Joe Macken über sein Modell von New York

"Ich kann gar nicht glauben, dass ich das gebaut habe"

21 Jahre lang schnitzte Joe Macken in seinem Keller an einem Modell von New York City. Ein virales TikTok-Video machte sein Lebenswerk plötzlich berühmt und bringt es nun ins Museum. Wir haben mit dem Unermüdlichen gesprochen

Ein TikTok-Video, hochgeladen am 14. Juli 2025, veränderte das Leben von Joe Macken für immer. In dem Clip erzählt er, dass er seit 21 Jahren daran arbeite, ein Modell von ganz New York City aus Balsaholz zu schnitzen. Und das ganz allein für sich selbst in seinem Keller in Upstate New York, fern von jeglicher Öffentlichkeit. Macken hält eine Platte mit Wolkenkratzern in die Kamera, die den Financial District von Manhattan abbildet. Neben dem neu erbauten One World Trade Center sind auch die beiden bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 zerstörten Zwillingstürme zu sehen. 

Über zehn Millionen Mal wurde Mackens TikTok-Video angesehen, das dem LKW-Fahrer nicht nur ein enormes Presseecho bescherte, sondern auch seine erste Ausstellung: Ab dem 12. Februar kann das Modell im Museum of the City of New York in der Upper East Side in Manhattan besichtigt werden.


Joe Macken, wie kam es dazu, dass Sie mit diesem Modell von New York City angefangen haben?

Im April 2004 habe ich einfach damit begonnen, das RCA Building [heute Comcast Building, am Rockefeller Plaza gelegen, Anm. d. Red.] zu schnitzen. Ich wollte mit einem Gebäude mitten in Manhattan, mitten in Midtown starten, ein perfekter Ausgangspunkt, der Kern der Stadt. Ich habe vier Anläufe gebraucht, bis es anständig aussah. Und dann habe ich ein weiteres gebaut und noch eins und noch eins.

Haben Sie einen Hintergrund in Kunst oder Architektur?

Nein, habe ich nicht, ich habe überhaupt keinen Hintergrund in irgendetwas. Es ist ein Hobby. Im Laufe der Jahre und mit der Erfahrung wurde ich immer besser und schneller. Und ich habe jede Sekunde genossen. Es hat mir so viel Spaß gemacht.

Was war denn Ihre Motivation, dieses Modell zu bauen?

Ich habe Miniaturen schon immer geliebt. Ich bin in Queens aufgewachsen und habe mir früher im Queens Museum oft das Panorama angeschaut, ebenfalls ein Minimodell von New York City, das es bereits seit 1964 gibt. Das erste Mal war ich dort auf einem Schulausflug, ich muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Ich habe mir all diese Gebäude angesehen und dann zu meiner Klassenkameradin gesagt: Eines Tages baue ich auch so etwas. Bis es so weit war, hat es aber noch ein wenig gedauert, ich habe erst mit Anfang 40 angefangen.

War es von Anfang an Ihr Plan, die ganze Stadt nachzubauen?

Zunächst wollte ich nur ein Gebäude pro Nacht bauen, eins nach dem anderen. Als ich nach ein oder zwei Jahren schneller wurde, baute ich fünf Gebäude pro Nacht, und dann ging es Schlag auf Schlag. Das Wichtige ist die jahrelange Kontinuität, das ist alles, worauf es ankommt. Viele Leute verfolgen ihre Projekte nur ein paar Monate oder Jahre lang und hören dann auf. Ich habe nie aufgehört. Als ich besser wurde, habe ich nicht nur einzelne Gebäude bearbeitet, sondern bin nach Straßenblocks gegangen, vor allem in den sogenannten Outer Boroughs, in Queens, Brooklyn, der Bronx und Staten Island. Die Gebäude sind dort kleiner, es gibt hauptsächlich Wohnhäuser und Parks, und das ist viel einfacher.

Wie lange haben Sie gebraucht, um Manhattan fertigzustellen?

Zehn Jahre, und für die anderen vier Boroughs noch einmal elf. Manhattan mit all den Wolkenkratzern ist wirklich komplex. Man muss die Höhen der Gebäude herausfinden. Ich bin zur Recherche oft zum Panorama im Queens Museum gegangen, und ich hatte stapelweise Bücher und Ausdrucke. Ich bin auch regelmäßig nach Manhattan gefahren, um Fotos zu machen. Später mit Google Maps und Google Earth wurde das einfacher, was ein weiterer Grund ist, warum ich schneller geworden bin.

New York City ist eine Stadt, die sich permanent verändert. Gerade in Manhattan werden andauernd Gebäude abgerissen und neue Wolkenkratzer gebaut. Haben Sie Ihr Modell entsprechend angepasst? Und wieso ist neben dem neuen auch das alte World Trade Center zu sehen?

Ja, es gibt viele Bereiche, die ich erneuern musste. Das war spannend, weil die abgerissenen Gebäude oft kleiner waren als die neuen, die dazukamen. Ich habe zwar eine Schwäche für die alten Wohnhäuser, aber sie durch Wolkenkratzer zu ersetzen, macht Spaß. Das World Trade Center hatte ich von Anfang an geplant, weil ich es erkennen konnte, wenn ich als Kind in Queens aus meinem Schlafzimmerfenster geschaut habe, gerade im Winter, wenn die Bäume ohne Blätter waren. Ich habe mich dann in Decken gehüllt auf den Heizkörper gesetzt und einfach nur die beiden Türme angestarrt. Sie waren schon immer meine Lieblingsgebäude. Deswegen wollte ich nicht nur die Gedenkstätte einfügen. Alle Menschen, die auf meinem Modell das alte World Trade Center direkt neben dem neuen sehen, sind begeistert. Sie finden es toll, dass ich die Türme erhalten habe.

Wie viele Gebäude haben Sie insgesamt gebaut?

Ich habe 344 Abschnitte, die etwa 50 mal 75 Zentimeter groß sind und zusammen ein Modell von mehr als 15 mal 9 Metern ergeben. Es müssen fast eine Million Gebäude sein. Genau weiß ich es nicht, aber es sind ungefähr 880.000 oder 890.000. Es ist riesig.

Gibt es auch Teile, die Sie nicht gebaut haben, weil sie Ihnen zu langweilig oder unwichtig erschienen?

Nein. Ich habe sogar Teile von New Jersey und Long Island hergestellt, und ich expandiere immer weiter. Das ist ein lebenslanges Projekt, es ist nichts, womit ich je aufhören will. Solange ich keine Arthritis bekomme, mache ich das, bis ich 80 bin. Mein Ziel ist, New Jersey bis zum MetLife Stadium zu bauen, in dem die Jets spielen, und im Norden bis Westchester County im Bundesstaat New York, und dann eben Long Island. Ich weiß nicht genau, wie viel ich schaffen werde, aber ich will versuchen, auch den gesamten New York State abzudecken, wenn es geht. Und ich werde Teile von Connecticut einbeziehen, weil ich das Modell quadratisch halten will.

Haben Sie jemals die Motivation verloren?

Nein, ich mache das einfach jeden Abend. Immer. Ich könnte an beiden Händen abzählen, wie oft ich in den letzten 21 Jahren nicht daran gearbeitet habe. Selbst wenn ich nach einem 14-Stunden-Arbeitstag vollkommen erschöpft bin und eigentlich nur ins Bett will, arbeite ich daran. Und plötzlich bin ich für zwei Stunden wieder wach. Manchmal schlafe ich danach am Tisch ein. Aber ich liebe es einfach, das zu tun. Ich kann gar nicht anders.

Wie alle anderen, die über Sie berichtet haben, habe ich von Ihrem Modell über TikTok erfahren. Warum haben Sie sich entschieden, den Account zu erstellen?

Als ich an meinem letzten Board gearbeitet habe, sagte ich meiner Familie, dass ich fast fertig sei. Sie sind gewohnt, dass ich dieses Modell baue, es hat sie gar nicht so sehr beeindruckt. Meine Tochter hatte aber die Idee, es anderen Menschen zu zeigen. Das Modell an sich ist groß, ich kriege das nicht einfach irgendwo unter. Deswegen schlug sie vor, es auf TikTok zu stellen. Ich hatte keine Ahnung davon, habe es aber trotzdem gemacht. Gegen 22 Uhr habe ich die App heruntergeladen und ein dreiminütiges Video gefilmt, in dem ich einen Abschnitt zeige und meine Geschichte erzähle. Am nächsten Morgen kam meine Tochter angerannt und rief: "Dad, dein Video geht viral!"

@balsastyrofoam300

Miniature model of New York City, carved out of balsa wood,21 years to build, almost 1 million buildings, 50ft, long,30ft. wide.

♬ original sound - minninycity04


Warum, glauben Sie, ist das passiert?

Ich denke, weil es etwas ist, das sonst keiner macht. Auf TikTok sieht man oft das Gleiche. Leute haben coole Hobbys, aber diese 21 Jahre, die ich die ganze Stadt gebaut habe, das ist einfach etwas anderes. Und es handelt sich um New York City, also die Stadt schlechthin. Die Leute waren begeistert. In den Kommentaren wurde ich aufgefordert, mehr als nur diesen einen Abschnitt zu zeigen. Und das habe ich gemacht.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Museum of the City?

Einer meiner Kunden besitzt ein Restaurant, und er wollte in einer Art großen Scheune eine Messe veranstalten, mit Band und Spielen und so weiter, wo etwa 1000 Leute erwartet wurden. Er fragte mich, ob ich für das Wochenende mein Modell aufbauen will. Meine Segmente bewahre ich in einem Lagerraum auf. Also habe ich sie geholt und alles aufgestellt. Das hat mich elfeinhalb Stunden gekostet. Es war das erste Mal, dass ich das ganze Modell aufgebaut habe.

Das allererste Mal?

Ja. Das war wirklich aufregend. Ich wusste, dass es klappen würde, aber es ist doch etwas ganz anderes, wenn man es tatsächlich macht. Ich war ziemlich nervös, obwohl ich keine Zweifel hatte, es richtig gebaut zu haben, aber bevor alles steht, kann man sich doch nicht hundertprozentig sicher sein. Was, wenn etwas Ungeplantes passiert war, was, wenn ich nachts im Halbschlaf die falsche Nummer unter ein Brett geschrieben und dadurch den Rest des Modells falsch weitergebaut hatte? Als ich das letzte Brett hinlegte und alles perfekt war, konnte ich es kaum glauben. Ich war sehr, sehr glücklich. Und so wurde das Museum darauf aufmerksam. Es wird drei Monate lang ausgestellt, dann geht es ins Queens Museum – also an den Ort, an dem ich schon als Kind das Panorama der Stadt gesehen habe.

Was für eine schöne Geschichte, da schließt sich ein Kreis.

Ja, so etwas hört man definitiv nicht oft. Es ist wirklich erstaunlich. Das ganze Schnitzen, das Malen, die Details. Oh Gott. Das Modell besteht im Grunde nur aus Holz und Leim. Ich habe keine Werkstatt, ich sitze hier in meiner kleinen Ecke im Keller am selben Tisch, den ich mir 2004 gekauft habe. Er ist voller Kleber, Farbflecken, Schnitte. Ich habe dasselbe Schnitzbrett wie vor 22 Jahren, sogar der Stuhl ist noch derselbe, obwohl er auseinanderfällt. Ich bin das einfach gewohnt. Gerade baue ich kleine Boote für den Hafen des Modells, und einen Öltanker mit einem Wattebällchen als Rauch. Die setze ich dann aufs Wasser. Wenn ich mir das alles anschaue, denke ich: Ich kann gar nicht glauben, dass ich das gebaut habe. Nur ich.