Künstlerbuch von Julian Charrière

99 Variationen eines Vulkans

Diese Bilder zeigen nicht nur Vulkane – sie sind aus ihnen gemacht: Julian Charrière lässt Lava, Asche und Obsidian zu Druckfarben werden. Das Wesen des Berges ist so tief ins Werk eingeschrieben

Kunst mit Berg ist Sisyphusarbeit – im glücklichsten Sinne. Hokusai fertigte 36 Ansichten des Berges Fuji an, Paul Cézanne verewigte den Mont Sainte-Victoire in über 80 Gemälden und Aquarellen, Georgia O’Keeffe war vom Cerro Pedernal derart besessen, dass der Tafelberg zum ständigen Motiv in ihren New-Mexico-Bildern wurde. In die Tradition des künstlerischen Bergmarathons lässt sich nun auch Julian Charrière einreihen. Im Zürcher Verein für Originalgraphik (VFO) hat der französisch-schweizerische Künstler bis Ende März seine Werkgruppe "After the Smoke Cradle" gezeigt. Nun ist das gleichnamige Künstlerbuch erschienen, das alle 99 Grafiken der Serie enthält.

Zu sehen sind drei fotografische Ansichten von drei verschiedenen Vulkanen, die in je 33 Variationen in zunehmend dunkleren Farben gedruckt sind. Würde man das Buch als Daumenkino produzieren, wären drei filmische Abblenden zu sehen. In der Einleitung formuliert es David Khalat so: Die "Motive schwanken zwischen Leuchtkraft und Nachtstimmung, als lerne das Bild langsam, seinen eigenen Schatten zu bewohnen".

Am Anfang standen Expeditionen zu verschiedenen Vulkanen, die Charrière bei der Vorbereitung zur Klangarbeit "Stone Speakers" von 2024 erkletterte. Vor Ort sammelte der Künstler Gesteinsproben – Vulkanasche, Lava, Obsidian und Schwefel –, die er im Atelier zerkleinerte und zu Pigmenten verarbeitete. Im Fall der Originalgrafiken stammen die Druckfarben also von den Vulkanen selbst. Und auch hinsichtlich der verwendeten Flachdrucktechnik – Lithografie ist ursprünglich Steindruck – handelt es bei "After the Smoke Cradle" um mehr als nur die Repräsentation eines Feuer und Asche speienden Berges. Das Wesen des Vulkans ist tief ins Werk eingeschrieben. Neben dem fotografischen Bild enthält jedes Blatt mineralische Spuren dessen, was die Bilder zeigen.

 Der Grund, auf dem wir stehen

Jede ganzseitige Reproduktion im Buch ist an ein knappes Textfragment von Paul A. Harris gekoppelt. Beispiel: "an unsteady stream / topsy turvy curvy slurry / staccato tinkling crystal clinkers / a river of shattered glass". Einige dieser Texte erinnern an die Dinggedichte Rainer Maria Rilkes. Sie sind keine Beschreibungen, sondern eher Interventionen, sie fixieren die Bilder nicht, sie halten sie im Fluss.

"Die spröde Kruste unserer felsigen Welt ist ein Flickwerk tektonischer Platten, die an ihren vulkanischen Nähten bersten", konstatiert Harris in einem begleitenden Essay, den er unter dem Pseudonym Pierre (!) Jardin verfasst hat. Weiter heißt es da: "Vulkane sind Kanäle magmatischer Geheimnisse, sie leiten das elementare Schmelzgestein aus dem glühenden Erdmantel nach oben und schleudern es an die Oberfläche. Anstatt vulkanische Rätsel zu lösen, dehnen und vertiefen Charrières Lithografien deren Geheimnis, indem sie Lavalandschaften in aschenhafte Erscheinungen verwandeln."

Bis zum 12. Juli läuft die große Soloschau "Midnight Zone" im Kunstmuseum Wolfsburg, in der Julian Charrière sich mit der pazifischen Tiefsee beschäftigt. Aus Wasser sind wir gemacht. Insofern ist Wasser jenes Element, das Charrières Credo am besten verkörpert: Die Welt verläuft nicht um uns herum, sondern durch uns hindurch. Doch auch die Feuerberge sind nicht so weit weg, wie wir Bewohner einer geologisch kaum aktiven Zone es vielleicht glauben. Das Vulkanische ist kein exotisches Objekt, sondern der (schwankende) Grund, auf dem wir stehen.