Südpol-Maler Jochen Hein

"Das ist das Ungeheuerliche an der Schönheit: dass es sie gibt"

Ein Maler im ewigen Eis: Der Künstler Jochen Hein glaubt an die Kraft der Schönheit und sucht in der stillen Weite des Südpols nach einem neuen Weg, die Welt zu bewegen. Ein Gespräch

Braucht Klimaaktivismus den Skandal? Oder lässt sich mit Begeisterung, mit Schönheit und Ehrfurcht möglicherweise viel mehr erreichen? Jochen Hein bereiste als erster Maler den Südpol. Dort sammelte er spektakuläre Eindrücke eines Ortes, von dem wir kaum eine Vorstellung haben.

Schwindelerregend schön erheben sich die monumentalen Eislandschaften der Antarktis, sprengen geradezu das Geviert der Leinwand. Ihre stille Präsenz wird umtost von klirrend kaltem Wind. Als brodelndes weißes Rauschen ergießt er sich über die Eisflächen. Stille gibt es am Südpol nicht, so Jochen Hein. Auf der geografischen Breite von 90 Grad Süd erstreckt sich eine nahezu unbekannte Welt, deren Existenz bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts reine Spekulation war. Über 1.500 Jahre war der weiße Kontinent ein ebenso weißer Fleck auf den Landkarten.

Jochen Hein hat als Maler diese "Terra Incognita", bereist, die bis heute kaum erforscht ist – selbst über den Mars wissen wir mehr. Vor Ort sammelte der Maler spektakuläre Eindrücke. Der Südpol ist einer der letzten Flecken auf dieser Erde, der den menschlichen Umgestaltungen entgangen ist – noch. Denn im Jahr 2041 läuft der Vertrag zum Schutz dieser Region aus.

 

Jochen Hein, Ihre "Antarctica"-Serie ist die erste malerische Inszenierung des Südpols. Eisberge kennt die Kunst seit Caspar David Friedrichs "Eismeer" von 1823/1824, das allerdings keines ist – Friedrich diente die Elbe als Vorlage. Was hat Sie ins ewige Eis getrieben?

Getrieben hat mich nichts, eher gelockt. Eine Begegnung mit dem Eisschild in Grönland hat mir die Idee eingepflanzt, wie es wohl wäre, in der Mitte des ganz großen weißen Nichts zu stehen, dem Südpol. Und wie das Licht danach in meinen weißen Bildern wohl erscheinen würde. Als ich dann zu einer Expedition zum Südpol eingeladen wurde, hat mich nichts mehr gehalten.

Zuletzt waren Eisberge in der Kunst bei Ólafur Elíasson und Julian Charrière zu sehen. Elíasson holte sie mit "Ice Watch" nach London und ließ sie dort schmelzen, Charrière fotografierte sich dabei, wie er einen Eisberg vor Island über acht Stunden hinweg mit einem Bunsenbrenner bearbeitet. Sie dagegen zeigen das Eis in seiner natürlichen Umgebung. Der Mensch ist bei Ihnen abwesend. Warum?

Ich bin fasziniert von der Fremdheit dieser Region, davon, dass da an fast jeder beliebige Stelle noch nie ein Mensch einen Fuß hingesetzt hat, womöglich noch nie auch nur in Gedanken dort war. Diese Leerstellen üben eine ungeheure Anziehungskraft auf mich aus. Tatsächlich ist die Natur ein Gegenüber, auf das wir unsere Bedeutung projizieren. Wir dagegen bedeuten der Natur nichts. Es geht mir um die Konfrontation von Natur, die das Größere schlechthin ist, und unserer Bedeutungslosigkeit. Diese Erfahrung macht der Mensch eher für sich allein.

Die Abwesenheit des Menschen bedingt auch den Verlust des Zeitgefühls. Die Bilder sind nicht verortbar, sie sind "überzeitlich". Blitzt da eine Kritik bzw. ein Verweis auf die Debatten um das Anthropozän durch? 

Wir sind kaum da, schon wieder weg. Der Mensch wird in der Evolution kaum eine Rolle gespielt haben. Und es ist ja nicht Naturschutz, den wir betreiben, sondern wenn überhaupt dann genau genommen Menschenschutz. Dabei ist der Mensch selbst sein schlimmster Schädling. Wenn es aber Bedeutung für den Menschen gibt, dann besteht sie darin, miteinander zu (über-)leben.

Der Malerei haftet seit Jahrzehnten der Ruf an, obsolet zu sein. Ihre Bilder entwickeln in der Betrachtung eine Vitalität, die sich grundlegend vom Eindruck einer Fotografie unterscheidet. Ihnen gelingt es, die verdichtete Atmosphäre des Momentes einzufangen. Malerei scheint hier mehr als nur Oberfläche zu sein ...

Wenn sie gelingt, dann kommen Moment und Ewigkeit übereinander, das macht sie erst "überzeitlich". In der Gleichzeitigkeit von empfundener und erinnerter Empfindung wird die Welt erst wahr. Das, was meine Malerei lebendig macht, ist, dass sie den Betrachter bewegt, buchstäblich im Vor und Zurück vor der Leinwand. Der Widerspruch zwischen Erwartung und der tatsächlichen Unfähigkeit zu erkennen wird so erfahrbar. Hier wird die Illusion dann wieder tief.

Mit den "Antarctica"-Bildern erzeugen Sie Nähe zwischen den Rezipienten und dem Unbekannten – wir können diese uns unbekannte Welt durch Ihre Augen erleben. Kann man nur schützen, was man kennt? Haben wir mehr Motivation, uns für das Bekannte einzusetzen?

Das scheint mir ganz und gar offensichtlich. Darum lohnt es sich, die Welt mit dem Betrachter zu teilen.

Öko-Kunst und Klimaaktivismus zeigen sich überwiegend in Störungen, Irritationen, Aufsehen erregenden Interventionen. Erst vor Kurzem haben "Extinction Rebellion“ zusammen mit Greta Thunberg den Canal Grande in Venedig grün gefärbt. Gezielt agieren sie an Gelenkstellen des öffentlichen Lebens oder attackieren Kulturgüter. Ihre Bilder dagegen zeigen die Ehrfurcht gebietende Schönheit der Natur. Wo liegt das Potential dieser geradezu plakativen Ästhetik?

Das ist ja das Ungeheuerliche an der Schönheit: dass es sie gibt! Wir können uns der Ästhetik nicht entziehen – warum sie nicht für einen guten Zweck einsetzen? Ich schmeiße die grüne Farbe allerdings lieber auf die Leinwand.

Können Bilder die Welt retten?

Das wäre ja mal etwas! Doch solch eine direkte Wirksamkeit bleibt ein frommer Wunsch und im Übrigen führt ein solcher Anspruch an die Kunst eher von ihr weg. Bilder können uns aber unvergleichlichen Zugang zu unseren Empfindungen verschaffen und so Empathie und Verantwortung wachsen lassen. Wenn wir erkennen, dass wir nicht allein sind, ist noch etwas zu retten – wenn auch nicht die ganze Welt.