Deutscher Pavillon

Jeder Stein trägt Geschichte in sich

Natascha Süder Happelmanns Beitrag zur Venedig-Biennale steht in einer langen Tradition von politischer Kunst, die sich am deutschen Pavillon abarbeitete. Ein Rückblick

Steine, eine meterhohe Staumauer und die Selbstorganisation von Geflüchteten – beim Gang durch Natascha Süder Happelmanns "Ankersentrum" in Venedig zieht man unweigerlich Vergleiche zu Biennalen der vergangenen Jahre. Seit der ersten Pressekonferenz Ende Oktober trägt die Kunstfigur einen Stein auf dem Kopf, von so manchem als deutsche Kartoffel interpretiert. 22 solcher Kartoffelsteine in verschiedenen Größen liegen nun auf dem dreckigen Marmorboden im deutschen Pavillon, mal allein, mal in Konstellationen um Wasserlachen aus Latex angeordnet. Man ist versucht, sie als Stellvertreter für Menschen auf der Flucht zu lesen.

Während jetzt Elektrobeats und der Sound von Trillerpfeifen aus den 48 hinter dem Beton-Staudamm installierten Lautsprechern tönen, waren es 1993 die Besucher, die auf dem steinigen Boden für die Akustik sorgten: Ein lautes Klacken drang aus dem Hauptraum, "als werde ein hektisches Billardmatch über Lautsprecher verstärkt", so Ulf Erdmann Ziegler damals in der "taz". Hans Haacke hatte die Steinplatten des Bodens herausreißen lassen, zerschlagen und dann zu einem überdimensionalen Scherbenhaufen ineinander geschichtet. Ein Bild zwischen Naturkatastrophe und Vandalismus. Unter den Füßen der Besucher sorgte das für Krach und für den bisher unangefochten eindrücklichsten Kommentar zur Geschichte des Pavillons. 

Kaum ein Ausstellungsraum ist derart konnotiert

Denn den zu bespielen ist eine der größten Herausforderungen im zeitgenössischen Kunst. Kaum ein anderer Ausstellungsraum ist derart konnotiert, an kaum einem anderen Ort drängt sich die Frage nach dem Umgang damit derart auf. Bayrische Künstler hatten die Initiative ergriffen und 1909 den "Padiglione Bavarese" eröffnet, mit gründerzeitlichen Säulen und Tympanon. 1912 umbenannt zum "Padiglione della Germania" wurde der Pavillon 1938 durch mächtige Rechteckpfeiler zum Manifest nationalsozialistischer Baukunst. Der Parkettboden durch Marmor ersetzt, der Schriftzug GERMANIA in die Fassade gemeißelt. Haacke platzierte ihn 1993 vergrößert an der runden Stirnwand im Hauptraum. "GERMANIA" war schließlich auch Titel der Arbeit, nachdem er "Bodenlos" verworfen hatte. 

Das von Natascha Süder Happelmann gewählte Symbol des Steins, es steht mit dem Wissen um diesen ikonischen Beitrag nicht nur für Entmenschlichung, für versteinerte Köpfe, für die Last von Geflüchteten auf ihrem Weg in die Festung Europa – er ist auch Referenz zu Haackes "GERMANIA". Er generiert seine Bedeutung aus diesem neben "Der Bevölkerung" im Deutschen Bundestag wohl bekanntesten Werk Haackes, das angesichts der Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 auch als tagespolitischer Kommentar gelesen werden konnte. 

Es war zudem die erste Biennale nach der deutschen Wiedervereinigung. Haacke erklärte im Juni 1993, er sei in den "letzten zwei, drei Jahren mehrmals in West- und Ostdeutschland gewesen" und sein Trümmerfeld im deutschen Pavillon ließe sich durchaus als Trümmerfeld des Ost-West-Verhältnisses lesen. Passend dazu hängte er eine überdimensionale Nachbildung einer D-Mark mit dem Münzdatum 1990 an den Haken über dem Eingang, an dem einmal der Adler mit Hakenkreuz geprangt hatte. Die Sicht auf das Trümmerfeld versperrte ein auf roter Fläche präsentiertes schwarzgerahmtes Foto von Hitler bei seinem Besuch auf der Biennale 1934. 

Wie hältst du's mit dem Eingang?

Wie hältst du's mit dem Eingang? Das scheint eine weitere Gretchenfrage für die Bespielung des Pavillons. Vor vier Jahren waren flache Schuhe und eine geringe Körpergröße von Vorteil, denn für Florian Ebners "Fabrik" blieb der Haupteingang, wie auch jetzt im "Ankersentrum", verschlossen. Hinein kam man nur über die schmale Seitentreppe, in der ein profanes Schild begrüßte: "Zur Abschaltung des elektrischen Stroms im Notfall Scheibe einschlagen." Ebner nutze die Dachkonstruktion des Bonner Kanzlerbungalows, der 2014 während der Architekturbiennale im Inneren des Gebäudes zu sehen war, als Ausstellungsfläche für seine Erkenntnisfabrik der Bilder.

Besucher trafen hier zuerst auf "The Citizen" von Tobias Zielony. 22 Fotografien von Menschen, die nach Deutschland geflüchtet waren und hier protestierten: gegen die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, gegen das Verbot, zu studieren oder zu arbeiten. Etwa Napuli Paul Langa aus dem Sudan, die in Berlin fünf Tage auf einem Baum ausharrte, als die Polizei im April 2014 das Protestcamp auf dem Oranienplatz räumen ließ. Auch Natascha Süder Happelmann stellte von Beginn an Fragen zur Einwanderungspolitik, jedoch weniger personalisiert: Der Stein, er lief in vorab veröffentlichten Videos vorbei an Ankerzentren in Bayern und Baden-Württemberg. Er war unterwegs in Italien, begleitet vom Sound einer Großdemo in Rom, bei der Tausende Mitte Dezember 2018 für die Rechte von Migranten und gegen die restriktive Einwanderungspolitik der italienischen Regierung demonstriert hatten. Parallel zu den Preview-Tagen erreichte er schließlich sein Ziel: ein Rettungsschiff im Zollhafen von Trapani.

Tobias Zielony fand einen subversiveren Weg, um noch vor dem September 2015 Asylpolitik, Pegida und die Rolle der Medien zu (er)fassen: Er hatte seine Fotos an Autoren und Journalisten weitergeleitet, die sie wiederum in afrikanischen Zeitungen publizierten. Es waren individuelle Geschichten, die er zugänglich machte, vorausgesetzt, die Rezeptionszeit im Lagunenstädtchen reichte zwischen Gepäckband und Rückflug-Check-in für die Lektüre der eigens produzierten Zeitung, die – ganz demokratisch – gestapelt zur Mitnahme bereitlag. 

Ohne Kontext bleibt der Besucher 2019 allein

Auf eine derartige textliche Zugänglichkeit verzichtet Natascha Süder Happelman im "Ankersentrum" gänzlich. Nicht ein Buchstabe der Erläuterung findet sich an der Wand, geschweige den Werktitel, Sponsoren oder Beteiligte. Keine Frage: Künstler und Kuratoren sind keine Kommentarmaschinen des politischen Weltgeschehens noch der präsentierten Arbeiten. Doch wer die drei vorab veröffentlichten Videos nicht gesehen hat, der bleibt in Venedig allein mit der tropfenden Staumauer und der zwischen tanzbaren Beats und Vogelgezwitscher changierenden Soundinstallation, die ihre inhaltliche Wucht nur dann entfaltet, wenn die Trillerpfeife als nonverbales Verständigungsmedium zwischen Geflüchteten gehört wird. 

Es ist erst die Lektüre des eindrücklichen Gesprächs zur "Kultur der Abschiebung" in der Begleitpublikation, das innere Bilder entstehen lässt und das, wie damals Zielony, die Selbstorganisation von Geflüchteten ins Zentrum stellt: Aino Korvensyrjä, die zum deutschen Abschieberegime und zur Kriminalisierung der Migration promoviert und aktiv bei Justizwatch, Free Movement Network und bei cultureofdeportation.org ist, spricht darin unter anderem mit Rex Osa. Als politisch Verfolgter flüchtete der im Jahr 2005 nach Deutschland, wo er Asyl beantragte. Er beteiligte er sich an der Aufklärung des Todes von Oury Jalloh, der 2005 in Polizeigewahrsam verbrannt war. Osa hat den Verein Flüchtlinge für Flüchtlinge gegründet, der auf Anfrage Übersetzungen und Begleitpersonen für Behördenbesuche anbietet, Geflüchtete bei ihrem Asylantrag oder Widersprüchen gegen Amtsbescheide unterstützt und Antragsteller über ihre Rechte und Pflichten im Verfahren sowie über das Ausländer- und Sozialrecht informiert. 

Zu Wort kommt auch David Jassey: Als ehemaliges Mitglied des gambischen Integrationskomitees und dessen Exekutive, berichtet er über die Selbstorganisation gambischer Geflüchtete in der vom Stein betrachteten Erstaufnahme-Einrichtung Donauwörth und analysiert die Auswirkungen eines massiven Polizeiangriffs im Lager. Am 14. März 2018 waren dort 30 gambische Flüchtlinge verhaftet wurden. Wer spricht für wen? Wer vermittelt Inhalte und Anliegen? Und inwieweit gewinnen diese, vermittelt durch eine dritte Person, mehr Kraft? Im Rahmen der Eröffnungsrede von Sprecherin Helene Duldung wurde aus dem Statement des Komitees sudanesischer Geflüchteter in Ickerweg bei Osnabrück zitiert. Diese hatten sich bereits im Jahr 2017 zusammengetan, um aktiv auf Missstände in ihren Unterkünften aufmerksam zu machen.

Derart reale Erfahrungen brachten Jasmina Metwaly und Philip Rizk vor vier Jahren in die Fabrik: Das Dach eines Wohnblocks in Kairo wurde zur Bühne für die Erfahrungen der Männer, die in einer privatisierten und danach zerstörten Fabrik in Ägypten arbeiteten. Im Video sprachen sie im brechtschen Lehrstücksinne Dialoge nach, imitierten mit Geräuschen und Gesten ihre zerstörten Maschinen und ließen sich auch noch filmen, als sie auf Plastikstühlen sitzend sich selbst im Film sehen – wer beobachtet jetzt noch wen und warum? Im anderen Seitenflügel des Pavillons waren die Steinfliesen dieses Dachs aus Kairo lose verlegt. Wer drüberbalancierte, produziert Krach im hohen Raum – auch eine Anspielung auf Hans Haackes zerstörten Pavillonfußboden von 1993.  

Wände, Mauern, Zäune

Deutlich vernarbt sind im jetzigen "Ankersentrum" die fleckigen Wände: Da bröckelt der Putz, rechts und links ist ein zartes Raster aufgezeichnet. Natascha Süder Happelmann und Franciska Zólyom haben den Pavillon so belassen, wie er ihnen im November von der Architektur-Biennale übergeben wurde. Dieser offensichtliche Hinweis auf das Narrativ des Pavillons, er ist nicht nur eine formale Entscheidung im Sinne des ruinösen Zustands. Die Gebrauchsspuren der Architekturbiennale von 2018 lassen sich auch inhaltlich lesen: Unter dem Motto "Unbuilding Walls" hatte das Architekturbüro Graft in Zusammenarbeit mit Marianne Birthler den Pavillon zur Entwicklung des einstigen Todesstreifen zum freien Raum kuratiert. 

28 Jahre hatte die Mauer gestanden, 28 Jahre war sie im vergangenen Jahr gefallen. Die Schatten der Mauer, der Phantomschmerz sind durchaus noch städtebaulich und gesellschaftlich spürbar. In Interviews konnten die vier dies transportieren. Der Pavillon selbst fasste 28 Beispiele – vom Potsdamer Platz bis hin zur East Side Gallery – eher im Stile einer begehbaren Imagebroschüre zusammen. Deren überdimensionale Seiten waren den Segmenten der Berliner Mauer nachempfunden. Beim Eintritt in den Pavillon – Antwort auf die Gretchenfrage: Zur Abwechslung ganz ungehindert durch den Haupteingang! – zogen diese sich zu einer scheinbar undurchdringlichen schwarzen Mauer zusammen. Natascha Süder Happelmanns noch viel höhere hellgraue Staudamm-Mauer aus Beton steht nun an derselben Stelle. 

"Unbuilding Walls" war eine aalglatte Präsentation zu einem hochemotialen wie hochaktuellen Thema. An den Wänden sorgten Spiegelfliesen für den Effekt der sich in die Unendlichkeit ziehenden schwarzen Mauer – die Vorzeichnungen für deren Positionierung sind nun noch zu sehen. Die im vergangen Jahr gegenüber der Mauer positionierte Videoinstallation "Wall of Opinions" dokumentierte Menschen, die mit Mauern in Zypern, Nordirland, zwischen Israel/Palästina, USA/Mexiko, Nord- und Südkorea sowie an der EU Außengrenze in Ceuta leben. Der Strom für die schicken LED-Monitore zog sich durch die Wand des Pavillons und beschert ihm nun zwei horizontal durchs Mauerwerk gehende Risse. Diese subtile Einschreibung von "Unbuilding Walls" im "Ankersentrum" lässt es auch als Kommentar zu einem Deutschland daherkommen, das vergessen hat, Geld für die Jubiläumsfeierlichkeiten zu 30 Jahren Deutscher Einheit im Haushalt einzuplanen.