Jan Böhmermann und Wolfram Weimer auf einer Bühne – diese Konstellation versprach ohnehin schon Brisanz und seit vorletzter Woche noch einmal deutlich mehr. Denn im Auditorium des Haus der Kulturen der Welt in Berlin (HKW) trafen am Dienstagabend nicht nur Satiriker und Politiker, hipper TV-Mann und wertkonservativer Boomer, Bremen und Tegernsee aufeinander, sondern eben auch die zwei zentralen Figuren des jüngsten Aufregers um vermeintlichen Antisemitismus im Kulturbetrieb: Böhmermann sagte ein für seine Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt geplantes Konzert ab, nachdem es Kritik an dem geplanten Auftritt des Rappers Chefket gegeben hatte. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte die geplante Veranstaltung in der Bundeseinrichtung Haus der Kulturen der Welt (HKW) scharf kritisiert. Der Rapper trage auf Fotos ein T-Shirt mit einem Motiv des gewünschten Staates Palästina ohne Israel, so der Vorwurf. Dieses Motiv sei nach Ansicht der Bundesregierung als antisemitisch zu betrachten; Weimer hatte den HKW-Intendanten zum Eingreifen aufgefordert.
Warum er sich zu diesem Schritt veranlasst fühlte, wollte Moderatorin Eva Schulz (die den Abend brillant lenkte) zum Auftakt der Diskussion vom Kulturstaatsminister wissen. Dieser referierte staatstragend über den zunehmenden Antisemitismus in Deutschland, kam munter von der Documenta zur Berlinale zum ESC, was ihm Böhmermann nicht lange durchgehen ließ. Die beiden hätten sich schon in der Vergangenheit über das Thema ausgetauscht, und was den Kampf gegen Antisemitismus angelange, passe zwischen ihm und den Kulturstaatsminister "keine 'Welt am Sonntag'". Gerade deshalb hätte er sich gewünscht, dass Weimer – als Aufsichtsrat des HKW – ihn zunächst einfach angerufen hätte, statt den Skandal in die Öffentlichkeit zu tragen und ihn damit erst zu einem politischen Akt zu machen. Er habe doch nur einen Brief geschrieben, entgegnet Weimer – worauf Schulz daran erinnert, dass dieser Brief über die Deutsche Presse Agentur verbreitet wurde.
Gleich zu Beginn wird hier ein Muster erkennbar, das die Diskussion des Abends bestimmt: Weimer gibt sich als aufrechter Kämpfer gegen Antisemitismus, Böhmermann sieht dahinter ein ideologisches Machtspiel, bei dem sich der Kulturstaatsminister vor den Karren von "rechten Hetzportalen" wie "Nius" (das Portal des Ex-"Bild" Chefredakteurs Julian Reichelt hatte das umstrittene Chefket-Foto bei Instagram aufgespürt) und dem Springer-Konzern spannen lasse. Wie könne es sein, dass nur eine Minute nach einem Telefonat zwischen Böhmermann und Weimer die "Bild"-Zeitung bei ihm anriefe mit exakt dem gleichen Informationsstand, will Böhmermann wissen. "Haben Sie da eine Liveschaltung zu Springer?" "Sie wollen nur einen billigen Punkt machen", kontert Weimer.
Ping-Pong gegenseitiger Verantwortungszuweisung
In der Folge kommt es zu einem interessanten Ping-Pong gegenseitiger Verantwortungszuweisung. Die Konzertabsage sei Böhmermanns Entscheidung gewesen, nicht seine, sagt der Kulturstaatsminister. Aber Weimer, so Böhmermann, habe eingegriffen, und zwar vor den Kulissen. Er sei Politiker, er habe die Macht und die Verantwortung, wenn über einer Veranstaltung das Urteil "Antisemitismus" fällt. "Nein, Sie haben die Macht", entgegnet Weimer. Böhmermann: "Sie können den HKW-Intendanten entlassen, ich nicht." Beide werfen sich gegenseitig vor, die Kunst zu politisieren – die von Böhmermann immer wieder betonte Unterscheidung, dass er dies aus der Position des Kulturschaffenden, Weimer es hingegen als Politiker betreibe, will letzterer nicht gelten lassen.
Der Diskussionston an diesem Abend ist dabei nur manchmal scharf, dafür hören sich beide selbst zu gerne reden. Böhmermann hat oft die besseren Argumente, neigt aber dazu, sie in endlosen Kaskaden zu Pointen zu verlabern, statt sein Gegenüber zu konfrontieren. Weimer wiederum zeigt sich als gewiefter Redner, der sich gut auf das ihm tendenziell eher kritisch gegenüberstehenden HKW-Publikum vorbereitet hat, sich charmant gibt, oft lacht. Er will den Abend als Salon-Gespräch zweier Menschen der Mitte entschärfen: Der politische Satiriker dort, der freigeistig-ästhetische Politiker hier – letztendlich seien ihre Positionen doch so unterschiedlich nicht. „"Sie sind Bertolt Brecht, ich bin Thomas Mann", doziert Weimer hochtrabend. "Ihre Eier möchte ich haben", ruft Böhmermann.
Das gleiche Muster zeigt sich, als es um den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk geht. Böhmermann wirft Weimer die Verwendung des Begriffes "Zwangsgebühren" vor. Er mache sich damit einen Kampfbegriff der Rechten zu Eigen, er delegitimiere damit eine Institution, deren Schutz und Verteidigung zu den eigentlichen Aufgaben eines Kulturstaatsministers gehöre. Warum er diesen Begriff in den Raum werfe, ob ihm auch hier "Nius" die Feder geführt habe, will Böhmermann wissen. Aber nein, so Weimer, der Begriff sei völlig wertfrei und etwa auch unter Staatsrechtlern gängig; er selbst verwende ihn schon sein Leben lang. Und er lasse sich eben von niemand seine Wortwahl vorschreiben. Die GEZ-Gebühren seien nun einmal eine "Zwangsgebühr", es bringe doch nichts, wenn man das beschönige. Das sei jetzt eine billiger rhetorische Masche gewesen, antwortet Böhmermann: "Ich hab das Gefühl, Sie wollen hier Zaubertricks aufführen, aber das Tuch hängt Ihnen aus der Hose."
"Wir bräuchten Orte der Glaubwürdigkeit"
"Technik killt Kultur?" – unter diesem Titel war die Diskussion angekündigt, doch es dauert mehr als eine Stunde, bis die Kontrahenten das Thema aufgreifen. Was vielleicht auch gut ist, denn hier herrscht weitgehend Einigkeit. Böhmermann führt aus, dass er hinter den Titel ein Ausrufezeichen statt eines Fragezeichens setzen würde: Technik macht Kultur kaputt, und er verweist auf algorithmengetriebene Social Media-Plattformen, die Allianz von Tech-Firmen und politischer Macht in den USA, KI-generierte Fake News, die letztlich schon "in vier Jahren" zum Kollaps des Internets führen würden, einfach weil eine Gesellschaft ohne zuverlässlige Informationen nicht überleben kann. Weimer stimmt zu und fordert – hier tatsächlich einmal seine Rolle als Politiker gerecht werdend – die Zerschlagung von Google und anderer Monopole. Über das Kartellrecht, EU-Regulierungen und nicht zuletzt Steuerregelungen ("Plattform-Soli") sei dies auch machbar; der Raubzug, mit dem sich KI-Unternehmen derzeit Texte, Bilder, Musik, Kultur einverleibe, müsse stoppen. Wir bräuchten Orte der Glaubwürdigkeit und der freien Informationen. Kein schlechter Einwurf von Böhmermann: Bei den Öffentlich-Rechtlichen sitzen viele kompetente Leute, die dabei helfen könnten!
Aus dem Publikum kommt am Ende des Abends eine Frage, die noch einmal auf die Konzertabsage eingeht: ob die beiden mit dem Wissensstand von heute alles noch einmal so machen würden? Böhmermann verfällt in eine etwas selbstmitleidige, vielleicht auch einfach ehrliche Selbstanklage: Er hätte für den 7. Oktober, den zweiten Jahrestag des Hamas-Massakers, niemals ein Konzert ohne Einbeziehung jüdischer Perspektiven planen dürfen, er sei zu leichtfertig, gedankenlos vorgegangen.
Kleines, bitteres Trostpflasterchen
Tatsächlich kann man kaum fassen, wie dieser politisch sonst so wachsame Mensch auf diese Idee kam – und hatte eigentlich auch beim HKW, das bei diesem Thema wie alle Kulturinstitutionen in Deutschland nun wirklich alert sein sollte, niemand Bedenken? Weimer hingegen beantwortet die Publikumsfrage mit einem langgestreckten "Tja" und lehnt sich entspannt in seinen Sessel. Jan Böhmermann habe die Frage doch ganz gut beantwortet. Und weil das dann doch ein bisschen sehr eitel-selbstzufrieden rüberkommt, raunzt Böhmermann ihn an: Rufen Sie beim nächsten Mal einfach an!
Damit endet die Diskussion, wo sie begann, und doch geht man einigermaßen erleichtert nach Hause. Hier saßen zwei auf dem Podium, die gut ausgeteilt und gut eingesteckt haben. Die gezeigt haben, dass man jenseits aller Differenzen miteinander sprechen kann. Aber das ist nur ein kleines, bitteres Trostpflasterchen angesichts des Schadens, der in den letzten Tagen und Wochen angerichtet wurde: die Shitstorms und Bedrohungen, die Stigmatisierung von Künstlern und Musikern, Institutionen und ganzen Bevölkerungsgruppen, das fahrlässige Drücken von Triggerpunkten, mit denen die Polarsierungsunternehmer wieder einmal ihr Geschäft befeuern konnten.