Sammlung Stoschek in der Langen Foundation

Wenn Buddha am Bildschirm klebt

In der Langen Foundation in Neuss treffen Medienkunstwerke aus der Sammlung von Julia Stoschek auf asiatische Artefakte. Die Ausstellung "Incarnate" fragt, ob Bildschirme spirituelle Portale sein können

Auch Buddha schaut gern Fernsehen. Mit dieser eigentlich simplen These hat der südkoreanische Künstler Nam June Paik seit den 1970er-Jahren den Blick auf das Massenmedium revolutioniert. In seiner Installation "TV Buddha", von der es verschiedene Versionen gibt, steht eine Statue des Erleuchteten vor einem Röhrenfernseher und beobachtet sich selbst. Denn hinter dem klobigen Gerät wacht eine Kamera, die den Buddha filmt - und die statischen Live-Aufnahmen wiederum auf den Bildschirm überträgt.

Diese Versuchsanordnung war gleich in mehrerer Hinsicht bahnbrechend. Sie sprengte die vermeintlich passive Rolle des Fernsehzuschauers (der Medientheoretiker Jean Baudrillard hatte 1972 die TV-Kultur als "Rede ohne Antwort" beschrieben) und machte seinen Buddha gleichzeitig zum Konsumenten und Produzenten von Bildern. Außerdem betonte er die transzendente Qualität des Screens. Was kann ich über die Welt überhaupt wissen? Ist das, was ich sehe, die Realität oder nur ein Simulakrum? Diese Fragen sind sowohl für den Buddhismus als auch für die Medienkunst des 20. und 21. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung.

Auch in der Langen Foundation auf der Raketenstation Hombroich bei Neuss bekommt der Religionsstifter seine Bildschirmzeit. In Nam June Paiks "Shigeko’s Buddhas" von 1986, einer Leihgabe des Museums Ludwig aus Köln, thront ein hölzerner Erleuchteter vor drei Fernsehern. Darauf laufen ein Interview mit Marcel Duchamp, eine Choreografie von Merce Cunningham und eine Fluxus-Performance - also nicht gerade Inhalte, die den brain rot begünstigen. Trotzdem denkt man beim Anblick des gebannten Buddhas unwillkürlich an heutige Debatten über screen time und die sozialen Folgen exzessiven Medienkonsums. Sind Bildschirme heute eine Quelle des Zen, ohne die viele Menschen nicht mal mehr einschlafen können? Oder sind sie eine Oberfläche, auf der sich das Selbst auflöst und durch Avatare ersetzt wird? Hätte Paik seine Buddhas heute geschaffen, würden sie vielleicht durch Social Media scrollen.

"Ist der Bildschirm ein Schleier oder ein Fenster?"

Der Künstler-Pionier ist sozusagen der Schutzheilige der Ausstellung "Incarnate", die gerade in der Langen Foundation bei Neuss zu sehen ist. Dort begegnen sich zwei bedeutende Sammlungen aus der Region. Die Videokunst der Julia Stoschek Foundation, deren Stammhaus in Düsseldorf gerade renoviert wird, trifft im reduzierten Betonbau des Architekten Tadao Ando auf die klassischen japanischen und asiatischen Artefakte aus der Sammlung Viktor und Marianne Langen.

Zeitlich und kontextuell liegen die hochauflösenden HD-Filme der Gegenwart ziemlich weit von den Statuen und Zeichnungen entfernt, die bis ins 2. Jahrhundert zurückreichen. Die Verbindung, die Kurator Nadim Samman zwischen ihnen sieht, ist spirituell und materiell motiviert. "Schon lange interessieren sich Medienkünstler für die Frage, ob der Bildschirm einen Zugang zur Welt öffnet oder ihn eher verstellt, ob er also eher ein Fenster oder ein Schleier ist", sagt er. Dieser Ansatz passt für ihn zur buddhistischen Skepsis gegenüber einem äußeren Schein und der Suche nach einer tiefen Wirklichkeitserfahrung.

Um dies zu verdeutlichen, hat Samman, der kürzlich offiziell als fester Kurator der Langen Foundation vorgestellt wurde, auf einige Klassiker der Video-Avantgarde zurückgegriffen. Im ersten Raum boxt Vito Acconci gegen seinen eigenen Schatten - das älteste menschliche Abbild, das real und ungreifbar zugleich ist. Ein Stockwerk tiefer ist Bruce Naumans berühmtes Bild-Ton-Experiment "Lip Sync" ausgestellt, bei dem sein umgedrehter Mund immer wieder die beiden Wörter des Titels formt. Allerdings ist die Soundspur eben nicht im Einklang mit der Mimik, sodass bei den Betrachtenden Hören und Sehen nicht mehr zusammenpassen. Man steht plötzlich in zwei verschiedenen Realitäten.

Es ging nie nur um die Qualität der Animation

Opulentes Zentrum der Schau sind zwei großformatige Installationen, die sich mit Avataren beschäftigen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Nam June Paiks "Shigeko’s Buddhas" entfaltet sich Ed Atkins' Werk "Warm, Warm, Warm Spring
Mouths" von 2013. Darin wagt sich eine computergenerierte Figur, die die Gesichtszüge des Künstlers trägt, in die existenziellen Bereiche des Lebens. Sie rezitiert Gedichte, "fühlt" Oberflächen und Texturen, probiert Gesichtsausdrücke, lässt Seifenblasen erscheinen und wieder zerplatzen.

Als die Videoarbeit vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal zu sehen war, zeigten sich viele vor allem von der hyperrealistischen Qualität der Bilder beeindruckt – etwa von den wehenden Haaren des Protagonisten, die besonders schwer zu imitieren sind. Aber nichts ist so alt wie die Medienkunst von gestern, und an diese Hi-Res-Ästhetik hat man sich durch Computerspiele und Pixar-Filme längst gewöhnt. Vielmehr wird heute deutlich, dass Ed Atkins' Werk eine Verbindung zwischen Animation und anima, also der Seele, etabliert, die sehr gut "gealtert" ist. 

Das digitale Alter Ego des Künstlers ringt um Menschlichkeit, um einen Zugang zu einer sinnlichen Welt, die ihm als Gefangenem des Bildschirms jedoch verwehrt bleiben muss. Hier drängt sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Avatar auf, der heute vor allem für virtuelle Stellvertreter im Gaming-Kontext verwendet wird. Im Hinduismus bezeichnet er dagegen die materielle Manifestation eines göttlichen Prinzips in der Gestalt eines Menschen oder Tieres. Genauso lässt sich auch Atkins' Werk lesen, das die Verbindung zwischen Technologie und Transzendenz gleichzeitig inbrünstig vorführt und durch Überzeichnung wieder demontiert.

Hat Nam June Paik schon alles gesagt?

Optisch noch megalomaner wird es bei Lu Yangs riesiger Projektion "Doku: The Flow" von 2023. Darin wird eine animierte, genderfluide Held:in durch eine Welt gejagt, die sowohl hypertechnisiert als auch von buddhistischen Symbolen und Narrativen durchzogen ist. Es geht um Freude und Leid, Wiedergeburt und Verwandlung. Für die Präsentation der Arbeit hat sich Kurator Nadim Samman die Idee von Nam June Paik geborgt und Buddha-Statuen als stoisches Publikum engagiert. 15 Exemplare aus verschiedenen Epochen und Ländern stehen auf minimalistischen Sockeln und bilden das physische Gegengewicht zu Lu Yangs bunter Anime-Welt. Anders als bei Paik schauen die Büsten aber von der Leinwand weg. Ist das "Dokuversum" des chinesischen Künstlers selbst für Meditations-erprobte Zen-Gemüter zu viel der Reizüberflutung?

"Incarnate" ist eine dichte, bildgewaltige Ausstellung, bei der vor allem das Wiedersehen mit ikonischen Werken der jüngeren Kunstgeschichte in Erinnerung bleibt. Der Dialog der beiden Sammlungen klappt dabei unterschiedlich gut, nicht immer ist die Kombination mit den historischen Werken zwingend. Vielleicht hat der "TV Buddha" den theoretischen Überbau von Massenmedien und Transzendenz einfach schon in Perfektion in Kunst verwandelt, und man muss dem gar nicht mehr allzu viel hinzufügen. Wie relevant Paiks Werk trotz einer rasant veränderten Bildwelt immer noch wirkt, ist jedenfalls erstaunlich. Die Ausstellung erinnert daran, wie uralte menschliche Glaubenssätze sich immer wieder in neuen Inkarnationen ausdrücken. Sie widerlegen die These, dass technologischer Fortschritt eine Art Entkopplung von unserer "Natur" bedeuten muss.

Eine Begegnung im Untergeschoss lässt die Betrachterin jedoch ein wenig irritiert zurück. In einer Ecke neben Lu Yangs "Doku"-Abenteuer schwirrt nämlich auch noch Cyprien Gaillards "L'Ange du foyer" herum - ein beruhigend surrender Ventilator, auf dem ein Hologramm des "Hausengels" von Max Ernst tanzend sein Unwesen treibt. Trotz der hypnotischen Qualität des Werks fragt man sich, was er hier macht. Denn bei der Installation, die auf der Venedig-Biennale 2019 ihren großen Auftritt hatte, handelt es sich keinesfalls um eine transzendente Kunstbefragung. Vielmehr verweist Gaillard auf Max Ernsts künstlerische Warnung vor dem Aufstieg des Faschismus - und den kann man nun beim besten Willen nicht wegmeditieren. Aber vielleicht passt auch diese Gedankenschleife zum Umgang mit all diesen Bildebenen. Manchmal bekommt der Screen, der auch ein Schutz sein kann, eben Risse. Dann dringt die Welt ein.