Welchen Stellenwert haben Bilder als politische Botschaften? Wie lässt sich Haltung in einer Zeit vermitteln, in der Sprache verroht und Worte entwertet werden? Bilder können noch sprechen, wo Worte nicht mehr genügen. Sie sind Zeichen und Geste, Mitteilung und Gabe – nicht nur Geschenk, sondern auch Verpflichtung und Schuldigkeit. Bilder machen sichtbar, was im Ungewissen bleibt – in einem Raum von Mehrdeutigkeit, Spannung und Widerstand. Wer sie betrachtet, tritt in Beziehung – nicht nur zum Dargestellten, sondern zur Absicht, die sich über ihre Gegenwart vermittelt.
Ein beispielhafter Ort solcher visuellen Rede ist der Audienzraum des Papstes, wo sich zwischen zwei Gemälden ein Bogen spannt, der die Entwicklung der politischen Wirkung religiöser Bilder vom ausgehenden 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart widerspiegelt – von Pietro Peruginos elegischer "Auferstehung" bis hin zur barocken "Maria Knotenlöserin", die im Hintergrund eines politischen Treffens eine stille, aber machtvolle Rolle spielt. Zwischen diesen beiden Bildwelten entfaltet sich ein weiteres Band: ein leuchtend gelbes, vatikanfarbenes Seidengewebe, das um den Hals eines Mannes geknotet ist, der als Vizepräsident der Vereinigten Staaten dem Papst seine Aufwartung macht. Eine Krawatte – gewiss. Und doch zugleich: Geste, Zeichen, Ausdruck diplomatischer Kommunikation in einem Moment äußerster politischer und persönlicher Zuspitzung.
Den Audienzraum des Papstes überblickt Peruginos "Auferstehung", entstanden um 1500 im Auftrag eines päpstlichen Sekretärs für eine Familienkapelle. Das Gemälde steht exemplarisch für eine religiöse Malerei, die mehr ist als Glaubensvermittlung – sie wird selbst zum politischen Medium. Christus, in eine Mandorla eingeschrieben, erhebt sich aus dem Grab, flankiert von Engeln. Die Soldaten liegen schlafend am Boden, nur einer blickt – staunend, erkennend, sehend.
Die Komposition, getragen von Symmetrie und sanftem Licht, entfaltet eine stille Autorität. Ihre Botschaft ist nicht laut, sondern sanft und entrückt – sie richtet sich nicht an die Vielen, sondern an die Wenigen, die bereit sind zu sehen. In dieser gezielten Ansprache liegt ihre politische Kraft. Das Bild wirkt – und wird zugleich vereinnahmt: von Napoleon geraubt, nach dem Wiener Kongress durch Antonio Canova an den Vatikan zurückgeführt, später von Papst Paul VI. aus dem Museum in seine Privaträume geholt. Auch 2018, beim Besuch von Bundeskanzler Sebastian Kurz, wurde es zum fotogenen Hintergrund. Ein Werk, das mit den Interessen der Macht wandert – und diese inszeniert.
Am 20. April 2025 empfängt Papst Franziskus im Gästehaus Sanctae Marthae JD Vance, den erst vor wenigen Jahren zum Katholizismus konvertierten Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten – im kleinen Rahmen, aber unter großer Aufmerksamkeit. Vance vertritt eine Regierung, deren politische Agenda in offenem Widerspruch zur Lehre dieses Pontifikats steht. Migration, soziale Ausgrenzung, nationale Abschottung – all das hat Franziskus öffentlich und theologisch kritisiert. In einem Schreiben widersprach er der Deutung des Kirchenvaters Augustinus, wie Vance sie zur Schau gestellt hatte: einer Lesart, in der Liebe zur Legitimation politischer Ausgrenzung wird. Liebe beginne nicht mit der Familie und ende an der Grenze, so Franziskus, sondern gründe eine "für alle offene Geschwisterlichkeit" – ohne Ausnahmen.
Und doch gibt es auch Gemeinsamkeiten. In Fragen wie Abtreibung oder Homosexualität vertreten beide Positionen, die näher beieinander liegen als in anderen Themen. Beide berufen sich auf ein konservatives Werteverständnis, das im gesellschaftlichen Diskurs zunehmend unter Spannung steht. Umso schärfer tritt der Gegensatz hervor, wenn es um soziale Gerechtigkeit und globale Verantwortung geht – jene Dimensionen, in denen Franziskus das Christentum nicht als Schutz von Identität, sondern als Verpflichtung zur Öffnung begreift.
Die politische Dimension von Kunst erreicht ihren Höhepunkt in der Begegnung von Papst Franziskus mit JD Vance am letzten Lebenstag des Papstes, dem Ostersonntag. In einer Zeit, in der politische Spaltungen tief und die Konfrontationen intensiv sind, wird die Geste des Papstes zu einem Zeichen, das über Worte hinausgeht. Und doch: kein Tadel, keine Anklage bei diesem Treffen. Stattdessen spricht das Bild im Hintergrund – die "Maria Knotenlöserin" – und die Geste im Vordergrund: Franziskus überreicht Vance eine gelbe Krawatte mit dem Siegel des Vatikans.
Entwirre, worin du verstrickt bist
In diesem Moment wird das weltliche Accessoire zum letzten Zeichen eines sterbenden Pontifex. Es ist nicht nur ein Symbol der Verbindung, sondern auch eine diplomatische Mahnung: Löse die Knoten, die deine Politik geschaffen hat. Entwirre, worin du verstrickt bist. Trage Verantwortung, statt sie rhetorisch zu verschieben. Eine Botschaft, die trotz vieler Mahnungen nie vollständig gehört wurde, aber in diesem Moment sichtbar und unausweichlich wird. Eine Ethik des Bildes.
Das Bild im Hintergrund, das dem Papst als Beistand und moralischer Tadel dient, ist eine Kopie eines barocken Gemäldes aus Augsburg. Die Präsenz der Nachbildung verkörpert Understatement. Franziskus, der – wie Benedikt XVI., Perugino oder andere Meisterwerke aus den Vatikanischen Museen hätte wählen können – entscheidet sich für einen Abzug eines Bildes aus einer süddeutschen Kirche. Ihm ging es nicht um die Aura des Originals, sondern um die Kraft des Motivs. Er folgt der jesuitischen Vorstellung: Maria entwirrt die Knoten, die der Mensch nicht mehr zu lösen vermag – insbesondere dort, wo irdische Macht sich verstrickt.
Nur wenige Stunden nach dem Treffen mit Vance stirbt Franziskus. Diese Begegnung wird zu seiner letzten offiziellen Handlung, die im Rückblick wie eine inszenierte Schlussformel wirkt: das Bild der Knotenlöserin, die Geste, der müde Blick – und dann der Tod. Kein Apostolisches Schreiben, keine Enzyklika, sondern eine Geste, die politisch eindeutig adressiert ist. Der Papst stirbt nicht im Rückzug, sondern mit einem Zeichen.
Die Krawatte wird zum symbolischen Schlüssel eines Augenblicks, in dem Kunst und Macht, Glaube und Politik, Leben und Tod sich in seltener Dichte überlagern. Zwischen Peruginos Auferstandenem und Schmidtners Maria entsteht ein Band, das sowohl verbindet als auch verpflichtet. Es wird zum Vermächtnis eines Pontifikats, das das Politische stets im Blick hatte, aber selten so wortlos und präzise markiert hat. Ein Pontifikat, das am Ende nur noch zeigt – und dabei alles sagt.