"Keine Zeit zu sterben"

Die Welt hat einen James Bond bitter nötig

Der neue, lang erwartete James-Bond-Film vereint die besseren Eigenschaften der Agenten-Reihe. Im letzten Streifen mit Daniel Craig als 007 wird alles ein wenig komplexer. Und die gebrochenen Helden sind interessanter als die Superschurken

Er muss. Für Bond ist "Keine Zeit zu sterben", von Ruhestand ganz zu schweigen. Und auch Daniel Craig wurde noch einmal für die 007-Rolle verpflichtet, beziehungsweise mit einer Gage von  50 Millionen Pfund verlockt. Nachdem es Craig in 15 Jahren gelungen war, das Bond-Schema seit "Casino Royale" (2006) aufzufrischen – Monogamie statt Promiskuität, mehr Herz und Verletzlichkeit –, ist ein Bond Nummer sieben, das Casting läuft noch, schwer vorstellbar.

Auf "Spiegel Online" hat Dirk Peitz die Ära Craig mit der Angela Merkels verglichen ("zwei große Krisenbewältiger") und nachgerechnet, dass die Kanzlerin und der Geheimagent ihre Ämter zeitgleich begannen und nun auch zur selben Zeit beenden. Daran schließt sich die Frage an: Geht das mit den Parallelen jetzt so weiter? Und welcher Typ Bond kriegt dann den Zuschlag – der Witzbold, der keine Fettnäpfchen-Challenge auslässt (Armin Laschet), der wortkarg Zupackende (Olaf Scholz) oder doch am Ende der skrupellos-verschmuste 00-Söder?

Helden-Dämmerung hin oder her; der neue "Bond" fährt noch einmal alles auf, was die besseren Teile des knapp 60-jährigen Franchise auszeichnet. Cary Fukunaga, der auch am Drehbuch mitschrieb, inszeniert den Kampf des MI6-Agenten gegen das Böse mit fantastischem Timing. "Keine Zeit zu sterben" flutscht so, wie es der ruhelose Titel verspricht, die unabdingbare "Suspension of Disbelief" gelingt durch geschickt verkürzte Übergänge, mit denen Fukunaga allen Besserwisserinnen das zweiflerische Wort abschneidet.

Trotzdem gönnt er sich die gefühlvolle Action-Pausen, wo es Not tut. Für den emotionalen Ausgleich sorgt Bonds wechselhafte Beziehung zu Madeleine Swann (Léa Seydoux spielte den Part schon in "Spectre"), der sogar eine eher Bond-untypische Rückblende vor der üblichen, dem Vorspann vorauseilenden Verfolgungsjagd gewidmet ist. Als Kind hatte Madeleine eine unheimliche Begegnung mit dem aktuellen Oberschurken, der ihre Mutter erschoss, aber dem Kind das Leben rettete. Madeleines Verbindung zu Lyutsifer Safin (schaurig-gut: Rami Malek, der als Freddy Mercury in "Bohemian Rhapsody" berühmt wurde) ist ähnlich intensiv – und ambivalent – wie die Beziehung zu Ernst Stavro Blofeld (wieder kurz dabei: Christoph Waltz). Die amoralischen Bond-Girls, die entweder zugrunde gehen oder am Ende den rechten Pfad einschlagen und in Bonds Armen landen, sind nichts Neues. Der Unterschied liegt in der Motivation der Zerrissenen, die hier ungewohnt glaubwürdig erzählt wird.

Neben der klassischen Struktur eines Bond-Films inklusive surrealem Vorspann und Titelsong ("No Time To Die", rauchig performt von Billie Eilish), Actionszenen, Gadgets aus dem Experimentierkasten des Erfinders Q (Ben Wishaw), exotischen Schauplätzen (diesmal Jamaica, Kuba und Norwegen) und einem isolierten Ort, an dem Bond den Superschurken vernichten und dessen global bedrohliches Vorhaben stoppen kann, schummelt Fukunaga kleine Referenzen auf die Kinogeschichte ein. Die kindliche Madeleine vom Anfang wähnt sich in einem "Halloween"-Alptraum inklusive Slasher mit Maske. Der in Einzelhaft sitzende, verrückte Blofeld scheint von seiner Zelle die Fäden in der Hand zu behalten wie einst Doktor Mabuse bei Fritz Lang. Auf einer Party der kubanischen Oberschicht bricht eine ultraschnell den Tod bringende Seuche aus wie in Roger Cormans "Maske des roten Todes".

Die Bond-Figur stammt aus dem Kalten Krieg, und die Welteroberungsszenarien – Atomkrieg – waren gar nicht irreal, wenn auch im Zerrspiegel einer reißerischen Handlung wiedergegeben. Dass "Keine Zeit zu sterben", dessen Filmstart mehrfach verschoben wurde, wirklich vor der Corona-Krise abgedreht war, mag man kaum glauben angesichts der Bedrohung durch eine Art menschengemachtes Virus – eigentlich Nanobots –, das im Auftrag von M (von Selbstzweifeln zermürbt: Ralph Fiennes) entwickelt wurde und in die Hände der Schurken geraten ist. Die todbringenden Winzlinge können derart auf spezifische DNA-Sequenzen zugeschnitten werden, dass sie für Englands Feinde tödlich sind, während die Patrioten und Unbeteiligten höchstens "Viren"-Träger sind. Aber ein Einbruch ins geheime MI6- Labor ändert die Lage, Lyutsifer reißt die Erfindung an sich und hebt an zum Massenmord. Sowas wie die Nanobots könnte sich noch nicht einmal Karl Lauterbach bei schlimmster Laune ausdenken.

Die Welt hat einen James Bond also bitter nötig. Aber es ist eben das letzte Mal, dass sich Daniel Craig mit zerfurchter Miene ins Machtzentrum des Bösen aufmacht. Von einer kleinen, im Zweiten Weltkrieg aufgerüsteten Insel aus will Lyutsifer Safin das Verderben um den Globus schicken. Besaßen die Goldfingers und Blofelds früherer Bond-Filme immerhin noch einen mehrheitsfähigen Geschmack, verbirgt sich bei Safin hinter einem zur Seite schwenkbaren Seerosen-Gemälde von Monet ein "Poison Garden" voller Giftpflanzen. Wie Xavier Bardem ("Skyfall") ist Rami Malek ein Finsterling der Extraklasse. An potentiellen Schurken mangelt es womöglich auch gar nicht. Die (gebrochenen) Helden sind das Besetzungsproblem. Die nächste Wahl wird spannend.