"Die Möglichkeit der Unvernunft" im Berliner HKW

Was Jan Böhmermanns Ausstellung über sein Kunstverständnis verrät

Jan Böhmermann inszeniert seine Schau im Haus der Kulturen der Welt in Berlin erfolgreich als medienwirksames Spektakel – doch taugt sie auch als Kunstausstellung? 

Ob man ihn mag oder nicht – eines muss man Jan Böhmermann lassen: Die Aufmerksamkeit, die der Late-Night-Moderator und sein Team erzeugen, ist beeindruckend. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass #boehmermann trendet. Und so ist auch seine Ausstellung "Die Möglichkeit der Unvernunft" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) ein Ereignis von bemerkenswerter medialer Resonanz: Zwischen Satire, politischem Statement, Selbstinszenierung und Diskursanalyse polarisiert die Schau und sorgt für Debatten weit über den üblichen Rahmen von Museumsausstellungen hinaus. 

Aber geht es dabei auch um Kunst? Oder ist das Ausstellungshaus nur eine zufällige Plattform unter vielen, interessant nur wegen seiner Lage direkt neben dem Kanzleramt? Der Respekt Böhmermanns vor dem musealen Kontext hält sich erwartungsgemäß in Grenzen: "Das Medium oder die Form, in der meine Kolleginnen und Kollegen und ich unsere Sachen machen, ist zweitrangig", sagt der Satiriker im Monopol-Interview. "Na klar, wir machen eine erfolgreiche Fernsehsendung, aber das Grundprinzip, mit dem wir an die Dinge herangehen, funktioniert auch, indem man manche Ideen fassbar macht und in eine andere Welt holt. Jetzt eben in eine Ausstellung."

Abgeklärter, ja fast herablassender, könnte man die knappe Ressource institutioneller Ausstellungsraum, um die eine viel zu große Zahl von Künstlern konkurriert, kaum beschreiben. Doch auch wer aufgrund von Prominenz und Diskursmacht als selbstverständlich hinnimmt, dass öffentlich geförderte Kunstinstitutionen ihm Platz einräumen – die Ausstellung ist aggressiv als "Takeover" gelabelt –, begegnet dennoch der unhintergehbaren Aufladung musealer Räume. Marcel Duchamp hat vor über 100 Jahren mit seinem Urinal eindrucksvoll gezeigt, dass ein Objekt durch Auswahl und Kontext zum Kunstwerk wird. Was taugen also die in der "Die Möglichkeit der Unvernunft" präsentierten Exponate als Kunst? Und an welche Tradition schließen sie an?

Wie viel Schlingensief steckt in Böhmermann?

Wer an ein zu Kunst veredeltes Sublimat aus Politik und Krawall denkt, kommt in Deutschland nicht an Christoph Schlingensief vorbei. Doch seltsamerweise scheint der Theatermacher und Künstler, der doch immerhin auch als TV-Host aktiv war, kaum Einfluss auf den Comedian gehabt zu haben. Am ehesten erinnert der Roadtrip mit dem E-Scooter, den Jan Böhmermann im April unternommen hat, an einige als absurde Heldenepen angelegte Aktionen Schlingensiefs: Über 600 Kilometer fuhr Böhmermann mit dem E-Roller von Köln-Ehrenfeld bis in die Kulturhauptstadt Chemnitz und ließ sich auf spontane Begegnungen, ungeplante Strecken und Herausforderungen ein. Ein Video davon und das Fortbewegungsmittel sind im HKW zu sehen –als Übrigbleibsel der Böhmermann-Sendung "ZDF Magazin Royale". 

Viele andere Ausstattungsgegenstände aus dieser Fernsehkarriere werden mehr oder weniger ironisch als Kunst-Kunst auf Sockeln präsentiert: Hygieneprodukte aus Trump-Hotels, Handtücher aus dem Haushalt von René Benko, eine goldene Schallplatte, Postkarten, bedruckt mit Hassnachrichten und Profilbildern echter Internetnutzer, sowie eine Sammlung von Tausenden Seiten aus über 100 Straf- und Zivilprozessen, in denen Böhmermann involviert war.

Die Präsentation der Artefakte ist die sicher nicht ganz ernst gemeinte Kunstwerdung der Late-Night-Show. Als Kunst ist das eher langweilig, weil sie keine Autorität über sich duldet – schon gar kein Fernsehen, das alles in Unterhaltung und Requisiten verwandelt.

Wo bleibt der Zweifel?

Dann sind da aber die Werke, die diesen Namen verdienen, weil sie offenbar für die Ausstellung entstanden sind. Eine "Waisenvernichtungsmaschine" schreddert etwa regelmäßig ein Kuscheltier, sofern Besucher nicht 20 Euro für dessen Rettung spenden; die Aktion ironisiert die Grenzen medialer Empathie. Eine in mehrfacher Hinsicht "fette" Helmut-Kohl-Büste aus Butter verweist ironisch auf die angebliche Vorliebe des ehemaligen Kanzlers für das Molkereiprodukt. KI-generierte Nacktbilder von Friedrich Merz spielen mit Fragen nach Privatsphäre, Digitalisierung und Voyeurismus.

Alle diese Werke setzen auf klare Botschaften und Ironie. Nirgends aber ist irgendein Selbstzweifel erkennbar, ein Ringen mit dem Material, mit der Form, mit dem eigenen Produktions- und Ausstellungszusammenhang, mit der Rolle als Künstler.

Diese Exponate mögen an Kunstwerke erinnern: in ihrem augenzwinkernden Einverständnis mit dem Betrachter etwa an die Arbeit von Elmgreen & Dragset, im trotzigen Hingeklotze an die ornamentalen Statements von Ai Weiwei, in ihrer machtkritischen Attitüde an Hans Haacke. Doch ihnen fehlt die Fragilität, die gute Kunst auszeichnet, grade auch, wenn sie politische Kunst ist.

Der Untergang als Powerplay

Die viel fotografierte aufblasbare Freiheitsstatue im Wasserbecken vor dem HKW ist ein gutes Beispiel. Ihr Kopf hängt herab, als drohe sie zu ertrinken. Dahinter ein Zitat aus dem Film "Plantet der Affen": Die Menschen haben es vermasselt! Wenn man das ebenfalls monumentale und endzeitliche Elmgreen-Dragset-Werk "Protruding Gallery" aus der Sammlung des Hamburger Bahnhofs in Berlin dagegenhält: Die Installation stellt ein Museum dar, das scheinbar in den Boden versinkt und thematisiert damit die Vergänglichkeit von kultureller Produktion. Während bei Böhmermanns Freiheitsstatue der Untergang rechthaberisch wirkt ("Ich hab es euch doch gesagt"), gehen bei dem Berliner Duo die Schöpfer des Werks gleich mit unter. "Protruding Gallery" ist Teil der Serie "Powerless Structures", und ein wenig mehr von diesem Zittern vor der eigenen Unwahrscheinlichkeit hätten den Werken in der Böhmermann-Schau auch gut getan. 

Solche Unsicherheiten kann man sich vielleicht nicht leisten, wenn man jede Woche im Rampenlicht steht und sich ständig neu legitimieren muss. Umso mehr Wertschätzung sollte man dem safe space Museum entgegenbringen, als Raum des bloß Symbolischen, für das es sich nicht zu sterben lohnt.

Überraschenderweise findet man in dem Projekt "Möglichkeit der Unvernunft" dann doch eine fast schon rührende Geste dieses Respekts vor der musealen Umgebung: Besuchende müssen ihr Handy abgeben und sich auf unmittelbare Erfahrung mit den Werken einlassen. Das immerhin wäre doch ein Impuls, den der Kunstbetrieb gerne aufnehmen kann.