James Turrell im sächsischen Oelsnitz

Licht am Ende des Bergbaus

James Turrell eröffnet im sächsischen Oelsnitz seinen neuen Farbraum "Beyond Horizons": eine Installation aus reinem Licht, die Grenzen, Raum und Wahrnehmung auflöst. Ein gelungener Schlussakkord des Chemnitzer Kulturhauptstadt-Jahres

Blau leuchtet es aus der Wandöffnung hervor, ein intensives, alles geradezu einhüllendes Blau. Plötzlich folgen Stroboskop-Blitze, nur wenige Sekunden lang. Dann eine andere Farbe, Mintgrün oder Tieforange, immer so weiter. Inzwischen hat der Besucher Schutzhüllen über seine Schuhe gezogen, ist eine feierliche Treppe hinangestiegen und tritt nun durch die Wandöffnung ein – in einen Raum, der keine Grenzen zeigt.

Es ist kein Zimmer, sondern ein Zustand, ein Gefühl des Eingehülltseins von Farbe. Gibt es Wände? Allenfalls eine Rückwand, nochmals intensiver leuchtend, ist auszumachen, während die Seiten links und rechts kantenlos aus dem Boden emporwachsen und in die Decke übergehen. Licht, nichts als Licht, das kein Drittes bezeichnet, sondern nur es selbst ist.

Sein ganzes Leben beschäftigt sich James Turrell mit diesem Leuchten. Der 1943 in Los Angeles geborene Künstler sieht es nicht als Inszenierung von Gegenständen, sondern als Materialität eigener Art. In seinen Installationen wird Licht, zumeist farbiges, geradezu körperlich spürbar, als eine Art Atmosphäre, die uns, die Betrachter, umgibt.

Kein kurzfristiges Programmfeuerwerk

Zum Abschluss des Programms, mit dem Chemnitz sein Jahr als Kulturhauptstadt Europas bestritten hat, wurde jetzt die Arbeit "Beyond Horizons" eröffnet. Sie ist in einer eigens erbauten Architektur auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Karl Liebknecht im sächsischen Oelsnitz errichtet, hineingesetzt in das denkmalpflegerisch sanierte Stahlgerüst der vormaligen Schmiedehalle. Sechseinhalb Millionen Euro hat die Kommune dafür aufgewendet, aus verschiedenen Fördertöpfen unterstützt; Turrells Werk allerdings wurde aus dem zentralen Kulturhauptstadt-Topf finanziert und soll für zunächst 15 Jahre zugänglich bleiben. 

Kein kurzfristiges Programmfeuerwerk also, sondern Nachhaltigkeit, wie es sich die Kulturhauptstadt-Macher generell auf die Fahnen geschrieben haben. Zum Aufbau konnte der 82-jährige Turrell nicht nach Sachsen kommen, er will den Besuch aber im kommenden Frühjahr nachholen.

Nur zwölf Interessierte dürfen gleichzeitig den Farbraum betreten. Zeitfenster für jeweils eine halbe Stunde werden ausgegeben, zehn davon am Tag. Macht 120 Besucher täglich, nicht viel angesichts des Interesses; die Time-Slots für das Eröffnungswochenende waren im Internet binnen zwei Stunden vergriffen.

Licht als Metapher 

Es gibt in der Chemnitzer Umgebung nicht nur Turrell zu sehen: Seine Installation ist Teil des "Purple Path", des Purpurwegs von Kunst und Skulptur, der die 38 Kommunen verbindet, die rings um die Kulturhauptstadt an deren Programm teilgenommen haben. Als Kurator war Alexander Ochs tätig, der lange als Kunstvermittler und Galerist in Peking und Berlin gelebt hat. Er hat unter anderem Arbeiten von Bettina Pousttchi, Tony Cragg, Richard Long, Rebecca Horn oder Alice Aycock ausgewählt und steht dafür ein, dass der "Purple Path" mit seinen Stationen erhalten bleibt, "mindestens 20 oder 25 Jahre lang", wie er einmal betont hat.

Bezug genommen wird auf die große Bergbau-Vergangenheit der Region, in Chemnitz und Umgebung sowie im südlich angrenzenden Erzgebirge. Steinkohle wurde gefördert – wie in Oelsnitz –, aber auch Silber, Kupfer, nicht zu vergessen Uran, das ab 1945 direkt in die Sowjetunion zu liefern war, für den Bau von Atombomben. 

Das Licht dient als Metapher für den gefahrvollen Bergmannsberuf, für die Erleichterung, am Ende der Schicht den hellen Tag wiederzusehen. Nichts ist vom Bergbau im südlichen Sachsen geblieben, oder eben nur museale Erinnerung wie in der Kohlewelt, die den mächtigen Förderturm der genannten Zeche bespielt. Darin macht eine gewaltige Zweikolben-Dampfmaschine, 1923 aus dem Ruhrgebiet geliefert, die Eigenschaft von Kohle als Energieträger sinnfällig. 1948 hat Adolf Hennecke, der von der SED ausgewählte Musterbergmann, hier seine exakt geplante, 387-prozentige Normerfüllung geliefert.

Über den menschlichen Horizont hinaus

James Turrell setzt dieser harten Materialität des Bergbaus die Körperlosigkeit des Lichts entgegen. Wer in den Farbraum eintritt, fühlt sich eingehüllt oder schwerelos, schwankend oder haltlos – vieles ist möglich. Nichts gibt es, um sich festzuhalten oder anzulehnen; nicht einmal Schatten werfen die Besucher, sie sind wie geisterhaft geworden.

Woher das Licht kommt und wie es sich verbreitet, bleibt so rätselhaft wie stets in Turrells Installationen. Manche von ihnen, die sich in kreisrunden Öffnungen dem wolkenlosen Himmel südlicher Gefilde öffnen, verweisen auf den überirdischen Ursprung der Farbe. "Beyond Horizons" trägt insofern den angemessenen Titel, denn Turrell weist über den menschlichen Horizont hinaus. Auch, wenn wir Irdischen dieses beinahe jenseitige Reich nur minutenlang betreten dürfen.