An der Wand im Treppenhaus der Kunsthalle Basel hängt hoch über den Stufen das kleine Porträt eines dünnhäutigen Engels vor abstrakter Landschaft. Der verschattete Blick flirrt vage zwischen Interesse und Abwesenheit, die Gesichtszüge sind verrutscht, als würde er gerade den Kopf wegdrehen. Wirklich erhaben sieht das nicht aus. Eher abwartend, müde. Ein einsamer Türsteher vor dem Tempeltor zur Kunst.
Janiva Ellis hat ihn dort mit gutem Grund platziert. Seit Langem folgt die New Yorkerin in ihren Bildern den Spuren der Gewalt, die die Geschichte der Malerei durchziehen. Sie fragt nach ihren Ursprüngen und Funktionen, nach den Formen, in denen sie erscheint, und den Strukturen des Ausschlusses, die sie erzeugt. Als Vermittler zwischen Himmel und Erde blieben Engel in der Kunstgeschichte von dieser Gewalt meist erstaunlich unbehelligt. Ellis’ Version mit eleganten Flügeln im Art-Deco-Look hört auf den Namen "Glint", doch das Schimmern auf seiner Haut wirkt nicht glamourös, sondern wie der Abglanz einer brennenden Welt.
Janiva Ellis "Glint", 2026, Installationsansicht in der Ausstellung "Geneva", Kunsthalle Basel, 2026
Diese wartet dann gleich hinter der Tür zum Oberlichtsaal. 1908 stellte die Basler Mission dort erstmals Objekte aus ihren weltweiten Niederlassungen aus, in eigens dafür beschlagnahmten Hütten, die aus Accra eingeschifft worden waren. Jetzt wogen hier in dunklen Sepiatönen auf monumentalen Leinwänden Massen gesichtloser Körper zwischen ramponierten Architekturen, die an Knochenhaufen erinnern.
Auf "May Day", einem in den Raum gebogenen Panoramaformat, bäumt sich im Getümmel der Leiber ein scheuendes Pferd auf und verschmilzt vor dystopischer Landschaft mit dem Körper einer Frau, die mit herausforderndem Schulterblick die Betrachtenden fixiert, als wolle sie prüfen, wie ihr die Pose des Angelus Novus steht. In "Une nuit agitée" balanciert Walter Benjamins Engel der Geschichte dann x-beinig als sexualisierte Cartoonfigur auf der Schwelle zu einem Bühnenraum, in dem Menschen unter Aktenbergen begraben liegen oder sich in Marionettenfäden verheddern, an denen sie von einer höheren Macht aus dem Off in den Kampf gezwungen werden.
Janiva Ellis "May Day", 2026, Installationsansicht in der Ausstellung "Geneva", Kunsthalle Basel, 2026
Ellis’ Bilder atmen eine Atmosphäre latenter Bedrohung. Sie ist überall präsent, legt sich schwer über das wüste Land, durchdringt die Trümmer und die derangierten Körper, die mal an Francis Bacons bleiche Kadaver erinnern, mal an traurige Comic-Superhelden, deren zarte Seelen für die meisten unsichtbar bleiben hinter all den beeindruckenden Muskelbergen, die für das Gute arbeiten.
In "Let’s Regress" hockt eine dieser Figuren vor einem Strudel, in dessen Sog ein paar Figuren wie im Strömungsbecken einer Wellness-Oase entspannt Richtung Abgrund treiben. Die Aufforderung zur Regression kommt in freundlichen Farben daher.
Nichts bleibt sich selbst gleich
Auch das Großformat "Philosophie Zoologique" bewegt sich im vorsprachlichen Raum. Wie Frühnebel kriechen hier aus einer dunklen Mundhöhle Schwaden von Buchstaben aller Alphabete und Ziffernsysteme und fluten den Bildraum, durch den ein hybrides Wesen irrt, nicht Hund, nicht Fisch, nicht Kakerlake, mit dem Gesicht eines weißen Mannes, Panik im Blick – Hieronymus Bosch hätte seine Freude gehabt. Die Zeichenwolken in der Luft formen sich hier noch nicht zu Text, aber der Zug zur fortschreitenden Komplexität ist präsent, den Jean-Baptiste de Lamarck 1809 in seiner "Philosophie zoologique" als Qualität jedes lebendigen Systems beschrieb. Der Naturforscher war überzeugt: Die Umwelt transformiert die Körper und fordert ihre Anpassung. Nichts bleibt sich selbst gleich, ohne Austausch keine Veränderung.
Janiva Ellis "Geneva", Ausstellungsansicht in der Kunsthalle Basel, 2026
Janiva Ellis folgt dieser Bewegung mit dem Pinsel. Die Oberflächen ihrer Gemälde sind oft durchlässig, unter lasierenden Farbschichten bleiben frühere Zustände sichtbar wie Gespenster der Vergangenheit, die das kollektive Unbewusste sanft und fest im Griff haben. Bei Ellis steigen sie aus unterschiedlichsten Quellen auf, aus Mythologie und Popkultur, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte, vor allem aber aus den Ursprüngen der westlichen Moderne, die sich in radikaler Abgrenzung zu allen Kulturen entwickelte, die sie als Schwarz identifizierte. Deren Ideen von Durchmischung, Mehrdeutigkeit, Spiritualität und Gemeinschaft beantwortete die Moderne mit Konzepten der Abschottung, der Reinheit und Unterwerfung.
Bedingungen von Gewalt
Ellis, 1987 als Tochter eines Schwarzen Vaters und einer weißen Mutter in Oakland geboren, wuchs nach der Trennung der Eltern bei ihrer Mutter in Hawaii auf. Sie ist sich bewusst, welchen enormen Einfluss Hautfarbe in westlichen Gesellschaften auf das wirkliche Leben hat – auf die Möglichkeiten individueller Entfaltung, das gesellschaftliche Zusammenleben, jede Form kultureller Produktion. In ihren Bildern ist diese Erfahrung nie ausdrücklich formuliert, was kaum verwundert. Der "New York Times" erzählte Ellis kürzlich, dass sie sich in ihrer Arbeit nicht in erster Linie mit Fragen der Schwarzen Identität auseinandersetze, sondern mit den Bedingungen von Gewalt: "Wie können wir uns als Menschen nicht selbst unterdrücken?" Die elf Bilder, die Ellis in der Kunsthalle Basel zeigt und die eigens für diese Ausstellung entstanden sind, öffnen einen ungemein dichten, vielschichtigen Resonanzraum für diese Frage.