Julia Heyward im Kunstverein Nürnberg

Wenn Stimme den Raum dreht

Julia Heyward "Ohne Titel (Selbstporträt)", 1971

Julia Heyward "Ohne Titel (Selbstporträt)", 1971

Pionierin der New Yorker Pictures Generation und Wegbereiterin der MTV-Ära: Julia Heywards Werk blieb in Deutschland lange unter dem Radar. Der Kunstverein Nürnberg widmet ihr nun die erste institutionelle Einzelausstellung in Europa

Menschen reichen einander die Hand. Ritualisierte Bewegungen, immer gleich – und doch immer anders. Dann sieht man die Künstlerin auf einer sich drehenden Bühne. Das Video "Shake Daddy Shake" (1976) läuft in einer offenen Stahlkonstruktion in der Eingangshalle des Kunstverein Nürnberg. Es ist ein starkes Bild für Julia Heywards erste institutionelle Einzelausstellung in Europa: In "Miracles in Reverse" zeigt die Institution Arbeiten aus ihren frühen Jahren zwischen Performance, Fotografie, Video – und Musik.

Heyward gehört zu den Pionierinnen jenes künstlerischen Aufbruchs, der in den 1970er-Jahren visuelle, performative und akustische Ausdrucksformen experimentell miteinander verband. Pop Art und Underground sind Schlüsselbegriffe dieser Verschmelzung. In Deutschland ist sie bislang dennoch weitgehend unbekannt.

Künstlerisch wie historisch-biografisch steht Heyward jedoch gleichrangig neben den bekannten Namen dieser Zeit: Andy Warhol, Patti Smith, Laurie Anderson oder Steve Reich. Das machen nun gleich zwei Ausstellungen deutlich: In Kollaboration mit Nürnberg eröffnete der Westfälische Kunstverein am Freitag, 6. März, den zweiten Teil der Schau. Im Zentrum von "Voices of Many Voices" steht Heywards experimenteller und kritischer Umgang mit Sprache als Machtinstrument.

Poesie eines Priesters

"Der Teufel ist tief verwurzelt." Der Satz stammt nicht aus einem aktuellen Kommentar zur Weltlage, sondern aus einer 30 Jahre alten Videoarbeit. Ein Priester hatte im Fernsehen von einem Exorzismus gesprochen und das Phänomen ein "miracle in reverse" genannt – also ein umgekehrtes Wunder. Heyward fand das so poetisch, dass sie daraus ein ganzes Werk entwickelte.

 

Julia Heyward "Miracles in Reverse", Ausstellungsansicht, Kunstverein Nürnberg, 2026
Foto: Lukas Pürmayr

Julia Heyward "Miracles in Reverse", Ausstellungsansicht, Kunstverein Nürnberg, 2026

Wer Heyward nur als Videopionierin liest, greift zu kurz. Sie begann als radikale Performerin, als "dyed-in-the-wool performance artist", die in den 1970er-Jahren mit monologbasierten Stücken auftrat – unter anderem in den New Yorker Kunstorten The Kitchen und Franklin Furnace sowie in der Judson Memorial Church. Diese One-Woman-Performances waren keine launigen Spoken-Word-Abende. In ihnen mischte sie Sprache, Gesang, Beschwörung und vokale Manipulation.

Subsaharisches Jodeln

Heyward interessierte sich für mongolischen Kehlgesang ebenso wie für subsaharisches Jodeln; die Musikalität ihrer Sprache speiste sich auch aus der Predigttradition ihres Vaters, eines Pastors aus South Carolina. Ihre Stücke waren direkte, bisweilen konfrontative Auseinandersetzungen mit Feminismus, Natur, Religion und Körper – Themen, die im Nürnberger Parcours als unterschwellige Spannung präsent sind.

Von der Halle führen zwei Räume ab, der Boden wechselt zu Holz, als beträte man einen Dachboden. Hier hängen Schwarz-Weiß-Fotografien aus den frühen 1970er-Jahren: Mehrfachbelichtungen, einfache Setzungen, Gestenstudien. Heyward blickt frontal in die Kamera, probiert Haltungen aus, hebt den Arm wie zu einer einstudierten Bewegung. Konturen überlagern sich, Identität erscheint als etwas, das sich durchspielen lässt. Die Präsentation bleibt niedrig, nah, fast beiläufig. Keine auratische Überhöhung, sondern ein Arbeitsraum der Möglichkeiten.

 

1973 ging Heyward nach New York und nahm am Whitney Independent Study Program teil. In der Downtown-Szene jener Jahre verbanden sich Performance, experimentelle Musik und frühe Videokunst. Künstlerinnen wie Joan Jonas oder Laurie Anderson entwickelten Formen, in denen Stimme, Körper und Technik ineinandergreifen. Heyward bewegte sich in diesem Spannungsfeld – allerdings mit einer eigenen Musikalität.

Im Videoraum wird das besonders deutlich. In "MA I AM" (1975) steht sie frontal vor neutralem Hintergrund und zerlegt Sprache in Laute. Vokale werden gedehnt, Konsonanten gestoßen. Bedeutung löst sich auf, zurück bleibt Rhythmus. Heywards Stimme kippt zwischen Gesang und Sprechen, zwischen Pathos und präziser Kontrolle. Diese inhärente Musikalität führte Ende der 1970er-Jahre zu Bandprojekten mit wechselnden Besetzungen und Namen: T-Venus, The Abstractions, Kulture, später The Glo National.

In New Yorks Clubs

Mit Musikern aus dem Umfeld von No Wave und Post-Punk – darunter Mitglieder von James Chance & the Contortions, The Raybeats und anderen Bands – entstanden rhythmische, nervöse, überraschend eingängige Songs. Heyward adaptierte ihre Monologe zu Lyrics, machte aus Sprachskulpturen Pop. Gespielt wurde in Clubs wie Danceteria, Mudd Club oder dem 9:30 Club – also genau dort, wo in New York damals Kunst, Musik und Nachtleben ineinanderflossen.

1981 kehrte sie mit ihrer Band T-Venus in die Kunstinstitution The Kitchen zurück und präsentierte "360°" – ein Konzeptalbum, in dem sie Musik und Video verband. Geplant für eine Veröffentlichung auf Videodisc, antizipierte das Projekt das visuelle Album lange vor dem MTV-Zeitalter. In Nürnberg läuft "360°" als visuelles Musikstück, in dem Songs und Clips nahtlos ineinander übergehen. Heyward bewegt sich mit Mikrofon durch einen clubartigen Raum. Die Performance wirkt konstruiert und unmittelbar zugleich.

 

Julia Heyward "Miracles in Reverse", Ausstellungsansicht, Kunstverein Nürnberg, 2026
Foto: Lukas Pürmayr

Julia Heyward "Miracles in Reverse", Ausstellungsansicht, Kunstverein Nürnberg, 2026

Doch Heywards Vision zielte weniger auf Pop-Mythos als auf eine Störung der kommerziellen Fernsehlogik. Diese Utopie versandete, als das Videodisc-Format verschwand – nicht aber Heyward aus der Popgeschichte. In den frühen MTV-Jahren wurde sie eine der wenigen Regisseurinnen von Musikvideos und arbeitete unter anderem für die Talking Heads. Ihr eigenes Video zu "Draggin’ the Bottom" lief ebenfalls auf MTV, kommerzielle Veröffentlichungen ihrer Musik blieben jedoch aus. Erst 2024 erschien mit "Julia Heyward & T-Venus: Duka I 1979–1988" erstmals eine umfassende Edition ihres musikalischen Schaffens.

Alles auf Anfang

Schließlich führt der Weg zurück in die Halle. Der Händedruck wiederholt sich. Die Bühne dreht sich. Die Stahlkonstruktion bleibt offen sichtbar. Was zunächst wie eine formale Setzung wirkt, entfaltet eine politische Dimension: Autorität zeigt sich hier als etwas Gemachtes – als etwas, das ins Wanken geraten kann.

Heywards Arbeiten entstanden in einer Phase gesellschaftlicher Neuverhandlung von Macht und Geschlechterrollen. Heute wirken sie erstaunlich gegenwärtig – vielleicht weil sie nicht auf große Gesten setzen, sondern auf minimale Verschiebungen: ein Zittern in der Hand, ein Kippen der Stimme, ein kaum merkliches Drehen des Raums. Man verlässt den Kunstverein Nürnberg mit dem Gefühl, dass Stabilität immer eine Choreografie ist. Und dass es manchmal nur eine Stimme braucht, um sie aus dem Takt zu bringen.