Leiter der Kunstmesse in Bogotá

"Die Artbo fühlt sich immer frisch an"

Jaime Martínez
Foto: Artbo 2025

Jaime Martínez, der neue Direktor der Artbo

Die Artbo in Bogotá ist die wichtigste Plattform für zeitgenössische Kunst in Kolumbien. Direktor Jaime Martínez spricht über die Entwicklung der Messe, Trends auf dem lateinamerikanischen Markt – und die Wirkung der politischen Lage

Jaime Martínez, für diejenigen, die Artbo nicht kennen: Wie würden Sie die Kunstmesse und ihre Bedeutung für den lateinamerikanischen und internationalen Kunstmarkt beschreiben?

Die Artbo wurde vor 21 Jahren ins Leben gerufen. Seit 2001 gibt es die für die Region wichtige Art Basel/Miami Beach, in Venezuela gab es die FIA. Doch das Besondere der Artbo ist, dass dahinter die Handelskammer der Stadt steht. Die Cámara de Comercio de Bogotá hatte damals lediglich ein Ausstellungsprogramm für aufstrebende Künstlerinnen und Künstler in ihren Büros. Das dabei erworbene Wissen wurde dann in eine kommerzielle Kunstmesse überführt, weshalb die Artbo heute noch einen starken kuratorischen Ansatz hat. Für jüngere kolumbianische Künstlerinnen und Künstler bietet die Messe also eine Ausstellungsmöglichkeit, oft noch bevor sie mit Galerien zusammenarbeiten. So bildet die Messe ein großes Spektrum der Kunst ab und fühlt sich immer frisch an.

Normalerweise stehen private Messegesellschaften hinter Kunstmessen. Die Handelskammer von Bogotá ist eine gemeinnützige Organisation, die als privatrechtliche Körperschaft wichtige öffentlich-rechtliche Aufgaben wahrnimmt. Macht diese besondere Trägerschaft die Kunstmesse freier, oder ist sie dadurch eher eingeschränkt?

Sie gibt uns diese besondere Position und Sicherheit: Wir sind die Hauptveranstaltung für Gegenwartskunst in Kolumbien. Unser Team hat alle Freiheiten. Es macht es für uns zum Beispiel einfacher, mit Unternehmen zu sprechen. Und es war leichter als für andere Messen, durch die Pandemie zu kommen. Ausstellungsprogramme laufen das ganze Jahr über. Wir sind ein kulturelles Unternehmen, aber wir denken immer als Unternehmen: Es geht um die Galerien, die verkaufen müssen.

Und zahlt sich das umgekehrt auch für die Handelskammer aus? 

Ich denke, es zahlt sich für die Wirtschaft der Stadt aus. Wir haben viele internationale Besucher, die Restaurants und Hotels sind die ganze Woche über ausgebucht.

Sie selbst waren Galerist und Aussteller auf der Messe. Aus dieser Perspektive: Wie hat sich die Messe seit ihrer Gründung entwickelt?

Richtig, ich hatte fünf Jahre lang eine eigene Galerie. Davor habe ich zwei Jahre in der Berliner Galerie Gregor Podnar gearbeitet, gemeinsam waren wir auf der Artbo. Auch davor, als ich als Galerieassistent arbeitete, war die Messe der wichtigste Termin im Kalender. Um 2012 gab es wegen der starken Nachfrage nach Rohstoffen einen Wirtschaftsboom in Lateinamerika, bis dahin war die Artbo eher eine lokale Messe. Von 2012 bis 2019 richtete sich die Artbo unter der Leitung von María Paz Gaviria sehr international aus. Dann kam die Pandemie, die Idee des Reisens und der Internationalisierung rückte in den Hintergrund, Messen wurden generell in Frage gestellt, der Kunstmarkt entdeckte digitale Technologien. Heute will jedes Land seine eigene Wirtschaft schützen, Zölle schaffen Unsicherheit. Auf dieser Artbo-Ausgabe werden 22 internationale Galerien ausstellen, die auf unterschiedliche Weise mit Kolumbien verbunden sind – etwa durch kolumbianische Künstlerinnen im Programm oder Mitarbeitende. Oder sie kommen schon seit mehreren Jahren nach Bogotá und haben hier eine Basis in der Sammlerschaft aufgebaut.

Sie leiten seit diesem Jahr die Messe. Was haben sie vor?

Artbo war eine lokale, dann eine internationale Messe. Wie es weitergeht? Das versuche ich noch herauszufinden. Es ändert sich alles gerade in der Welt, und wenn ich mich auf anderen Messen umschaue, sehe ich, dass sie auf eine gute Art und Weise lokaler werden. Ich mag die Konzentration auf die Region, das funktioniert im Moment sehr gut. Auch von Ausstellerseite aus, denn es ist für Galerien sehr anstrengend, auf vielen Messen präsent zu sein. 

Wie positionieren Sie sich in Lateinamerika? 

Wir sind im Moment stark, aber mit der SP-Arte in Brasilien und der Zona Maco in Mexiko können wir uns nicht vergleichen, weil beide Länder eine viel stärkere Wirtschaft haben. Ich glaube, dass sich die Artbo nicht wirklich wie eine kommerzielle, sondern wie eine sehr kuratierte Messe anfühlt. Deshalb mögen es Sammler aus der ganzen Region hier. Wir arbeiten auch mit dem Kongresszentrum Agora zusammen, da sitzen die Details. Die Artbo ist sehr gut produziert, an einem sehr schönen Ort. Und wir haben ein exzellentes VIP-Programm. Es ist also eine kleine, aber hochwertige Messe. 

Suchen Sie auch eine Beziehung zu Europa?

Auf jeden Fall. Für die Sichtbarkeit der Region ist das wichtig. Wir sind ein wichtiger Akteur in Lateinamerika, aber ich möchte, dass die Messe im Ausland bekannter wird. Viele Sammler sind doch neugierig darauf, Entdeckungen zu machen. 

Sehen Sie Trends auf dem lateinamerikanischen Markt?

Wir teilen dieselbe Kultur und die gleiche Sprache, aber haben oft eine andere politische und wirtschaftliche Geschichte. Und das gilt auch für die Kunstgeschichte. Ich bin mir deshalb gar nicht sicher, ob es so etwas wie einen lateinamerikanischen Markt gibt. Die Dynamik in Argentinien ist eine andere als in Peru, Bogotá oder Mexiko. Und die stärkere Sichtbarkeit von indigener Kunst ist ein globales Phänomen, nicht unbedingt ein lateinamerikanischer "Trend".

 Aber vielleicht spiegeln sich politische, soziale oder wirtschaftliche Realitäten dieses Kontinents in den Werken?

Ja, in Kolumbien sehen Sie etwa viele Werke, die sich mit Territorium befassen. Es ist ein sehr soziales Thema. Hingegen werden kaum Porträts gemalt.

Ich habe kürzlich über zwei Berliner Ausstellungen von kolumbianischen Künstlerinnen geschrieben, die auch um das Thema Boden, Territorium, Sediment kreisen. Es war also kein Zufall.

Nein, nein, es ist für uns tatsächlich ein wichtiges Thema. Kolumbien hat eine lange Geschichte von Gewalt, man wächst mit der Vorstellung auf, dass man viele Gegenden nicht besuchen kann, weil es dort kaum staatliche Strukturen gibt. Territorium war von Kartellen, Rebellengruppen und dem Staat immer wieder hart umkämpft, Tabu für uns Stadtmenschen, aber schon immer in unserem Kopf. Wenn ich eine Ausstellung zu diesem Thema besuche, denke ich manchmal: "Nicht schon wieder! Wir sollten doch in der Lage sein, über etwas anderes zu sprechen!" Aber dann wird mir klar, dass das unser politischer Körper ist. So drücken wir uns aus. Wir kennen Großteile unseres eigenen Staatsgebiets nicht, wir wissen nicht wirklich, wie die Menschen dort leben, deshalb ist es eine sehr politische Angelegenheit, durch Kunst dieses Thema zu vermitteln.

Nach Jahren der Entspannung verschärft sich die politische Lage in Kolumbien wieder. In diesem Jahr kam es zu einer neuen Welle von Terroranschlägen und gezielten Angriffen gegen Politiker und Zivilisten, der Präsidentschaftskandidat Miguel Uribe Turbay wurde im Juni in Bogotá erschossen. Wirkt sich dieses Klima auf die Artbo aus?

Es ist wirklich traurig, dass diese Dinge passieren, aber wir sind weit entfernt von den Zuständen von vor 30 Jahren. Unsere Wirtschaft ist gerade sehr stark. Deshalb glaube ich nicht, dass es einen Einfluss darauf haben wird, wie sich die Messe entwickeln wird.