Mit ihrer Marke steht Julie Kegels zum dritten Mal im Kalender der Pariser Modewoche. Während die 1998 in Antwerpen geborene Designerin dort ihre neue "Face Value"-Kollektion präsentiert, dominiert auf ihrem Instagram-Account ihre Frühling/Sommer-Kollektion, die bald in den Verkauf geht:
Transformation ist das Leitmotiv von "Quick Change" – nicht nur als Metapher, sondern ganz praktisch: anziehen, ausziehen, umziehen. Das wirkt weniger wie ein Styling-Trick als wie ein Kommentar darauf, wie oft eine Frau am Tag die Rolle wechseln muss – im Büro, zu Hause, im Innenleben. Kegels’ Arbeit lebt vom Kontrast. In ihren Looks überlagern sich Codes: sportlich und fragil, verspielt und streng, sexy und beiläufig. Bei ihrer ersten Pariser Show – unter einer Brücke nahe der Metrostation Passy – trug ein Model ein halb verrutschtes Sweatshirt zu einer mit Gürteln drapierten Strumpfhose. Ein Rock saß fast in den Kniekehlen, sodass er einen weißen Ripp-Slip freigab. Unter einem pinken Slip-Kleid blitzten wiederum Details eines Herrenhemds und eines Seidenrocks hervor – als wäre das Model mitten im Umziehen.
"Quick Change" sei von der Technik eines Magiers inspiriert, Kostüme innerhalb einer Sekunde zu verwandeln, sagt Kegels. Selbst das verschmierte Make-up folgt dieser Logik – als hätte die Verwandlung gerade erst stattgefunden. Spitze und Seidenchiffon treffen auf Brüche: etwa ein Kleid, das aus der zusammengerollten Leinwand eines Stillebens zu bestehen scheint.
Das produktive Seltsame
"Was ich wirklich liebe – und genau da wird es für mich interessant – ist, wenn etwas ein bisschen seltsam ist", erklärte die Designerin 2025 gegenüber dem "W Magazine". Dieses kontrollierte Seltsame unterscheidet sie von vielen jungen Labels. Bei ihr ist das Schräge nie Zufall, sondern Methode.
Viele Designerinnen und Designer arbeiten mit Irritationen – oft so lange, bis sie die Oberhand gewinnen und das Kleidungsstück auf einen Effekt reduzieren. Kegels hält die Balance. Ihre Entwürfe visualisieren ein Konzept, ohne die Trage-Logik zu opfern. Die Frau, die ihre Mode trägt, wirkt elegant und klassisch – aber sie nimmt sich selbst nicht zu ernst.
Vom Atelier ins Halbfinale
Etwas Seltsames müsse man mit etwas Schönem kombinieren, lautet Kegels Rezept – dann fühle sich ein Look richtig an. Diese Haltung hat auch die Jury des LVMH-Preises überzeugt: Die Belgierin gehört zu den 20 Halbfinalistinnen und -finalisten der 13. Preisvergabe. Am 4. und 5. März 2026 präsentieren sie ihre Kollektionen in Paris; acht Labels ziehen ins Finale ein. Dort winken 400 000 Euro Preisgeld und ein mehrjähriges Mentorship durch LVMH.
Doch auch ohne Trophäe ist die Nominierung ein Signal. Erst vor zwei Jahren gründete Kegels ihre Marke. Nach ihrem Abschluss an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen arbeitete sie bei Meryll Rogge und beim Pariser Haus Alaïa, bevor sie sich selbstständig machte.
Von Möbeln und Machtcodes
Inspiration findet Kegels oft in ihrem direkten Umfeld, manchmal beginnt alles mit einem Buch. Für die Kollektion "Dresscode" war es eine Vintage-Ausgabe von Judith Prices "Executive Style: Achieving Success Through Good Taste and Design" – ein Handbuch darüber, wie Bürogestaltung Erfolg prägt.
"Das Buch war voller eindrucksvoller Bilder von Büros aus den 80er-Jahren", erzählt Kegels, – und fragt, wie sich solch ein Manual in Kleidung übersetzen lässt. Sie griff die Codes sogenannter Erfolgsgruppen auf – vom Finance-Bro bis zum Power-Suit – und verschmolz sie mit Einrichtungsdetails: ein Wickelkleid aus Wolldecke, ein Lackkostüm mit Holzmaserungs-Print, Samt-Oberteile wie Sofakissen. Blazer mit breiten Schultern trafen auf tief sitzende Sweatpants, ein Kaschmirpullover auf einen Rock mit Ledersofa-Druck. Kaum ein Detail der Business-Interieurs blieb unberührt.
Das belgische Erbe
Dass diese konzeptuelle Strenge aus Antwerpen kommt, ist kein Zufall. Zahlreiche belgische Designerinnen und Designer haben Modegeschichte geschrieben. Ein Indiz dafür liefert das MoMu – Modemuseum Antwerpen: Dort eröffnet Ende März die Ausstellung "The Antwerp Six", die 40 Jahre nach dem internationalen Durchbruch auf die Gruppe zurückblickt.
Auch Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Walter Van Beirendonck, Dirk Bikkembergs, Dirk Van Saene und Marina Yee haben an der Royal Academy of Fine Arts studiert und später international reüssiert. Julie Kegels ist auf einem guten Weg, diese Linie fortzuschreiben.