Als Jugendlicher in Sheffield entwarf Jarvis Cocker in einem Notizbuch bereits einen "Masterplan" für Pulp, jene Band, mit der er sehr viel später tatsächlich zum Popstar wurde. Inzwischen ist der Sänger 63, Pulp haben ein erfolgreiches Comeback samt neuem Album hinter sich – und Cocker beschäftigt sich wieder verstärkt mit bildender Kunst.
Gemeinsam mit seiner Frau Kim Sion kuratiert er für 2027 die Ausstellung "The Hodge Podge" im britischen Museum Hepworth Wakefield. Anlass dieses Gesprächs ist zunächst jedoch der Dokumentarfilm "Pulp: Bereit für eine Zugabe?", der am 25. September bei Mubi startet. Darin blickt Regisseur Garth Jennings mit Konzertaufnahmen und Archivmaterial auf mehr als vier Jahrzehnte Pulp zurück. Ein Gespräch über Pop als Lebensentwurf, die Ernüchterung nach dem Erfolg, Kunst als menschliches Grundbedürfnis – und das eigene Leben als Inspiration.
Jarvis Cocker, der Film "Pulp - Bereit für eine Zugabe?" war ursprünglich als Konzertfilm geplant. Dann hat der Regisseur Garth Jennings angefangen, Archivmaterial aus mehr als vier Jahrzehnten Bandgeschichte einzubauen. Wie war es, das eigene Leben auf diese Weise vor sich zu sehen?
Ehrlich gesagt war das nicht meine Idee. Ich dachte, wir würden einfach einen Konzertfilm machen. Dann sagte Garth irgendwann: Ich habe beschlossen, Archivmaterial einzubauen. Wenn er gesagt hätte: Wir machen jetzt "Talking Heads" und lassen Leute darüber sprechen, was Pulp bedeutet, hätte ich das wahrscheinlich ziemlich langweilig gefunden. Aber ich wusste, dass er jemanden für die Archivrecherche gefunden hatte, der an dem Porträt "Senna" über den Formel-1-Fahrer Ayrton Senna gearbeitet hatte. Den Film hatte ich gesehen und fand den Umgang mit dem Archivmaterial ziemlich erstaunlich. Also dachte ich: Okay, tief durchatmen. Dann wird es eben Stellen geben, an denen es sich anfühlt, als würde ich sterben und mein Leben noch einmal vor meinen Augen vorbeiziehen. Vielleicht ist das ja eine ganz gute Übung, bevor es wirklich passiert.
Und, wie war es?
Es war tatsächlich eine seltsame Erfahrung. Es gibt zum Beispiel Aufnahmen mit meiner Mutter und meiner Großmutter, die beide nicht mehr leben. Aber Garth ist schon sehr lange ein Pulp-Fan. Wir haben ihn kennengelernt, weil er mit einer Idee für das Video zu "Help the Aged" zu uns kam, der ersten Single von "This Is Hardcore". Er hat das Archivmaterial sehr sensibel ausgewählt. Und einiges stammt auch aus dem Material, das ich für mein Buch "Good Pop, Bad Pop" auf meinem Dachboden gefunden hatte.
Im Film sieht man auch das Notizbuch, in dem Sie als Teenager Pulp bereits erfunden hatten: den Namen, die Kleidung, einen "Masterplan". War Pulp damals für Sie überhaupt schon eine Band – oder zunächst eher das Kunstprojekt einer imaginären Welt, das Sie irgendwann Wirklichkeit werden lassen wollten?
Diesen "Masterplan" habe ich wahrscheinlich geschrieben, als ich 13 oder 14 war. Ich wollte unbedingt in einer Band sein. Aber ich war ein schüchternes Kind. Also war es für mich damals einfacher, alles in ein Buch zu schreiben und zu sagen: So wird es passieren, statt tatsächlich Leute zu fragen, ob sie mit mir eine Band gründen wollen. Ich habe mir das also alles ausgedacht. Aber ich sage im Film auch, dass ich sehr froh bin, dass es dann eben nicht nach diesem "Masterplan" gelaufen ist.
Wieso?
Sobald andere Menschen dazukommen und man versucht, gemeinsam Musik zu machen, hat man nicht mehr die Kontrolle darüber. Und darüber bin ich sehr froh. Die Leute, die schließlich bei Pulp landeten, waren zunächst einfach Freunde aus der Schule. Leute, die keinen Sport machten und auch sonst nicht wirklich an den üblichen sozialen Aktivitäten teilnahmen. Ich habe sie dazu gebracht, freitagabends zu meiner Mutter nach Hause zu kommen.
Wie lief das ab?
Bei unserer ersten Probe habe ich sie sogar bestochen: Ich hatte ein paar Dosen Bier besorgt und gesagt: Wenn ihr zur Probe kommt, könnt ihr auch Bier trinken. Das haben wir allerdings ziemlich schnell wieder abgeschafft, weil es nicht besonders produktiv war, wenn alle nur betrunken waren und ihre Instrumente nicht spielten. Dieses Notizbuch hatte ich vollkommen vergessen. Als ich es auf meinem Dachboden wiederfand, dachte ich: Wow, unglaublich, dass ich das wirklich gemacht habe. Eigentlich wollte ich schon seit meinem siebten Lebensjahr in einer Band sein. Am Tag meiner Geburt waren die Beatles auf Platz eins. Sie waren normale Menschen und schrieben ihre eigenen Songs. Das war eine gewaltige Inspiration: Man dachte, das kannst du auch machen. Als sie sich trennten, war ich ungefähr sieben. Vielleicht dachte ich einfach: Okay, die sind jetzt weg, dann kann ich übernehmen. Diese Idee hat mich jedenfalls nie wirklich verlassen. Viele Kinder wollen Feuerwehrmann oder Astronaut werden. Ich wollte Popstar werden – und habe es tatsächlich geschafft.
Für das, was zwischen einer Band und ihrem Publikum passiert, verwenden Sie den Begriff collective effervescence. Was meinen Sie damit?
Diesen Fachbegriff für eine Art des Sprudelns habe ich tatsächlich erst vor Kurzem entdeckt. Er beschreibt, wie Menschen bei großen Ereignissen aufeinander reagieren. Das kann bei einem Sportereignis passieren, bei einem Konzert oder, zumindest in den frühen Tagen des Kinos, auch dort. Wenn Menschen zusammenkommen und eine Stimmung entsteht, liebe ich das. Ich bin immer sehr neugierig auf das Publikum. Ich frage mich: Wie sind diese Menschen hierhergekommen? Warum sind sie hier? All diese einzelnen Menschen werden plötzlich zu einer Masse, und daraus entsteht etwas Magisches. Das wurde mir auch bewusst, als Garth und ich "ABBA Voyage" gesehen haben ...
... die virtuelle Konzertshow in London, bei der Avatare der schwedischen Band ABBA auf der Bühne stehen.
Natürlich schaut man zunächst auf diese Avatare und fragt sich, wie sie es schaffen, dass die Figuren so real aussehen. Interessanterweise gab es aber Momente, in denen die Avatare verschwanden und nur noch Bilder auf der Leinwand zu sehen waren. Sofort ließ die Aufmerksamkeit des Publikums nach. Das hat mir auf eine etwas merkwürdige Weise klargemacht, wie wichtig die Menschen auf der Bühne sind. Man kann noch so viele fantastische Lichter und Bilder haben – im Zentrum eines Konzerts stehen Menschen, und man muss glauben, dass sie zu einem sprechen.
Als Ihr vollkommen unrealistischer Kindheitstraum Jahrzehnte später tatsächlich wahr wurde, haben Sie den Erfolg als ziemlich traumatisch erlebt. Was stimmte an Ihrer Vorstellung vom Popstar-Dasein nicht mit der Realität überein?
Meine Vorstellung davon war ungefähr so wie die Vorstellung davon, in den Himmel zu kommen: Alles würde perfekt sein, und man müsste sich für den Rest seines Lebens überhaupt keine Mühe mehr geben. Dabei war ich längst erwachsen. Ich wurde erst in meinen 30ern berühmt, ich hätte es also wirklich besser wissen müssen. Aber mit der Realität konnte ich trotzdem nicht besonders gut umgehen. Das hatte ziemlich schlechte Auswirkungen auf mich.
Und dann?
Eine Zeit lang dachte ich deshalb, ich sollte mit der Musik aufhören. Ich dachte: Du hast es geschafft, es hat dir nicht gefallen – warum machst du nicht etwas anderes? Also habe ich das versucht. Ich zog nach Frankreich, und auf dem Weg dorthin fiel meine Gitarre vom Autodach und wurde von einem Lastwagen überfahren. Ich dachte: Das ist ein Zeichen. Ich soll keine Musik mehr machen, meine Gitarre wurde schließlich gerade zerstört. Ein paar Monate habe ich es tatsächlich versucht.
Aber?
Dann kamen mir wieder Ideen für Songs. Zunächst sagte ich mir: Das mache ich nicht mehr, ich werde diese Ideen nicht aufnehmen. Schließlich habe ich mit mir selbst eine Abmachung getroffen: Wenn mir weiterhin Ideen kommen und ich mich einen Monat später noch an diese Songs erinnern kann, dann gebe ich zu, dass ich es immer noch machen will. Genau das ist passiert. Heute denke ich anders über Erfolg. Ich stelle mir nicht mehr vor, dass ich auf einer Wolke leben werde, das Essen automatisch zu mir kommt und ich mich nie wieder anstrengen muss. Erfolg bedeutet für mich heute, Songs zu spielen, zu merken, dass die Leute sie mögen, und das Gefühl zu haben, dass dadurch eine Verbindung entsteht. Das tun zu können, ist etwas Erstaunliches. Ich kann es heute für das schätzen, was es tatsächlich ist, statt dafür, was es meiner Meinung nach sein sollte.
Nach dieser jüngsten Pulp-Phase und den aktuellen Konzerten: Haben Sie das Gefühl, die Band ist wieder vorbei – oder wollen Sie gerade bewusst nicht wissen, was als Nächstes kommt?
Ich glaube nicht, dass Pulp vorbei ist. Das denke ich eigentlich nie. Aber wir haben momentan keine Pläne, wieder auf Tour zu gehen. Jetzt werden alle erst einmal ein bisschen Pause machen. Vielleicht denke ich gegen Ende des Jahres darüber nach und frage: Wollen wir uns mal wieder zu einer Probe treffen? Wollen wir sehen, ob wir etwas schreiben können? Diesen Teil kann man nicht vorhersagen. Solange man die Ideen nicht ausprobiert, weiß man nicht, ob sie überhaupt etwas taugen. Zum Glück muss diesen Teil des Prozesses niemand sehen. Ich hoffe jedenfalls, dass wir noch einmal auf Tour gehen. Es wäre wahrscheinlich besser früher als später. Ich bin schließlich gerade 63 geworden. Irgendwann kann ich vielleicht nicht mehr auf die Bühnenmonitore springen.
Sie und Kim Sion kuratieren für nächstes Jahr die Ausstellung "The Hodge Podge" im Hepworth Wakefield. Ihr Manifest endet mit dem Satz: "You are an artist. Even if you don't know it." Bezeichnen Sie sich selbst nach einem Leben, in dem Sie so viele Dinge geschaffen haben, eigentlich als Künstler?
Ich glaube, dass jeder ein Künstler ist. Dinge zu erschaffen, gehört zum Menschsein. Es ist etwas, das uns von allen anderen Tieren unterscheidet. Wir haben vieles mit Tieren gemeinsam. Wir haben Münder, Augen, wir essen. Aber wir sind die einzige Spezies, die Dinge herstellt, Bilder macht und miteinander kommuniziert, indem jemand ein Bild an eine Wand hängt und sagt: Was hältst du davon? Und jemand anderes kann es ansehen und sagen: Ja, ich weiß, was du meinst – ohne, dass überhaupt ein verbaler Austausch stattfindet. Die ersten Zeugnisse davon finden sich in Höhlen. Deshalb glaube ich, dass Kreativität ein absolut zentraler Bestandteil des Menschseins ist. Jeder kann kreativ sein, und in gewisser Weise sollte es auch jeder sein. Das bedeutet nicht, dass jeder Bilder malen sollte. Ich zum Beispiel kann überhaupt nicht malen. Aber es ist gut, Dinge zu machen. Man kann kochen, man kann nähen. Ich halte das für sehr wichtig.
Bei "The Hodge Podge" wollen Sie diese Idee praktisch umsetzen: Die Besucher sollen nicht nur Kunst betrachten, sondern selbst etwas produzieren?
Ja. Am Ende der Ausstellung wird es etwas geben, das sich "Dream Machine" nennt. Das basiert auf einer Erfindung des Beatnik-Künstlers Brion Gysin. Ich erinnere mich an diese Dinger: eine Art Pappröhre auf einem Plattenspieler mit einer Glühbirne darin. Man schließt die Augen und beginnt, Dinge zu sehen. Jemand hat inzwischen eine technisch weiterentwickelte Version davon gebaut, und wir hoffen, sie in der Ausstellung zeigen zu können. Man schließt die Augen, die Lichter bewegen sich, Musik läuft und man sieht Muster. Anschließend wird man gebeten, das zu zeichnen, was man gesehen hat. Niemand sieht genau dasselbe, weil keine zwei Gehirne exakt gleich verdrahtet sind. Diese Zeichnungen wollen wir anschließend ausstellen. Die Besucher werden also im Laufe der Zeit tatsächlich selbst Teil der Ausstellung.
In Ihren Songs spielen genaue Beobachtungen des Alltags eine zentrale Rolle. Wann haben Sie entdeckt, dass gerade das scheinbar Gewöhnliche Material für Kunst sein kann?
Das war eine Art Offenbarung, die ich hatte, nachdem ich aus einem Fenster gefallen und im Krankenhaus gelandet war. Das war Mitte der 80er. Ich war vorher schon in der Band gewesen, aber ich hatte diese Vorstellung, dass man Songs auf eine besondere Weise schreiben müsse. Man müsse über intellektuelle oder irgendwie besondere Dinge schreiben.
Muss man aber nicht ...
Nachdem ich aus diesem Fenster gefallen war und eine Weile im Krankenhaus lag, begriff ich einfach, dass man über das schreiben muss, was man kennt und was einen umgibt. Das klingt sehr banal. Aber ich glaube, dass man das leicht übersieht, weil man an seine Umgebung und die Art, wie man lebt, so gewöhnt ist. Die meisten Menschen sind mit ihrem Leben nicht vollkommen zufrieden und fantasieren darüber, woanders hinzugehen und etwas anderes zu tun. Man erzählt sich Geschichten darüber, dass das Leben an einem anderen Ort viel intensiver stattfindet. Aber für dich selbst findet das Leben genau dort am intensivsten statt, wo du gerade bist. Also sollte man versuchen, alles möglichst detailliert zu beschreiben. Denn etwas, das einem selbst vollkommen gewöhnlich erscheint, kann für einen anderen Menschen sehr interessant sein, weil er es nicht kennt. Damit habe ich damals im Krankenhaus angefangen.
Wie sah das aus?
Ich lag auf einer Genesungsstation, einem langen Raum mit vielen Menschen in Betten. Ich schaute sie mir an und schrieb Einzelheiten über sie auf. Diese Zettel habe ich immer noch. Ich wusste damals gar nicht genau, warum ich das machte. Ich dachte nur: Wenn ich versuche, meine alltäglichen Erfahrungen so detailliert wie möglich zu beschreiben, wird daraus irgendetwas entstehen. Und das tat es. Das versuche ich bis heute. Wenn man so arbeitet, enthält das, was man macht, Details, bei denen jemand, der es hört oder sieht, spürt: Das muss aus einer wirklichen Erfahrung stammen. Und dann stellt man eine Verbindung zu den Menschen her. Sie merken, dass man nicht einfach nur angeben will, sondern wirklich versucht, etwas zu sagen. Das ist der merkwürdige Widerspruch: Je spezifischer man beim Schreiben sein kann, desto universeller wird es. Weil die Menschen merken, dass es in jemandem wirklich existiert.