Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Das gilt auch für Mode. Wer auch immer eine Fashionshow anschaut, bildet ganz eigene Assoziationen zu den gezeigten Designs. Um Kleidung zu bewerten, zählt neben festen Leitlinien – etwa Qualität und Konzeptstärke – auch immer der subjektive Geschmack.
Fast unglaublich scheint es da, dass sich wohl die ganze Modewelt auf die Arbeit eines Designers einigen kann: Jonathan William Anderson. Der Nordire gilt als absoluter Liebling, sei es bei seiner eigenen Marke JW Anderson oder als Creative Director beim spanischen Modehaus Loewe. In den Jahren 2023 und 2024 wurde er für seine Arbeit bei beiden Labels als "Designer of the Year" mit dem Fashion Award ausgezeichnet. Nun wird Anderson die kreative Leitung bei Dior Homme übernehmen - und vermutlich auch dort alle begeistern. Wie schafft er das nur?
Eines seiner Erfolgsgeheimnisse offenbarte er in einer Rede an die Studenten der University of the Creative Arts, von der er im letzten Jahr einen Ehrendoktor entgegennehmen durfte. "Authentizität ist unbezahlbar. Originalität existiert nicht. Stehle, adaptiere, leihe. Es spielt keine Rolle, woher man Dinge nimmt – nur, wohin man sie bringt. Verschlinge alte Filme, neue Filme, Geschichtsbücher, Gemälde, Fotografien, Gedichte, Träume – was immer dich berührt. Stiehl nur von Dingen, die direkt zu dir sprechen. Wenn du das tust, wird deine Arbeit authentisch sein."
Anderson schafft es, seinem Instinkt zu vertrauen und gleichzeitig die Bedürfnisse der Konsumenten zu erfüllen. Dabei folgt er einer so speziellen und ausdrucksstarken Design-Handschrift, dass eine besonders zerfurchte Ochsenherztomate mit dem Kommentar "This tomato is so Loewe I can’t explain it" zu einem Internethit wurde.
Sie repräsentierte für alle greifbar die Markenidentität des spanischen Modehauses und fasste Andersons Ästhetik vielleicht sogar besser zusammen als Worte es je könnten. Sie ist skulptural, organisch, unverwechselbar. Andersons Mode für Loewe war immer experimentell und trotzdem kommerziell. Banales wurde zu Couture, Handwerkskunst alltagstauglich. Laut "Vogue Business" stieg Loewes Umsatz von 230 Millionen Euro bei Andersons Arbeitsbeginn 2014 auf 1,1 Milliarden Euro im Jahr 2024. Und auch ein von der viral gegangenen Tomate inspirierte Tasche gehört mittlerweile in Andersons Erfolgsrepertoire.
Er zauberte delikate Abendtaschen aus perlenbesetzten Gemüse-Sorten – einem Bund Spargel oder auch Radieschen. Eine Taube wurde zur Clutch. Der Absatz von Sandaletten endete in einem aufgeschlagenen Ei, in einem Tennisball oder einem Rosenkopf. Auch Luftballons, Seifenstücke, Tulpenblüten und Nagellack-Fläschchen verfremdete Anderson zu Fersenstücken.
Dabei fand der Designer immer eine Balance zwischen Eleganz und Spiel, nie wirkte eine Kollektion unreflektiert oder auf Gimmicks und virale Momente geeicht. Die wie ein Leder-Mosaik zusammengesetzte "Loewe Puzzle Bag" stellte Jonathan Anderson im Jahr 2015 vor, innerhalb seines Jahrzehnts bei der Marke entwickelte sie sich von einer It-Tasche zu einem Klassiker. Anders als vielen Design-Kollegen scheinen Anderson nie die Ideen auszugehen. Jede Kollektion behandelt ein spezielles Thema, die Kleidung zitiert Referenzen und Inspirationen, eröffnet dabei aber stets ihr ganz eigenes Universum.
Anderson schickte verpixelte Sweater und Hosen über den Laufsteg, die aus einer computergenerierten Welt entstiegen schienen. Er zeigte schwebende Kleider mit aus Draht konstruierten Unterröcken, Kostüme, die an Polly Pockets Garderobe erinnerten und eine Kollektion, die der Anthurie gewidmet war. Dazu kamen T-Shirt und Jeans komplett aus Gänsefedern, simple Seidenroben, auf die ausgefallene Kleider gedruckt worden waren und zu Taschen werdende Ledermäntel. Ein Kleid konnte in einem Auto münden, Gras aus Wollmänteln wachsen, Cardigans ein Model völlig verpuppen. Immer irgendwie tragbar und doch neue Silhouetten erschaffend. Ein Balanceakt - und dadurch eine Meisterleistung. Surrealismus und der Fokus aufs Lederhandwerk waren dabei die gestalterischen Konstanten.
Jonathan Anderson wuchs im County Londondery in Nordirland auf, als Sohn des erfolgreichen Rugby-Spielers Willie Anderson. Später kaufte die Familie auch ein Haus auf Ibiza. Sowohl der mediterrane als auch der nordische Einfluss sind an seiner Arbeit ablesbar. Einst wollte er Schauspieler werden, merkte jedoch bald, dass ihm das Kostümdesign viel näher lag.
Unter einer Freundin Miuccia Pradas, der Stylistin Manuela Pavesi, schärfte sich Jonathan Andersons Blick für Kleidung als Konzept und Geschichte. Er lernte, unkonventioneller zu denken. Im Jahr 2008 gründete es seine eigene Marke JW Anderson. Deren großer Erfolg führte zu seiner Ernennung als Creative Director bei Loewe im Jahr 2013. Fast zeitgleich stieg der Mutterkonzern der Marke, LVMH, auch bei JW Anderson ein. 2015 gewann der Modestar beide Hauptkategorien – Menswear und Womenswear Designer of the Year – bei den British Fashion Awards. Ein absolutes Novum.
Lieber Instinkt statt Archiv
Jonathan Anderson prägte das spanische Modehaus in seiner Arbeit so sehr, dass die Ästhetik der Marke heute eindeutig mit seiner eigenen verbunden wird. Ähnlich, wie es bei Gucci unter Alessandro Michele passierte. Denn vor Andersons Einfluss sagte die Marke nur wenigen etwas. Loewe geht auf die Mitte des 19. Jahrhunderts in Madrid zurück; im Jahr 1872 trat Enrique Loewe Roessberg, ein talentierter deutscher Lederhandwerker, in das damals noch kleine Atelier ein und gab der Marke schließlich seinen Namen.
Als Anderson 2013 in dem Haus anfing, war er so darauf bedacht, seinen Instinkten zu vertrauen, dass er zunächst nicht einmal das Archiv einsehen wollte – eine Sammlung von Objekten und Kleidungsstücken aus über 100 Jahren Produktion. Loewe wurde zum Inbegriff des guten Geschmacks, des modischen Verständnisses und vielleicht sogar zu einem Lifestyle-Konzept - das in einer einzigen Tomate beschrieben werden kann. Andersons Entwürfe sprechen Konsumenten an, die einen Sinn für Humor haben, anspruchsvolle Mode verlangen und sie irgendwo unter den Oberbegriffen Kunst und Handwerk einordnen.
In einem Interview mit dem "New Yorker" sagte Anderson Ende letzten Jahres: "Im Moment versuche ich – bei Loewe, mit meiner eigenen Marke und auch in dem, was ich künftig tun möchte – zu verstehen: Warum stellen wir Dinge her, und warum verspüren wir den Wunsch, sie zu besitzen, selbst wenn wir sie gar nicht kaufen?"
Je ungewöhnlicher, desto besser
Dabei scheint er das schon besser verstanden zu haben als viele andere seines Fachs. Statt sich auf das Luxus-Image zu konzentrieren, dem so viele Marken und Designer hinterherlaufen, verwandelte er Loewe in eine kulturelle Marke. Sie bietet Inspiration, eine Art ästhetische Sehnsucht und bildet die Kunden und Interessenten weiter. Anderson verbindet Künstler und Designer in seiner Mode, ist selbst passionierter Sammler mit Faszination für unterschiedlichste Bereiche, etwa für Keramiken und Gemälde. Zugleich ist er ein Förderer der Künste: Er rief den inzwischen jährlich verliehenen Loewe Craft Prize ins Leben und ist Mitglied im Vorstand des Victoria & Albert Museum in London.
Vermutlich ist das eines seiner Geheimnisse. Er sucht nicht nur in der Mode selbst nach Impulsen, sondern in sämtlichen kulturellen Bereichen. Alles kann infrage kommen – je ungewöhnlicher, desto besser –, und wird so von Anderson übersetzt, dass es Begehren weckt und zum Nachahmen verleitet.
Es können die simpelsten Ausgangspunkte sein, die er umformt. Und Anderson weiß, wann es Zeit ist, etwas Neues zu beginnen. "Ich glaube, ich muss wieder aus meiner Komfortzone herauskommen und mich mit Ästhetiken herausfordern, an die ich nicht gewöhnt bin", erklärte er im "New Yorker"-Interview. Im Juni wird Jonathan William Anderson seine erste Kollektion für Dior Homme zeigen. Viele hoffen darauf, dass auch die Damenlinie bald unter seiner Leitung läuft.
Eins ist klar: Er wird auch hier viele Sammlerstücke kreieren. In einer Modewelt, in der Verkauf an erster Stelle steht und Kreativdirektoren nach wenigen Saisons wechseln, sind elf Jahre Anderson bei Loewe und seine unendliche Fantasie wertvoller denn je.