Filmische und literarische und Kunstwelt-Parodien folgen meist einem Muster: Da gerät jemand Milieufremdes zufällig in die Gummizelle namens Galerie und meint zu erkennen, dass der Kaiser keine Kleider trägt. Diese albernen Hierarchien und Rituale! Der aufgeblasene Jargon! Die Behauptung von Bedeutung! Die an Betrug grenzenden Preise! Doch wenn Satire immer wieder aufgeregt auf die entblößte Scham des Imperators zeigt, so darf man zurückfragen: Warum wenden sich nicht irgendwann alle angewidert ab? Vielleicht sind die Zusammenhänge eben doch nicht ganz so einfach zu entwirren, vielleicht bleibt immer ein Rest von Mysterium, sobald es um Kunst geht. Vielleicht ist die Nacktheit und Schutzlosigkeit des Kaisers auch ganz schön?
Satire mit Insiderwissen direkt aus der Gummizelle ist zumindest eine ziemlich komplexe Angelegenheit. In den letzten Jahren hat sich Instagram als Ort für diese brancheninterne Selbstironie etabliert. Accounts wie @icallb, @artreviewpower100, @thewhitepube, @freeze_magazine oder des Künstlers Brad Troemel ätzen kenntnisreich gegen Ungleichheit, Heuchelei, Eitelkeit, Gier, Kanonfixiertheit und Sensationslust im Kunstbetrieb, und weil es dabei auch immer um die ewige Frage nach guter und schlechter Kunst geht, feiern einige diese Social-Media-Posts als zeitgenössische Kunstkritik. Die meisten dieser Accounts benutzen Memes: humorvolle Bild-Text-Kombinationen, die Karikaturen als pointierteste Form der Polemik mittlerweile ersetzt haben und längst mit einer reichen Geschichte an Klassikern und Stilen aufwarten.
Ein Meme des Accounts @jerrygogosian zeigt den immer fröhlichen Spongebob Schwammkopf, hier markiert als "das Internet". Er wirft "Meme"-Blüten auf einen ziemlich angefressenen Tintenfisch, der hier als "die Kunstwelt" vorgestellt wird.
Man kann diesen Post auch als Selbstporträt verstehen, denn @jerrygogosian hat Maßstäbe gesetzt auf dem Feld der Kunstbetriebsverspottung. Seit 2018 versprüht der Account Gift gegen Auktionshäuser, Megagalerien, Kunstspekulanten, überhypte Künstler und ambitionierte, aber von der Kunsthochschule ungenügend aufs Haifischbecken vorbereitete Absolventinnen und Absolventen. In den @jerrygogosian-Memes sind die Reichen stumpf und gelangweilt, sie lassen sich deshalb gerne betrügen von findigen Kunsthändlerinnen und Galeristen, die sich immer neue Tricks ausdenken, um Scheiße als Gold auszugeben.
Diese Kritik am Kunstmarkt ist gar nicht so weit weg von den Klischees, die von außen an die Branche herangetragen werden. Doch der @jerrygogosian-Account geht vor seinen 93000 Followerinnen und Followern ins Detail. Er zeigt etwa, welche Rolle das Versprechen von Exklusivität bei dieser Alchemie spielt, wie Kunstmessen als Events inszeniert werden, wie Kunst als Statussymbol und Wertanlage missbraucht wird, Museen den Anschluss verlieren in diesem Monopoly und prekär arbeitende Galeriemitarbeiterinnen den Zirkus lächelnd ertragen müssen.
Lange wurde gerätselt, wer hinter dem anonymen Account steckt. Es musste jemand aus der Galerieszene sein, jung, klug, unterwegs auf Kunstmessen und Biennalen – und schrecklich genervt. Anfang vergangenen Jahres dann enthüllte unter anderem "Artnet"-Autor Kenny Schachter die wahre Identität des Kunstwelt-Meme-Stars: Jerry Gogosian ist eine Frau, Hilde Lynn Helphenstein, Künstlerin, Kuratorin, Ex-Galeristin, heute 36 Jahre alt, wohnhaft in Los Angeles.
"Nachdem ich geoutet wurde, startete das nächste Level", erzählt Gogosian/Helphenstein in einem Zoom-Call, der tatsächlich ein bisschen wie ein Videogame abläuft: Erst kreuzt sie mit ihrem Auto durch LA, während das Handy auf der Armatur steht (eine Perspektive, die man schon von @jerrygogosian kennt), dann parkt sie elegant in ihre Garage ein, läuft durch ihre mit Kunst bestückte Wohnung und geht schließlich in den Garten zum Rauchen.
Das Programm von @jerrygogosian hat sich nach dem Outing noch mal erweitert: Die Satirikerin mit deutschen Vorfahren steht nun selbst häufiger im Mittelpunkt, hat einen Podcast gestartet, führt Instagram-Gespräche und nimmt ihre Followerinnen und Follower mit ins Museum. Der zynische Eindruck hat sich verflüchtigt, stattdessen ist hier jemand, der mit Neugier selbst die verhasstesten Dinge anschaut (der Künstler Kaws und NFTs stehen ganz oben auf der shit list), Fragen stellt und sich gerne überzeugen lassen will – was dann aber meist nicht klappt.
"Lange Zeit war Bitterkeit die einzige Energie, die ich aus der Kunst gezogen habe", erzählt Jerry Gogosian. "Ich war eine frustrierte Künstlerin." Hilde Lynn Helphenstein hat sieben Jahre lang Kunst studiert, in San Francisco und in mehreren europäischen Städten, darunter auch ein Gastspiel in der Frankfurter Städelschule. "Im Elfenbeinturm der Kunst habe ich keine Werkzeuge an die Hand bekommen, wie ich mich eigentlich nach dem Studium selbst versorgen kann. Und ich war so dumm, mich nie darum zu kümmern."
Nach dem Studium ächzte Hilde Lynn Helphenstein unter der Rückzahlung des Studienkredits und sah sich gezwungen, in Galerien zu arbeiten, langweilige und unendlich frustrierende Schreibtischjobs, wie sie sich erinnert. Abwechslung brachte ein Studienfreund mit der erfundenen Galerie Water McBeer (dieser fiktive Kunsthändler McBeer sollte später Vorbild für die fiktive Figur Jerry Gogosian werden), für die Helphenstein Shows im Puppenhausformat kuratierte, was wiederum einen anderen Freund so begeisterte, dass er sie zu einer eigenen Galerie überredete: 2017 eröffnete in Los Angeles mit HILDE ein ambitionierter experimenteller Kunstraum.
Nach zwei Jahren wurde Helphenstein allerdings sehr krank, schloss die Galerie und zog zurück zu ihren Eltern. "Da war ich also, 33 Jahre alt, acht Monate bettlägerig im Haus meiner Eltern. Es fühlte sich nach einem totalen Versagen an." Aus Langeweile, Frust und ganz ohne Erwartungen startete sie @jerrygogosian, und als die ersten Nachrichten mit Insiderinfos im Instagram-Postfach landeten, entwickelte sich der Account schnell zum Selbstläufer.
Seither spuckt Spongebob eine Satire-Blüte nach der anderen aus. Dass Branchenriesen jedoch tatsächlich über Jerry Gogosians Spott sauer sind, wie das Spongebob-Meme nahelegt, darf bezweifelt werden. Der deutsche Galerist David Zwirner wurde von France Culture einmal auf den Account angesprochen und antwortete beiläufig: "Ich habe davon gehört, aber ziehe Journalismus der Satire vor." Das Geschäft von Galeristen wie Zwirner oder Larry Gagosian (auf den das Alias Jerry Gogosian anspielt) ist der Sphäre der Kritik längst entzogen, egal ob von institutioneller Seite, von Kunstmagazinen oder Social-Media-Komikerinnen.
"Wir leben im Spätkapitalismus, ich kann nichts daran ändern, dass die Kommodifizierung von Flachheiten weitergeht", sagt Jerry Gogosian ernüchtert. "Dinge, die wie Plastik aussehen, werden in immer neuen Auflagen und Remixen verkauft. Das ist das Kunstvirus, das eng mit dem Kapitalismus verbunden ist, denn Geld ist der ultimativer Beschleuniger für Ideen."
Beziehungsstatus: lebenslänglich
Doch wenn die Kunst vom Kapital in Geiselhaft genommen wird, wozu der aufwendige Sarkasmus? Warum sich nicht abwenden? Doch so einfach ist das offenbar nicht. Der New Yorker Kunstkritiker Jerry Saltz (dessen Vorname die andere Hälfte des Alias liefert) nennt Jerry Gogosian einen "lifer" in der Kunstwelt, bezeichnet sie also als jemanden, der lebenslänglich mit der Kunstwelt verhaftet sein wird, und man nimmt es ihr gerne ab, wenn sie sagt, dass sie die ganze Welt durch die Lupe der Kunst betrachtet.
"Nach dem Ende meiner Anonymität, während der Pandemie, habe ich viel darüber nachgedacht, was ich da eigentlich mache. Ich will nicht mehr so sehr subtrahierend sein, sondern additiv. Ich möchte nicht mehr die Person sein, die herumsitzt und auf alle zeigt." Jerry Gogosian erzählt von einem Interview mit einer 115-Jährigen, die auf die Frage nach dem Geheimnis des hohen Alters geantwortet habe: "Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten und preise Gott!" Wenn man "Gott" durch "Kunst" ersetze, könne das ein schönes Motto sein. "Ich will zeigen, wie ich in der Kunst lebe, und wenn Leute davon angezogen sind, ist das toll. Wenn nicht, dann ist das nicht mein Problem."
Im Moment arbeitet Jerry Gogosian an einer Kunstmarktsatire fürs Streamingfernsehen und hat schon eine Produktionsfirma gefunden. Jetzt soll das Skript in Hollywood verkauft werden. "Vielleicht wollen die Leute gar nicht hören, was ich zu sagen habe, aber einen Versuch ist es wert", sagt Jerry Gogosian/Hilde Lynn Helphenstein. "Das ist meine Verantwortung. Wenn ich das nicht versuchen würde, wäre ich tatsächlich eine gescheiterte Künstlerin."