit einer Rakete Schlagzeilen machte. Im April flog sie gemeinsam mit fünf anderen Frauen – darunter Lauren Sánchez, (Partnerin von Jeff Bezos), eine ehemalige Nasa-Wissenschaftlerin und eine CBS-Moderatorin – mit der "New Shepard" ins All. Zehn Minuten und 22 Sekunden dauerte der Flug, gerade lang genug, um einmal die Kármán-Linie zu überqueren und in der Schwerelosigkeit Louis Armstrongs "What a Wonderful World" zu singen. Nach der Landung in der texanischen Wüste küsste Perry den Boden und sprach von "göttlicher Weiblichkeit".

Es war der erste vollständig weiblich besetzte Weltraumflug der Geschichte – finanziert von Blue Origin, dem Raumfahrtunternehmen des zeitweise reichsten Mannes der Welt. Das Setting: makellos. Pop trifft Pioniergeist, Girlpower trifft Galaxis, Astronautinnen als Influencerinnen. Und trotzdem wirkte der Flug seltsam schwer – als hätte die Rakete zwar die Erdanziehung überwunden, aber nicht den Zynismus des Internets.

Denn kaum war Perry wieder unten, wurde sie zum Meme. Der Flug, so hieß es, sei "Feminismus für Milliardäre", ihre Mission eine Parodie auf Emanzipation. Mitunter dieselben Stimmen, die William Shatners touristischen Weltraumtrip noch als charmant bezeichnet hatten, lachten nun über "Katy Perry und ihre Mädels im All". Und plötzlich wurde alles, was mit dem Popstar zu tun hatte, kurzzeitig zum rage bait, der 2025 ja ohnehin Hochkonjunktur hatte. Zumindest so lange, bis "das Netz" kollektiv beschloss, dass es jetzt Zeit sei, sich über etwas anderes aufzuregen.

Man kann das als triviales Pop-Phänomen abtun. Oder als Symptom. Denn nichts zeigt den Stand der Dinge besser als die Geschwindigkeit, mit der erfolgreiche Frauen öffentlich abgewertet werden – ob sie nun Musik machen, Raketen besteigen oder Kunst performen.

Ein motorisierter Ritt durch die Kunstgeschichte

Gerade deshalb stellt sich im Rückblick auf das Spektakel weniger die Frage, ob Perrys Raketenritt feministisch war – sondern, warum Künstlerinnen, die mit denselben Symbolen arbeiten, so viel weiterkommen. Die Feminismus-Frage wurde ohnehin schon in allen Variationen durchdekliniert – bis hin zu der Überlegung, ob es überhaupt noch feministisch ist, wenn Medien fragen, ob etwas feministisch ist (die Antwort liefert die Überschrift gleich mit: nicht wirklich). Vielleicht hilft ein Blick auf die Kunst, um der Sache etwas näher zu kommen. Denn das Verhältnis von Frauen und Maschinen, von Körpern und Beschleunigung ist dort seit über 100 Jahren ein Thema.

Eine kurze (motorisierte) Spritztour durch das Themenfeld: Schon früh wurde das Auto zur Bühne für Emanzipationsfantasien – und zum Ort ihrer Zurückweisung. Tamara de Lempicka inszenierte sich 1929 in ihrem smaragdgrünen Bugatti als Verkörperung der "neuen Frau": unabhängig, motorisiert, gefährlich. Sonia Delaunay ließ Citroëns bunt bemalen und entwarf dazu passende Kleider.

In den 1990ern dann Pipilotti Rist: In "Ever Is Over All" schlendert sie mit einer übergroßen Blume durch die Straße und zerschlägt lächelnd Autoscheiben – ein Akt anarchischer Leichtigkeit, der Gewalt, Freude und Befreiung zugleich ist. Jahrzehnte später greift Beyoncé die Szene in ihrem Musikvideo zu "Hold Up" wieder auf – diesmal als globales Pop-Symbol für weibliche Wut und Selbstbehauptung.

Von da an ist der Weg frei für Künstlerinnen, die den Maschinenkörper endgültig zurückerobern. Sylvie Fleury lackiert zersägte Fiat-Wracks in pink und nennt die Serie "Skin Crime" – ein Lustspiel über Glanz und Gewalt. In "This Jaguar’s Going to Heaven" (2018) nimmt Sarah Lucas einen Jaguar X-Type auseinander: Sie halbiert das Auto, verbrennt eine Seite bis zur Unkenntlichkeit und überzieht die andere mit Tausenden Marlboro Reds. Hier das makellos glänzende Versprechen von Status und Begehren, dort sein verkohltes Gegenbild. Frieda Toranzo Jaeger malt Autointerieurs, die wie Körper pulsieren, weich und offen, während Selma Selman alte Karosserien mit ihrer Familie zerlegt und damit eine patriarchale Wertordnung buchstäblich in Stücke schneidet.

Der Helikopter wird bei Holzinger zum feministischen Maschinenballett

Prominente Beispiele für die motorisierte Selbstermächtigung finden sich außerdem bei Göksu Kunak, die etwa in der Performance "Venus" (2023) vor der Neuen Nationalgalerie in einem schwarzen BMW über die Terrasse fährt, während türkischer Rap und Technobeats aus Boxen dröhnen. Auf der Motorhaube: ein festgeschnallter Bodybuilder. Kunak, in Ankara geboren, macht aus dem Auto kein Statussymbol, sondern ein Schauplatz für Klischees und Rituale zu Migration, Begehren und Kontrolle.

Und dann ist da natürlich Florentina Holzinger, die längst alles gefahren, geflogen und gesprengt hat, was Räder oder Rotoren hat. In "A Divine Comedy" brennt sie mit Motorrädern Kreise in die Bühne, in "Apollon" sausen Performerinnen an Seilen über parkende Autos, in "Ophelia’s Got Talent" landet schließlich ein Helikopter im Theater. Wo sonst Soldaten einsteigen, fliegen nun nackte Frauen. Die Maschine, einst Sinnbild technischer Überlegenheit und männlicher Kontrolle, wird bei Holzinger zur Choreografie der Selbstermächtigung, zum feministischen Maschinenballett, das an der Schwerkraft der alten Ordnung sägt.

Wer darf sich bewegen – und wer wird bewegt?

Wenn also Künstlerinnen längst Autos, Motorräder und Helikopter erobert haben – wäre es dann nicht tatsächlich der nächste logische Schritt, dasselbe mit einer Weltraum-Rakete zu tun? Zumindest, wenn man die Logik des Immer-höher-immer-weiter folgen möchte. Am Ende geht es doch – in der Kunst wie bei der Weltraumexpedition – genau darum: sich technische Machtkörper anzueignen und umzucodieren.

Was einst als Symbol männlicher Macht (und in diesem Fall auch Größenwahn) galt, kann zu einem Labor für Machtverschiebungen und Selbstermächtigung werden. Bei Künstlerinnen wie Florentina Holzinger, Göksu Kunak oder Selma Selman geht es dabei weniger um Geschwindigkeit als um Besitzverhältnisse – und damit auch um die Frage: Wer darf sich bewegen und wer wird bewegt?

Die Rakete, das Auto, der Helikopter – sie alle erzählen von Macht, Kontrolle und der Illusion von Fortschritt. In der Kunst aber geht es längst nicht mehr darum, diese Symbole einfach zu "besetzen". Holzinger oder Kunak nutzen die Fortbewegungsmittel in ihren Performances nicht, um das Bild der Heldin im Cockpit zu wiederholen, sondern um das ganze System der Steuerung offenzulegen. Aneignung bedeutet hier nicht, ein männlich konnotiertes Werkzeug in weibliche Hände zu legen, sondern seine Funktionsweise sichtbar zu machen – mitsamt all seiner Brüche und Abhängigkeiten.

Kunst zeigt, wie Macht funktioniert, statt ihr Bild nur zu bestätigen. Katy Perry dagegen bleibt im System. Sie nutzt seine Mittel, seine Bühne, seine Sprache – und reproduziert damit die Logik, die sie zu überwinden vorgibt. Ihre Rakete ist kein Werkzeug der Aneignung, sondern ein Accessoire des Fortschrittsglaubens, ein Luxusvehikel mit feministischer Verpackung. Wo Florentina Holzinger Helikopter in Choreografien verwandelt, Göksu Kunak den BMW zum Transportvehikel von Zeichen macht und Selma Selman alte Karosserien zersägt, um Macht buchstäblich in Stücke zu legen, steigt Perry einfach ein – und kreist damit, vielleicht ungewollt, in derselben Umlaufbahn, die sie eigentlich verlassen wollte.