Julia Stoschek, vom Ozean und der Sonne mal abgesehen: Wie sind Sie darauf gekommen, mit Ihrer Sammlung in Los Angeles aufzuschlagen?
Los Angeles ist die Stadt der bewegten Bilder. Seit über 100 Jahren werden hier Images produziert, konsumiert, mythologisiert – vom Stummfilm über das Golden Age von Hollywood bis hin zu den digitalen Traumfabriken der Gegenwart. Meine Sammlung ist seit über 20 Jahren auf zeitbasierte Medienkunst ausgerichtet: Video, Film, Performance bis hin zu Virtual Reality. Diese Arbeiten stehen in engem Dialog mit dem Kino, entziehen sich jedoch zugleich dessen Ordnung. Viele der vertretenen Künstlerinnen und Künstler leben in der Stadt, darunter Doug Aitken, Arthur Jafa, Paul McCarthy, John Rafman, P. Staff oder Jordan Wolfson. Die Entscheidung, die Sammlung in Los Angeles zu zeigen, ergibt sich aus dieser Konstellation. Es ist kein Ortswechsel, sondern ein Resonanzraum, in dem sich die innere Logik der Sammlung verdichtet.
Für die Präsentation in LA haben Sie Udo Kittelmann gewonnen. Kam er auf Sie zu oder Sie auf ihn?
Die Idee, mit Stummfilmen zu arbeiten, hatte Udo bereits länger. Als ich ihn eingeladen habe, die Präsentation in Los Angeles zu konzipieren, haben wir die Idee weiterentwickelt. Soweit ich weiß, ist es das erste Mal, dass Stummfilme und historische Hollywood-Klassiker in einen direkten Dialog mit zeitgenössischen Videoarbeiten treten.
Die Präsentation findet im Variety Arts Theater in Downtown LA statt. Was ist das für ein Gebäude?
Wir haben sehr lange nach einem geeigneten Ort gesucht und bereits mehrere Gebäude in Betracht gezogen, bevor wir schließlich das Variety Arts Theater gefunden haben. Ein absoluter Glücksfall! Gegründet 1924 vom sogenannten Friday Morning Club, einem politisch und gesellschaftlich engagierten Frauenclub, der sich früh als Ort für politische Diskussionen, Bildung und gesellschaftlichen Wandel verstand. Später wurde es als Theater und Kino genutzt. Bei der Eröffnungsveranstaltung saß Charlie Chaplin im Publikum, und auf den Bühnen traten Persönlichkeiten wie Clark Gable, Laurel and Hardy oder Buster Keaton zu Beginn ihrer Karrieren auf. Der Bau umfasst sechs Geschosse, mit den Mezzaninen sogar acht, insgesamt rund 5.000 Quadratmeter – etwa doppelt so viel Fläche wie unsere Räume in Berlin. Dass wir mit dieser Präsentation auch die besondere Geschichte dieses Hauses wieder sichtbar machen, erfüllt mich mit großer Freude.
Wie viele Arbeiten werden Sie zeigen?
Wir zeigen 45 Werke. Es ist die größte Präsentation, die wir bislang mit der Foundation realisiert haben. Der Aufwand war enorm: Wir haben über 1000 Quadratmeter Teppich verlegt, historische Leuchten und Sitzmöbel eingebracht sowie die Technik für die Arbeiten installiert. Zuvor gab es dort weder Ausstellungs- noch Projektionsmöglichkeiten – alles wurde eigens für "What a Wonderful World" geschaffen.
Der volle Titel der Schau lautet "What a wonderful World. An Audiovisual Poem". Warum "Gedicht" und nicht "Ausstellung"?
Udo hielt es für an der Zeit, institutionelle Strukturen ebenso wie Begriffe wie Ausstellung und Kurator zu hinterfragen. Statt mehr Ausstellungen brauche es mehr Poesie. Die Präsentation sprengt bewusst die üblichen Formate und unterscheidet sich deutlich vom klassischen Ausstellungsrahmen. Wir bezeichnen das Projekt daher als "Audiovisual Poem" – eine zivilisationskritische Odyssee, in der über ein Jahrhundert hinweg grundlegende Fragen von Identität, Macht, Gewalt und Liebe verhandelt werden. Unsere Öffnungszeiten sind von 17 Uhr bis Mitternacht, "What a Wonderful World" ist für die Besucherinnen und Besucher erst nach Einbruch der Dunkelheit zugänglich.
Mit welchem Werk eröffnet die Schau?
"What a Wonderful World" beginnt bereits außerhalb des Gebäudes mit Dara Birnbaums Video "Technology/Transformation: Wonder Woman" (1978/79), die durch ein Fenster leuchtet. Beim Betreten des Gebäudes begegnet man als erstes "The Skeleton Dance" (1929) von Walt Disney, eine der frühen Animationen.
Tanzende Skelette – das klingt eher düster.
Die Skelette verlassen ihre Gräber – es ist eine überraschend leichte, fast anrührende Einladung zu Beginn der Ausstellung, auch wenn sie unweigerlich an den Tod erinnert. Viele der Arbeiten bewegen sich in diesem Spannungsfeld: Sie haben etwas Tragisches, zugleich aber auch etwas Humorvolles.
Popcorn ja, aber kein Entertainment?
"What a Wonderful World" hält den Besucherinnen und Besuchern den Spiegel vor und fragt, wo wir gerade stehen. In den USA, aber auch weltweit, erleben wir derzeit sehr bewegte und schwierige Zeiten – das spiegelt sich in den Arbeiten wider. Zugleich hoffen wir, das Publikum mit einem Moment der Offenheit und Hoffnung zu entlassen. Deshalb trägt die Ausstellung den Titel "What a Wonderful World" nach dem Song von Louis Armstrong aus dem Jahr 1967, der in einer Phase großer politischer Spannungen entstand – im Kontext der Bürgerrechtsbewegung und des Vietnamkriegs – und dennoch einen zutiefst hoffnungsvollen Ton anschlägt.
Die Ausstellung läuft nur sechs Wochen. Aber angesichts der Mühen und der Kosten, die Sie da reinstecken: Handelt es sich um einen einmaligen Auftritt, oder bleiben Sie länger in LA?
Die Frage ist berechtigt. In Berlin haben wir 2016 ebenfalls mit einem Pop-up begonnen, daraus sind inzwischen fast zehn Jahre geworden. In Los Angeles ist das Projekt jedoch bewusst als einmaliger Aufschlag für sechs Wochen angelegt – auch, um die Energie zu verdichten. Die Präsentation endet am 20. März.
Trotzdem verfolgt die Berliner Kunstwelt ihr LA-Engagement ein bisschen Bange. Sie haben sich in der Vergangenheit ja auch kritisch über Berlin geäußert, mangelnde Wertschätzung von Seiten der Politik und der Institutionen und auch Mieterhöhungen beklagt. Werden Sie Berlin den Rücken kehren?
Berlin ist und bleibt ein zentraler Kunst- und Kulturstandort, der meine Arbeit und die Entwicklung der Sammlung in den vergangenen zehn Jahren maßgeblich geprägt hat. Ich lebe in Berlin und fühle mich der Stadt sehr verbunden. Über mein zukünftiges Engagement dort bin ich derzeit noch in Gesprächen. Klar ist jedoch, dass Berlin auch künftig eine wichtige Rolle für mich spielen wird – in welcher Form, das wird sich noch zeigen.
Wie lange läuft Ihr Mietvertrag in Berlin noch?
Der Mietvertrag läuft aktuell noch bis Ende 2027.
Vergangenen Herbst fand in Ihrer Berliner Dependance eine vielbeachtete Diskussion über das "Post-Cool-Berlin" statt. Wie nehmen Sie die Situation für die Künste in Berlin derzeit wahr?
Ein zentrales Problem sind bezahlbare Räume für eine junge Generation – sowohl für Künstlerinnen und Künstler und ihre Ateliers als auch für Galerien und die Offszene. Berlin verfügt über ein großes kreatives Potenzial, doch Räume werden knapper, während die Kosten weiter steigen. Hier müssen Politik, Verwaltung und private Akteure gemeinsam gegensteuern – sonst verliert Berlin genau das, was die Stadt über Jahrzehnte ausgezeichnet hat.
Das ist definitiv nicht der Fall.