Frankfurt tobt: Ein Netz aus bunten Fäden hängt über der Konstablerwache, es ist dort zur Aufwertung der Innenstadt installiert worden und soll 2,3 Millionen Euro gekostet haben, und zwar nur zur Miete, für drei Jahre. Wo immer ein Werk im öffentlichen Raum installiert wird, wird über den Sinn von Kunst (im Stadtraum oder anderswo) gestritten. Das ist ein gut geölter Reflex, von "Was soll das?" über "Geldverschwendung" bis "Das kann ich auch". Auch in Frankfurt, wo Kunstverstand vorhanden ist, aber eben auch gern öffentlich gestritten wird, musste man damit rechnen.
Eigentlich würde man an dieser Stelle gerne zu einem – ebenfalls gut eingeübten – beruhigenden Gegenreflex ansetzen. Über Kunst im öffentlichen Raum wird nun mal nicht von der Öffentlichkeit abgestimmt. Sondern diese Entscheidungen werden von Experten, meist von einer Jury aus Fachleuten, nach einer Ausschreibung getroffen.
Man könnte das Objekt mit dem wolkigen Titel "Sky full of Hope" auch einfach ignorieren, denn die Installation ist überraschend klein und lässt sich gut ausblenden. Doch Wut und Unverständnis sind groß, und zwar gerade unter solchen Menschen, die mit zeitgenössischer Kunst vertraut sind. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Wie konnte ein solches Werk im öffentlichen Raum landen, ohne Ausschreibung, ohne transparent nachvollziehbaren Auswahlprozess? Wieso fließt eine solch hohe Summe in ein nur temporäres Objekt?
Im Kunstbetrieb weitgehend unbekannt
Gerade bei einem Werk an so einer zentralen Stelle sind die Fragen berechtigt: Die Konstablerwache ist einer der größten Plätze Frankfurts. Ein leeres, gepflastertes Quadrat in der Innenstadt, belebt nur während des Wochenmarkts. Die "Konsti" hat einen Ruf als Umschlagplatz für Drogen, ihre Aufwertung ist eine gute Idee. Der Aufmerksamkeits- und Geldregen der Ernennung Frankfurts zur "World Design Capital" war Anlass für einen kreativen Eingriff.
Der Etat dafür ist aus Künstlersicht traumhaft. Er kommt, das ist der Kulturdezernentin Ina Hartwig wichtig, nicht aus dem Kulturhaushalt, sondern war beim Stadtmarketing übrig. Er wäre sonst verfallen. Aber musste man ihn deshalb auch für etwas ausgeben, das so offensichtlich aus dem Eventbereich kommt?
Die Wahl der Stadt fiel auf die US-Amerikanerin Janet Echelman. Im Kunstbetrieb ist sie weitgehend unbekannt, sie hat weder Galerie- noch Museumsausstellungen. Besucher der Automesse IAA kennen sie aus München, da spannte sie ihr Netz schon über den Odeonsplatz, damals für den Autokonzern Mercedes-Benz, im Auftrag der Frankfurter Agentur Atelier Markgraph. Die richtet für die Stadt Frankfurt seit Jahren große Feiern aus, und ist eine der Top-Adressen für Eventdesign. Echelman nennt sie "meine Agentur", und so war Atelier Markgraph auch mit der Organisation der Installation auf der Konstablerwache beauftragt.
Auftrag ohne Ausschreibung
Eine Ausschreibung, wie man sie bei einem Projekt von dieser Tragweite gespannt erwartet hätte, gab es nicht. Was insbesondere deshalb schade ist, weil die Städelschule, eine der wichtigsten Kunstakademien der Welt, in Frankfurt sitzt, und die Stadt zu Recht stolz ist auf ihre punktgenau gesetzten Kunstwerke im Stadtraum: Jonathan Borofskys "Hammering Man" an der Messe, Claes Oldenburgs hochwirbelnde Krawatte vor der DZ-Bank, Cyprien Gaillards Installation einer öffentlichen Toilette in der Taunusanlage.
Möglicherweise wurden auch diese Entscheidungen damals von einigen wenigen getroffen, aber: Es waren Expertinnen und Experten für Kunst beteiligt, die sich entschlossen für diese starken Werke einsetzten. Darum überdauert diese Kunst im öffentlichen Raum, darum ist sie immer noch treffend und gut – selbst, wenn sie anfangs im Frankfurter Gegenwind gestanden hatte.
Bei diesem beleuchtbaren Event-Dach, das in ähnlicher Form auch schon in Städten wie Dubai oder Madrid blinkte, ist das anders. Es frisst Ressourcen, ohne etwas anzustoßen oder zurückzugeben. Es wirft, heißt es, nicht einmal nennenswerten Schatten auf den notorisch heißen Platz. Auch die visuelle Kraft ist, gemessen am Aufwand, gering. (Bei der ersten Sichtung löst es höchstens ein halbes Staunen aus, vergleichbar mit einem sehr kleinen, tonlosen Feuerwerk.) Es ist ein Objekt mit der Ästhetik von Firmenevents bei Dax-Unternehmen. Etwas, mit dem sonst Konzerne zeigen, dass sie sehr viel Geld haben. Nicht das beste Signal in einer Stadt wie Frankfurt.
Doch der größte Schaden ist, dass es von der Öffentlichkeit irrtümlich für Kunst gehalten wird. Während die großartigen Frankfurter Institutionen, in denen man wirklich gute Kunst sehen kann, immer weniger Ausstellungen machen können.