Jürgen Mayer H. und Hans Schneider, Ihr Büro hat den Kunst-am-Bau-Wettbewerb für eines der umstrittensten Gebäude des Landes gewonnen. Herzlichen Glückwunsch. Wie sind Sie vorgegangen?
Jürgen Mayer H.: Wir haben recherchiert. So gehen wir alle unsere Projekte an. Wir betrachten den Kontext und arbeiten uns in verschiedene Themen ein. Natürlich schauen wir uns auch die Geschichte des Baus und die politischen Diskussionen darum an.
Hans Schneider: Gerade solche Kunst-am-Bau-Wettbewerbe bearbeitet unser Büro sehr ergebnisoffen. Es hätte auch sein können, dass wir nach zwei Wochen sagen: Wir finden keine Idee – und dann hätten wir nichts abgegeben.
Aber Sie hatten eine sehr deutliche Idee, Sie haben einen Pfeil in die Fassade des Humboldt Forums geschossen. "Südpfeil" nennen Sie die Arbeit.
JMH: Der Pfeil kommt schräg aus dem Norden in die Fassade, in etwa 18 Metern Höhe. 3,60 Meter ist er lang. Ein sehr abstrakter Pfeil, fast wie aus einem Design-Manual. Der Titel "Südpfeil" spielt auf die Hierarchie der Machtverhältnisse auf der Weltkugel an und nimmt Bezug zur Thematik des globalen Südens. Es könnte auch einer dieser rhetorischen Pfeile sein, die in der Diskussion zum Humboldt Forum aufeinander geschossen wurden.
Aber er hat auch etwas mit einem Storch zu tun.
JMH.: Um 1822 wurde bei Rostock ein Storch gefunden, der einen Pfeil in sich trug. Anschließend fand man noch einige mehr, auch in anderen lebenden Vögeln. Man hatte bis dahin nur Theorien darüber, wo Vögel den Winter verbringen – in Baumhöhlen vielleicht oder dass sie sich in Fische verwandeln und als Vögel wieder herauskommen. Es gab auch Vermutungen, dass sie weit weg fliegen. Aber erst mit diesen Pfeilen im Körper konnte man nachweisen, dass es Migrationsrouten und Wanderwege gibt. Über die Pfeile erfuhr man etwas über die Routen der Vögel, denn die afrikanischen Stämme hatten unterschiedliche Pfeile. Die Störche, die abgeschossen wurden, trugen meist Markierungsringe an den Fängen, und die – das fand man später heraus – wurden zu Schmuckstücken gemacht. Durch die Zugvögel gab es also einen Austausch von Kulturgütern.
Klingt nach einer versöhnlichen Arbeit für das Humboldt Forum, in dem Kritikern zufolge die koloniale Rolle zu wenig reflektiert wurde.
JMH: Ein paar Kommentare kritisieren den Südpfeil als vielleicht zu harmlos, aber Akupunktur kann für manche die wirksamere Medizin sein. Andere sehen auch den Pfeil Amors, eine Möglichkeit der Versöhnung.
HS: Das Humboldt Forum wird schon beschossen – der Pfeil steckt im Fleisch.
War die Kontroverse um das Haus auch das Reizvolle an dem Projekt?
JMH: Na ja, das Humboldt Forum will eines der wichtigsten Häuser in Deutschland sein, im Herzen der Bundesrepublik. Und als Architekt schaut man vielleicht noch ein bisschen anders auf die Chancen und Möglichkeiten, die es gegeben hätte. Also ist es auch eine kleine Provokation, die diese Architekturkultur in Frage stellt. Es geht darum, die Komplexität der Themen, die darin stecken, spürbar zu machen. Jede Lesart des Pfeils ist richtig – je nachdem, wie man auf das Humboldt Forum schaut. Das ist aber eine Haltung, die wir bei all unseren Projekten haben: Es gibt eine Auseinandersetzung mit dem Ort, einen Punkt, der uns interessiert, und der wird dann im Maßstab vergrößert, und dann erweitert durch die Lesart der Betrachter.
Wenn ich mir Ihre Arbeiten anschaue – die große Holzkonstruktion in Sevilla, die Wolken in Korea, die pilzartigen Formen in Georgien –, frage ich mich immer: Warum sitzen Sie eigentlich in Berlin? Ihre Arbeit sieht so international aus.
JMH: Ich habe in Stuttgart studiert, war in den USA zum Studium und zur Lehre, dann gab es 1994 eine starke Rezession in New York, und Berlin war aufregend. Es ist viel passiert, die Stadt wurde neu gebaut, und die Hoffnung war, dass man dort stärker involviert sein könnte. Aber das hat am Anfang nicht so gut funktioniert. Die Strukturen waren anders, die Netzwerke von außen nicht zu durchdringen. Auch die Entscheidungsfindung bei Wettbewerben schien vorbestimmt. Europa hat sich geöffnet, und auf einmal haben 500 Wettbewerbsteilnehmer bei einem Kindergartenbau mitgemacht. Wir haben dann an vielen Kunstinstallationen gearbeitet, auch international, hatten Ausstellungen bei Eigen + Art oder in New York im New Museum und in Kunstgalerien. Unser erster Wettbewerbsgewinn war dann Ende der 90er in Ostfildern bei Stuttgart – das war der Beginn unseres Büros. Und ab 2010 bekamen wir auch viele Aufträge in Berlin, seit 2004 nach dem Gewinn von Metropol Parasol in Sevilla allerdings bereits international – von Bauherren, die so wie wir etwas am Status quo ändern wollen und die Stadt als einen Aktivator für gesellschaftliches Leben sehen.
HS: Nur weil wir hier nicht ganz so viel gebaut haben, heißt das ja nicht, dass Berlin nicht der richtige Ort ist, um sich zu entwickeln. Für das Büro war Berlin zumindest die letzten 20 Jahre der richtige Ort, weil die Stadt wahnsinnig international ist.
JMH: Auch der Dialog innerhalb der Kunstwelt war und ist in Berlin einzigartig.
Der Bronzepfeil ist fast vier Meter lang und 85 Kilogramm schwer
Vielleicht ist die bessere Frage: Warum sehen Ihre Entwürfe so undeutsch aus?
JMH.: Gerade arbeiten wir an einem Projekt in Brasilien, einer Wohnsiedlung. Dort suchte man nach einem deutschen Architekten, weil es viele deutschstämmige Bewohner gibt. Doch dann waren sie ein bisschen frustriert, als sie nur Entwürfe von beigen Kisten mit rechteckigen Fenstern sahen. Als sie uns gefunden haben, hieß es: Endlich mal ein Büro mit brasilianischem Flair.
Warum hat Deutschland ein so verkrampftes Verhältnis zur Architektur?
HS: Ich glaube, dass eine Angst vor Regularien mitspielt. Wenn wir uns mit anderen Büros vergleichen, gehen wir trotz Bauauflagen oft erst einmal mit einer gewissen Naivität heran.
JMH: Unbedarftheit.
Noch einmal zurück zu den beigen Kisten: Sie haben einmal gesagt, wir leben im Zeitalter von Beige. Wieso denn das?
JMH: Es gibt da zwei Impulse. Einmal gab es einen Artikel im "Spiegel", da ging es um die Farbe Beige, die das kosmische Licht beschreibt. Mathematiker haben untersucht, welche Spektren im Universum vorkommen, und wir entwickeln uns – einfach gesagt – gerade von einem roten, warmen Lichtspektrum zu einem kalten, blauen. Und wir sind jetzt in der beigen Zwischenphase. Es gab dann den Aufruf, einen Namen für diese Ära zu finden, und der Begriff "Cosmic Latte" hat gewonnen. Der zweite Ansatz war: Ein Freund von mir hat sich mit amerikanischen Gated Communities beschäftigt, in denen die Häuser nur in einer sehr engen Palette von Beigetönen gestrichen werden dürfen – nicht aber in Gelb, weil das den Wert des Nachbarhauses reduzieren würde. Beige kommt mit einer Natürlichkeit daher, die nie provoziert, die anscheinend beruhigend ist. Beige wird als Farbe nie hinterfragt. Sie ist gegeben und nicht ausgesucht. Ich bin auch gar nicht gegen Beige, manchmal ist es die richtige Farbe. Mich interessiert aber das Phänomen, the power of beige.
Es heißt, dass Sie oft an der Schnittstelle zu neuen Technologien arbeiten. Was heißt das eigentlich genau?
JMH: Wenn wir mit neuen räumlichen und konstruktiven Ansätzen in einen Entwurfsprozess gehen, führt das manchmal dazu, dass wir nach Lösungen suchen müssen, die unsere räumlichen Ideen umsetzbar machen – etwa mit neuen Materialien, die entwickelt werden: Smart Materials, die auf Klima reagieren, oder neuartige Holzkonstruktionen wie bei Metropol Parasol in Sevilla. Und manchmal entsteht eine Idee aus dem Material heraus.
Ein Pfeil im Humboldt Forum, ein regnendes Vordach in Ostfildern, durch Körperwärme ihre Farbe verändernde Bänke – in welcher Disziplin arbeiten Sie letztlich?
JMH: Unsere Arbeiten sind sowohl im Kunst- als auch im Architektur- oder Designkontext präsent. Und das ist schon unser Alleinstellungsmerkmal. Wir wurden kürzlich gefragt, warum wir jetzt Kunst machen, aber ich komme eigentlich aus der Kunst, habe Architektur studiert, aber immer mit einem skulpturalen und performativen Verständnis. Unsere Gebäude sind Skulpturen, die als Haus funktionieren und den öffentlichen Raum aktivieren.