Es ist alles groß beim 100. Skyspace von James Turrell auf dem Platz vor dem ARoS Museum im dänischen Aarhus. Erstens ist es die Symbolik, die auffallende Muskeln hat: Es gibt schon 99 andere, sehr viel bis viel kleinere Skyspaces, im Prinzip Hütten oder Kuppelbauten, die zentral am Runddach einen kreisförmigen Blick auf den Himmel freigeben, während der Raum von innen beleuchtet wird. Als müsste man in einen Kunstraum gehen, um erst im Kontrast den Himmel in Ruhe betrachten zu können. Der 100. seiner Art stellt nun alle anderen in den Schatten. Es sind zweitens die Zahlen, die sich strecken: mehr als zehn Jahre Vorbereitung, vier Jahre Bauzeit, 40 Meter Durchmesser und 16 Meter Höhe, tief im Boden.
Der offene Himmelsblick wird von einem tonnenschweren Deckel verschlossen – in der Regel einmal die Stunde für 20 Minuten. Dazu donnert die Mechanik leise, bis nur noch das Kunstlicht übrig bleibt. Fast unmerklich, aber dauernd ändern sich die Farben, 1100 Lichtquellen sind dazu im feinst abgestimmten Einsatz. Die monochromen Farben in zarten Verläufen setzen sich meistens stark ab von der Farbe des Deckelrundes. Der dritte Grund für den Eindruck der Größe: der radikal sakrale Raum, wiewohl entlastet von jeder Religion, wirkt wie ein Vermächtnis – umso mehr, wenn der 83-jährige James Turrell zu dieser wichtigen Eröffnung in Anwesenheit des dänischen Königspaars nicht anreisen konnte. Weil er zu krank ist.
Das sind die harten Zahlen, das ist das unplanbare Leben. Die Kunst wirkt dagegen weich, überirdisch, man hält die Klappe nach dem ersten Ausruf des Erstaunens. Und dieser Skyspace, englisch auch "Dome" genannt, ist grotesk präzise geplant und vom dänischen Architekturbüro Schmidt Hammer Lassen gebaut. Man sieht keine Fugen oder Nähte zwischen Deckel und Kuppel, der Gang in den halb im Untergrund steckenden Dom führt über Sichtbetonrampen und Wände, im riesigen Kreis können in zwei Reihen mehr als 200 Zuschauer Platz nehmen, in der Mitte gibt es Marmor am Boden, der den Himmelsdeckel spiegelt. "As Seen Below" ist ein Ereignis im Sinne von etwas Einzigartigem, das man so noch nie gesehen hat. Nicht von unten, nicht von oben.
Verkehrungen zwischen natürlich und künstlich
Jetzt könnte man einwenden: Huch, bisschen Licht, bisschen Himmel, und schon ist der Kritiker aus dem Häuschen.
Es sind mehrere Effekte, die derart in den Bann ziehen. Sie haben fast alle mit der Präzision der Ausführung zu tun, mit der trickhaften Magie. In dieser Größe des Doms und mit dieser Dichte und Intensität der Farben ist der Verlauf gleichermaßen angenehm wie irritierend. Wenn die Farben etwa von einem blassen Beige-Gelb, das noch zurückhaltend und beinahe natürlich aussieht, in ein giftiges Magenta fließen oder ein sacharines Türkis und wieder retour: so schön wie verwirrend. Und so chemisch ein Standbild für sich wirkt, so organisch scheinen die Farben in der Zeit zu "atmen".
Auch die zweite Illusion hat mit dem Ausbaustandard zu tun. Denn wenn die Kuppel oben offen steht, sieht der Himmel aus wie ein angetackertes Bild, wenn er ganz blau ist, oder wie eine Projektion, wenn ein Vogel rasch drüber fliegt oder die Wolken ruhig reisen. Es sind diese Verkehrungen zwischen natürlich und künstlich sowie ihr ständiges Ineinandergleiten, die viel Aufmerksamkeit binden, selbst wenn äußerlich nichts Hektisches passiert.
Besonders lohnend ist es, bei Sonnenunter- oder sogar Aufgang eine Stunde im Skyspace zu verbringen, weil nun auch der Himmel seine Farbspiele treibt (beides ist möglich, selbst morgens kurz nach drei Uhr im nordischen Sommer, Kaffee gibt es im Museum).
Fragile Transzendenz
Aber egal um welche Uhrzeit, man begreift schnell, dass keine Handykamera diese Erfahrung annähernd dokumentieren kann. Die Funke bleibt irgendwann stecken. Wenig erstaunlich bei explodierender Screen Time in allen Altersschichten: Das fühlt sich sehr gut an. Nicht, weil man schon wieder einem latenten Narzissmus verfällt, ein Dutzendmal "detox" sagt und sich feiert dabei, sondern weil die Aufmerksamkeit so mühelos eine andere wird im Skyspace.
Und vielleicht auch weil dieses Setting partout nicht politisiert werden kann. Man kann sich da drin einfach nicht so wichtig nehmen. Das ist zwar auch in Kirchen so, dieser Austritt aus dem Selbst und Eintritt in etwas anderes ereignet sich hier allerdings viel offener und unbestimmter. Doch diese Transzendenz ist fragil …
Denn man kommt nicht umhin, den Skyspace, den Dom auch als Lautsprecher zu sehen. Wer klatscht oder mit dem Fuß auf dem Marmor stampft, hört ein langes Echo. In der Mitte klingt das Echo trotz der Grandiosität des Raumes extrem trocken, ja intim, wohl weil da die Schallreflektionen alle den gleich langen Weg haben und nicht jeweils anders zeitversetzt zurückkehren, was zu einem mehrfachen Echo führt. Während das Auge den Körper klein macht in diesem Raum und die Grundeinstellung die Demut ist, verführen Klang und Ohr doch wieder zur Verstärkung, wer weiß, zur Selbstüberschätzung. Ob diese paradoxen Empfindungen zu einem Gleichgewicht führen, oder eher einem zitternden Schweben? Oder versucht man besser, einfach still zu sitzen?
Bitte ohne Musik!
Beim dritten Mal im Skyspace war akustisch alles anders. Der dänische König und die Königin waren da und gut 200 Gäste in schicken Kleidern. Der Festakt kam nicht ohne Musik aus. Erst elektronische, etwas gefällig wabernde, dann trat ein Vokalensemble auf, das auch ein altes Einschlaflied sang, das James Turrell von seiner Mutter erinnerte, am Schluss spielte ein Streicherensemble Stücke von Philip Glass. Das ganze Kunstwerk kippte so leider in simple, redundante Emotionalität. In Kitsch.
Warum die Gefühle vorgeben, wenn sie im Skyspace so viel mehr Platz haben als sonst? Die Musik reduzierte Turrell zu etwas, was ihm manche Kritiker schon vorgeworfen haben: Deko. Ohne Musik ist die Erfahrung aber tatsächlich eine andere, für manche abgebrühte Journalisten sogar erschütternde. Und das lag nicht nur am Düsenjet, der bei geöffneter Kuppel vorbei flog. Das Echo lungerte wohl 20 Sekunden in der Luft des Skyspace. Bis eine Möwe schrie.