Wo Geld und Macht einander begegnen, muss meist nicht lang nach der Kunst gesucht werden. So überrascht es wenig, dass der bestens mit der politischen und wirtschaftlichen Elite seiner Gegenwart vernetzte verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auch enge Verbindungen zu bedeutenden Akteuren des Kunstmarkts unterhielt – aber eben auch sie zu ihm.
Eine Headline wie "Jeff Koons attended dinner party at Jeffrey Epstein's private home" ist nach den zahllosen Promi-Umarm-Fotos der vergangenen Monate kein Schocker mehr. Überraschend ist eher, wie aktiv und professionell Epstein für einige seiner Mandanten und "Freunde" auch nach seiner ersten Inhaftierung 2008 noch als Finanzberater auf dem Kunstmarkt agierte und ihre Geschäfte beriet und abwickelte. Dabei ging es – surprise, surprise – weniger um Stilfragen als um schnöde Steueroptimierung, Liquiditätsplanung und Nachlassregelungen.
Tatsächlich unterhielt der oftmals als "Architekt für Vermögensberatung" bezeichnete Jeffrey Epstein zahlreiche geschäftliche Beziehungen in die Welt der Händler und Sammler, die seit den jüngsten Veröffentlichungen des voraussichtlich letzten Konvoluts der Epstein Files durch das US-Justizministerium öffentlich einsehbar sind. Darin tauchen zum einen die klangvollen Namen der weltweit größten Galerien und Auktionshäuser wie Gagosian, Christie's oder Sotheby's mit mehreren Tausend Einträgen auf. Zum anderen sind unter justice.gov/epstein aber auch etliche Korrespondenzen mit individuellen Akteuren des Kunstmarkts einsehbar.
"Freunde", die gemeinsam Kunst kaufen
Zu finden sind in der öffentlich zugänglichen Datenbank vor allem umfangreiche Mail-Korrespondenzen, die von Epstein und seinem ehemaligen Strafverteidiger und späteren Vertrauten Richard Kahn das Bild professionell organisierter und rein profitorientierter Kunstmarkt-Akteure zeichnen. Dabei haben in ihren Korrespondenzen zwischen 2014 und 2017 vor allem zwei Kunstwerke ihre Spuren hinterlassen:
Im Sommer 2014 ist das Objekt der Begierde eine nicht näher definierte Arbeit von Kurt Schwitters, für deren Ankauf Epstein vom Family Office des Milliardärs Leon D. Black engagiert wurde. Das heute von "Forbes" auf 13,7 Milliarden Dollar geschätzte Vermögen des Private-Equity-Unternehmers Black umfasst, wie aus den Epstein Files hervorgeht, eine auf 2.2 Milliarden Dollar taxierte Kunstsammlung, die neben einer Aquarell-Studie von Edvard Munchs "Schrei" die bedeutendsten Namen der westlichen Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts enthält.
Im Sommer 2014 ist Jeffrey Epstein als Berater Blacks maßgeblich in die "Architektur" für den Schwitters-Ankauf involviert. Dabei ist ein Name, der in den seitenlangen Korrespondenzen zwischen jeevacation@gmail.com – so Epsteins Mailadresse – und Black's Family Office sofort ins Auge springt der von Ronald S. Lauder. Der milliardenschwere Erbe des gleichnamigen Kosmetik-Imperiums ist Mitbegründer und Stifter der wundervollen Neuen Galerie am New Yorker Central Park, aber auch Unterstützer von Donald Trump. Wer in den frisch veröffentlichten Datensätzen tief genug gräbt, stößt bald auf die Entwürfe einer "Friends Ventures LLC" zwischen Black und Lauder. "Freunde", die gemeinsam Kunst kaufen. Ihr Berater: Jeffrey Epstein.
Makaber funktionale Komik
Was mit dem gemeinschaftlich akquirierten Schwitters beim früheren Ableben des einen oder anderen "Friends" geschehen soll, auch das geht aus den Epstein Files hervor, die jeevacation@gmail.com zumeist im Telegramm-Stil kommentiert oder bearbeitet. Die dabei entstandenen Dialoge sind nicht frei von einer makaber funktionalen Komik, die zeigt, dass die hier Vertrag schließenden Freunde sich auch über die Konsequenzen ihrer Freundschaft nach dem Ableben des anderen Gedanken machen:
Heather Gray to Jeffrey Epstein:
Ronald Lauder wants to shorten the survivor's call right period in the Schwitters agreement to 3 months.
Jeffrey Epstein to Heather Gray:
Great, thanks!
Lauder und Black sind aus heutiger Perspektive – anders als der 2019 verstorbene Epstein – beide "survivor" jenes Schwitters-Pakts; auch wenn Black inzwischen aus gegebenem Anlass von seiner Vorstandsfunktion im New Yorker Museum of Modern Art zurückgetreten ist.
Schäbiges Gerangel der Großhändler
Aber zurück in die Datenbank des US Department of Justice: Ab Herbst 2016 hinterlässt ein anderer großer Name der Kunstgeschichte etliche Spuren in der Mailbox von Jeffrey Epstein: Alberto Giacometti. Dieses Mal geht es allerdings nicht um einen möglichst günstigen Ankauf für Leon D. Black, sondern um einen hoffentlich gewinnbringenden Verkauf. Die Giacometti-Skulptur "Figure moyenne II" aus dem Jahr 1947, die Epstein in den Korrespondenzen gerne als "item" bezeichnet, wird vom Auktionshaus Christie's zunächst auf 15 bis 20 Millionen Pfund taxiert. "Too low. It has to have a profit", heißt es in einer der Mails von Jeffrey Epstein.
Dabei wurde die Skulptur wie aus den Files auch hervorgeht, erst im Dezember 2016 für für 25 Millionen US-Dollar angekauft – überraschenderweise erfolgte jener Verkauf von Epsteins eigenem Mitarbeiter Darren Indyke an eines von den ebenfalls von Epstein kontrollierten Finanzvehikeln namens "The Haze Trust" mit Sitz auf den Virgin Islands. Diese Gesellschaft wiederum soll die Skulptur nur wenige Monate später erneut verkaufen – und zwar möglichst zu einem höheren Preis.
Die hierzu veröffentlichten Korrespondenzen vergegenwärtigen vor allem das bei Lichte betrachtet eher schäbige als glamouröse Gerangel der Großhändler um den vermeintlichen Leckerbissen: Aus den diversen Mails mit möglichen Abnehmern geht hervor, dass Epstein für seinen Mandanten Black den höchsten Preis für das Werk erzielen will – vermutlich auch, um die eigene Gewinnbeteiligung zu steigern. Während er pflichtbewusst bei den Lagerkosten für die Skulptur in Paris um ein paar Hundert Euro feilscht, wird er bereits von Sotheby's, Christie's und Gagosian belagert. Im Februar 2017 noch geht es um einen möglichen Verkauf an die in Liechtenstein ansässige LGT Bank durch Gagosian. Doch der hier angebotene Preis scheint nicht auszureichen.
Kunstwerke nichts weiter als "items"
Es folgen Angebote der großen Auktionshäuser: Am 2. Mai 2017 geht es im Mailwechsel mit Christie's London noch darum, ob der obere Schätzpreis für die Giacometti-Skulptur nicht doch auf 25 Millionen Dollar angehoben werden könne; und nur sechs Tage später wird mit den Konkurrenten von Sotheby’s bereits darüber korrespondiert, ob "the item" für eine Vorbesichtigung wirklich nach Hongkong verschifft werden müsse. Die Mails von Epstein zeigen deutlich, dass er auch dieses Poker mit dem ihm eigenen kühlen Pragmatismus beherrscht: "Tell Christie's guarantee would have to be 20M, Sotheby’s was 1875." An wen und zu welchem Preis die Skulptur schließlich verkauft wurde, lässt sich aus den Files nicht rekonstruieren.
Welche Erkenntnisse liefert nun eine Beschäftigung mit den Epstein Files aus Sicht der Kunstwelt? Zum einen zeigt sich, dass jeder, der die Regeln beherrscht, an diesem Spielertisch willkommen ist. Zum anderen gafft aus den hier zitierten Korrespondenzen der Nachwelt aber auch eine ziemlich abgeklärte Fratze an, für die Kunstwerke nichts weiter als "items" und "Freundschaften" in erster Linie LLCs sind. Begegnet uns in dieser Fratze das zerfurchte Gesicht Jeffrey Epsteins? Oder spiegeln sich darin vielleicht auch die weit aufgerissenen Augen und Münder derjenigen, die Epstein so lange umtanzten, wie es ihnen niemand vorwerfen könnte?