Künstlerin Ju Ting in Zürich

"Ich stecke all meine Rebellion in meine Werke"

Ju Ting bringt bis zu 300 Schichten Acrylfarbe auf ihre Gemälde auf, bevor sie die Oberflächen aufschneidet, ablöst oder mit dem Hammer bearbeitet. Anlässlich ihrer Ausstellung in der Zürcher Galerie Urs Meile haben wir mit der chinesischen Künstlerin über Schönheit und Gewalt gesprochen

Ju Ting, in Ihrer Werkreihe "Winter is Coming" tragen Sie so viele Schichten Farbe auf, dass eine Dreidimensionalität entsteht. Indem Sie dann mit dem Hammer Löcher in die Werke schlagen, holen Sie sozusagen das unvorhersehbare Innere ans Licht. In den kraterhaften Formationen kommen die Farbschichten zum Vorschein. Auch in der Serie "Untitled" exponieren Sie, was sonst verborgen bleibt. Halb fest gewordene Acrylschichten ziehen Sie teilweise vom Träger ab und drapieren sie wie herabhängende nasse Tücher nebeneinander. Was bringen Sie damit zur Sichtbarkeit, das sonst unter der Oberfläche der Malerei verborgen bleibt?

Meine Gemälde sind abstrakt. Was ich zeigen will, ist eine Mischung aus Gefühlen und visuellem Ausdruck, den ich durch diesen Prozess der Dekonstruktion der Schichten und der Rekonstruktion zu einer neuen Form kommunizieren will. Zwischen diesen Schichten liegen Emotionen. Durch die Farben und die Dekonstruktion können sie hervordringen. Meine Bilder sind eigentlich, wenn man sie betrachtet, sehr schön. Das ist gewollt. Es geht mir aber um die Schwierigkeiten, die ignorierten Aspekte unseres Alltags, die ignorierten Gefühle.

Was sind das für Gefühle?

Ich war von klein auf ein ziemlich braves Kind. Daher stecke ich all meine Rebellion in meine Werke – all das, was von klein auf in unserem Bildungssystem oder unserem familiären Umfeld unterdrückt wurde. Deshalb gibt es in meinen Werken immer eine Art von Rebellion und Destruktivität, wie das Einhämmern oder Aufschneiden. In der "Winter is Coming"-Serie frage ich: Wie ist die gesellschaftliche Realität der Menschen, die in der heutigen Zeit leben? Wie sollen wir leben? Wie müssen wir überleben? Ich schaue zum Beispiel auf die harte Realität während der Corona-Zeit in China. In meiner "Amber"-Serie drücke ich Gefühle von Ungewissheit und Besorgnis aus.

Sie vereinen viele Gegensätze in Ihren Werken: Positiv und Negativ, Verborgenes und Enthülltes, Schärfe und Unschärfe, Konvexes und Konkaves, Fläche und Dreidimensionalität, Kontrolle und Kontrollverlust. Was reizt Sie an diesem Wechselspiel?

Sie haben einen sehr scharfen Blick, wenn Sie diese Frage stellen. Denn das ist ein Kernpunkt, auf den ich mich in meiner Arbeit sehr konzentriere. Sie ist voller Kontraste wie negative und positive Räume und Schärfe und Unschärfe, als befinde sie sich in einem Zustand der Transformation. Genau das will ich in meiner Arbeit präsentieren. Ich trage jede einzelne Acrylschicht auf, die Farben sind sehr gesättigt, aber wenn sich massenweise Schichten gesättigter Farbe miteinander verbinden, dann beginnen sie, sich gegenseitig abzuschwächen. Sie wirken irgendwie gegeneinander, und auf diese Weise entsteht dieser seltsame Kontrast: Wenn man jede einzelne Farbe betrachtet, ist sie sehr scharf, aber wenn sie zusammenkommen, verschwimmen sie vor den Augen. Ich denke auch viel darüber nach, wie sich 2D in 3D verwandelt. Auch der Kontrast zwischen Schönheit und Gewalt beschäftigt mich. Manche Leute sagen, dass meine Werke dekorativ und sehr schön anzusehen sind, andere finden sie brutal.

Weil Sie manche mit Messer und Hammer traktieren, wie die "Winter is Coming"-Reihe. Für die haben Sie acht Monate lang fast 300 Schichten Acryl aufgebracht, und jedes Mal mussten Sie warten, bis sie getrocknet waren. Das stellt man sich als Übung in Disziplin, Geduld und Selbstkontrolle vor.

Ich bin ein sehr disziplinierter Mensch. Im März habe ich angefangen und dann auf den kalten Winter in Peking gewartet, zu dem alles fertig sein würde. Daher kommt der Titel. Ich habe also das ganze Jahr über dünne Schichten Acrylfarbe aufgetragen, und dieses Gefühl spiegelt sich in meinen Werken. "Winter is Coming" kennt man ja aus "Game of Thrones": Man weiß, dass der Winter kommt, und das verheißt wahrscheinlich nichts Gutes.
 

Ju Ting "Deep Waters Run Quiet 040626", 2026
Foto: Courtesy the artist und Galerie Urs Meile

Ju Ting "Deep Waters Run Quiet 040626", 2026


War das impulsive Hämmern auch ein Akt der Befreiung aus der Überdisziplinierung?

Es war das Ergebnis einer zehnjährigen kreativen Arbeit. Als ich gerade bereit war, die Werke zu veröffentlichen, überkam es mich, und ich griff zum Hammer. Dann kam alles hoch, und diese ganzen Gefühle von Stillstand wurden zu einem Funken, der alles entfachte.

Manche Kritiker sehen darin auch eine feministische Geste, eine Befreiung der Frau aus der fremdbestimmten weiblichen Identität. Stimmen Sie zu?

Ich komme um dieses Thema nicht herum, da ich selbst eine Frau und eine Künstlerin bin. Vor allem in China unterscheidet sich der Feminismus stark von dem im Westen – die Diskussion steht in China erst am Anfang, das Leben von Frauen ist in China härter als im Westen. Aber mittlerweile ist es schon viel besser geworden, vor allem in Peking. Für mich ist die weibliche Identität ein Grundton in meinem Schaffen. Die Rebellion in meinen Werken ist etwas, das dem Konzept des Feminismus schon sehr ähnelt.

Sie ziehen die Acrylfarbschichten ab, zerreißen sie oder schneiden sie in Streifen, um sie zu Reliefen zu falten. Loten Sie damit die Grenzen zwischen Malerei und Skulptur aus?

Ich weiß nicht, ob man im Westen darüber diskutiert, aber in Asien, in China, gibt es viele Diskussionen darüber, dass die KI die Malerei irgendwann oder zumindest bis zu einem gewissen Grad ablösen wird. Durch die menschliche Beteiligung spürt man die menschliche Wärme. Dieser Dialog ist sehr wichtig, besonders jetzt im Zeitalter der KI. Ich will in meinen Werken immer auch ein handwerkliches Gefühl haben. Für mich zählt, was ich fühlen und berühren und mit meinen Händen gestalten kann. Das Schichten der Acrylfarbe, das Durchschneiden und Bearbeiten, die Transformation von der flachen 2D-Ebene hin zu 3D, erinnern an handwerkliche Prozesse. Diese körperliche Auseinandersetzung mit dem Material entspricht meiner Meinung nach der Essenz von Kunst, die nicht ersetzt werden kann.

Ihre neue Ausstellung bei Urs Meile in Zürich heißt "Summer". Was zeigen Sie?

Ich sehe den Sommer als Zeit des Kräftesammelns: Wir können jetzt in aller Ruhe darüber nachdenken, was wir eigentlich tun wollen oder wie wir unser Leben gestalten möchten. Es ist eine Zeit des Auftankens. Der Titel ist inspiriert von Albert Camus’ Satz: "In den Tiefen des Winters wurde mir bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt". Ich glaube daran, dass die menschliche Natur in vielerlei Hinsicht unbesiegbar ist. Es sind hauptsächlich Werke aus der Serie "Deep Waters Run Quiet" zu sehen. Es geht um eine Ansammlung von Energien, um der ungewissen Zukunft begegnen zu können. Präsentiert werden verschiedene Formate, eine Vielfalt an Texturen und Farbtönen. Es ist sehr dynamisch, sehr warm, sehr farbenfroh – wie der Sommer, der den Menschen Frische, Hoffnung und Energie gibt.

Was hat es mit dem Titel "Deep Waters Run Quiet" auf sich?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre eine einzige Farbe auf der Oberfläche. Aber dann erkennt man eine Bewegung, wie auf dem Meer: Darunter sind Strömungen, aber an der Oberfläche ist es trotzdem ziemlich ruhig. Das ist eine Metapher für das, was ich in der Gesellschaft beobachte. Ich will nicht über die Situation in China sprechen, weil ich denke, dass es sich letztendlich um eine universelle Situation handelt. Es ist nur zufällig so, dass ich in China lebe. Die Ängste, die Unsicherheit, das Hin- und Hergerissensein und die inneren Konflikte habe ich in eine visuelle Sprache übersetzt. Es ist wie die Strömung unter der Oberfläche: Ich glaube, wir befinden uns gerade an einem Punkt, an dem wir Energie sammeln, um auf alles vorbereitet zu sein, was kommen mag.