Jon Rafman in Düsseldorf

Mit KI zurück in die Internet-Steinzeit

In "Main Stream Media" im K21 der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt John Rafman die KI-Ästhetik der Gegenwart. Sie führt zurück zur frühen Internetkultur und zu literarischen Außenseitern des 19. Jahrhunderts

Ist es ein Zufall, dass das gegenwärtige Comeback der Performancekunst – von Florentina Holzingers Biennale-Scoop bis zur lange überfälligen Ana-Mendieta-Retrospektive in der Tate Modern – mit dem KI-Hype zusammenfällt? Ist die Sehnsucht nach dem Körperlichen zu trennen von der Allgegenwart des Außermenschlichen?

In Düsseldorf, wo der Kunstpalast 2023 sehr erfolgreich Refik Anadols endlos fließende, mithilfe von KI generierte Digitalanimationen präsentierte, muss sich das Haus der Gegenwartskunst gerade den Spitznamen "KI-21" gefallen lassen. Das K21 widmet seine gesamten Wechselausstellungsflächen derzeit zwei raumgreifenden, wesentlich von künstlichen Intelligenzen mitgeschaffenen Installationen. 

In Zusammenarbeit mit dem Berliner KW Institute for Contemporary Art bespielen die Künstler und Technologen Holly Herndon und Mat Dryhurst die Belle Etage mit ihrer interaktiven Arbeit "Starmirror". Eine an Orgelpfeifen erinnernde Klangskulptur warb am Eröffnungsabend mit gregorianischen Vokalklängen nach Hildegard von Bingen um potenzielle Mitwirkende. Das noch recht schlanke Klanggewand wird in den kommenden Wochen wohl deutlich anschwellen, denn der mit sakraler Anmutung auftretende Klangroboter giert nach Futter. Von lokalen Chören wird erwartet, dass sie ihn mit menschlichem Input nähren. Im Untergeschoss widmet das Haus derweil dem in Los Angeles lebenden Kanadier Jon Rafman seine erste Retrospektive in einem deutschen Museum.

Unheimliches Wiedererkennen

Auch wenn der 1981 geborene Rafman in den 2000er-Jahren mit schon damals archaisch anmutender digitaler Kunst bekannt wurde – der aus Google-Streetview herauskopierten Landschaftsfotografie der Serie "Nine Eyes" oder einer Glitch Art, die an den Rändern von Computerspielen eigene Erzählungen inszenierte – ist KI in seiner Ausstellung "Main Stream Media" im K21 allgegenwärtig. Mächtige, digital bedruckte Wandbehänge führen die Besucherinnen und Besucher in eine scheinbar immersive Umgebung, wo man sich vor Röhrenfernseher hocken, an Bildschirme setzen oder auf Großleinwänden einige besonders exponierte Kurzfilme oder das abendfüllende Dream-Journal-Video ansehen kann, das 2019 auf der Venedig-Biennale zu den meistbesprochenen Werken zählte. 

Konnte man diesen Nachtrag zu surrealistischen Filmklassikern wie Hans Richters "Dreams that Money Can Buy" noch von Anfang bis Ende durchsitzen, müssten selbst gewissenhafte Komplettisten vor dieser Herausforderung angesichts von "Main Stream Media Network" wohl kapitulieren. Rafmans neuestes Werk ist ein schier endlos flimmernder MTV-Cyborg, in dem sich KI-generierte Musikvideos, Spots und Kurzfilme so unentwirrbar verzahnen, wie es der Musiksender seit 1981, noch unter Andy Warhols Mitwirkung, vorgeführt hat. So gegenwärtig die KI-Technologie ist, so nostalgisch wirkt zugleich die Vorstellung eines linearen Fernsehkanals, der ohne Einspruchsmöglichkeit einfach weitersendet.

"In jüngster Zeit wurde die KI zu einem wesentlichen Element meiner Arbeit", sagt Rafman in einem Katalog-Interview mit Kuratorin Karen Archey. "Ich setze sie in jeder Phase ein: um visuelle Rohmaterialien zu generieren, um Produktionsprozesse, die früher große Teams erforderten, zu beschleunigen, um Welten schneller zu errichten, als es früher möglich gewesen wäre. Aber was mich am meisten interessiert, das ist nicht die Effizienz. Es sind die spezifischen Eigenschaften KI-generierter Bilder. Diese haben etwas an sich, das sich gleichzeitig vertraut, aber auch falsch anfühlt, eine Art unheimlichen Wiedererkennens. Diese Eigenschaft schließt direkt an die Logik der Internetkultur selbst an, wo nichts so ganz Original, aber auch nichts so ganz Kopie ist. Die KI beschleunigt nicht nur meinen Prozess. Sie bringt auch eine visuelle Sprache hervor, die Teil dieses Augenblicks ist."

 

Installationsansicht: Videoinstallation, großer Screen links; Sitzbank; Wände mit Collagen; Beamer.
Foto: Achim Kukulies

Jon Rafman "Main Stream Media", Ausstellungsansicht, K21, 2026


Als ich jungen Studierenden an der Dortmunder Design-Hochschule Beispiele von Rafmans neueren Arbeiten zeigte, hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Was denn so interessant sei an dieser sich in ihrer trashigen Anmutung immer mehr selbst ähnelnden KI-Ästhetik? Könnte es sein, dass sich das allgegenwärtige Thema bei der jüngeren Generation bereits überlebt hat? Zum Trost, und weil ihn noch niemand gesehen hatte, zeigte ich dann zum Abschluss des Seminars Chris Markers Fotofilm-Klassiker "La Jetée – Am Rande des Rollfelds". Und war dann in der Ausstellung selbst überrascht, wie viel Jon Rafman von dessen zirkulär erzählter, jenseitiger Science-Fiction-Erzählung abgeschaut hatte.

Der Internettroll wie bei Dostojewski

Immer wieder blicken in seinen Kurzfilmen Menschen auf mediale Erinnerungen, die wie Fragmente möglicher anderer Leben erscheinen. Da ist der Museumswärter, der in "The Second Interrogation" (2022) in einer Rafman-Ausstellung ein vermeintliches Google-Street-View-Foto jenes Verkehrsunfalls entdeckt, der ihn ins Gefängnis brachte. Oder der Gamer, der in "Punctured Sky" nach dem gleichnamigen, vergessenen Computerspiel aus seiner Jugend sucht, das am Ende wohl nur in seinem eigenen, manischen Blick auf den ausgeschalteten Bildschirm existiert hat.

Wer durch den Flow ins narrative Herz der Rafman-Geschichten vordringt, entdeckt eine altmodische Begeisterung für eine Erzählkultur, wie sie schon im 19. Jahrhundert eine technische Revolution begleitete. "Der Troll fasziniert mich, weil er eine bestimmte Form der Entfremdung verkörpert, die das Internet sichtbar gemacht hat", sagt Rafman. "Man muss jedoch auch verstehen, dass dieser Charakter historische Vorgänger hat. Betrachtet man die Literatur des 19. Jahrhunderts, besonders Schriftsteller wie Fjodor Dostojewski, findet man ähnliche Figuren. Der Mann aus dem Untergrund in 'Aufzeichnungen aus dem Kellerloch' von 1864 ist im Grunde genommen ein Proto-Internettroll: jemand, der sich aus der Gesellschaft zurückzieht, während er sie wie besessen kritisiert."

Nostalgisch beschwören Rafmans Arbeiten die längst untergegangenen virtuellen Treffpunkte der Internet-Steinzeit: "Die Memes, die Insiderwitze, das Worldbuilding, die ausgeklügelten Mythologien. Menschen schufen ganze Bedeutungssysteme aus den Trümmern der Kultur, von der sie sich ausgeschlossen fühlten. Das ist ja nicht nichts … Da gibt es eine echte Parallele zu den Künstler*innen und Schriftsteller*innen zu Beginn der Moderne, die auf die Umbrüche des 19. Jahrhunderts reagierten. Die Dekadenz verwandelte Entfremdung und Grenzüberschreitung in schöpferische Tätigkeit. In den dunklen Ecken des Internets ist etwas Ähnliches geschehen, bewusst oder unbewusst."