Was ist sexier als ein saftiger Pfirsich? Rohe Austern vielleicht? Oder doch lieber eine Aubergine? Wer sich an dieser Stelle nicht entscheiden kann, sollte unbedingt "Tampopo" (Pusteblume) schauen. Der japanische Regisseur Juzo Itami serviert darin gefühlt alle nicht ganz jugendfreien Delikatessen auf einmal. Nicht umsonst bezeichnet Star-Koch David Chang den Film als "Erfindung des Food-Porns".
Doch damit nicht genug: Neben Leckerbissen fürs Auge hat der Streifen noch weit mehr zu bieten. Zwei Möchtegern-Cowboys helfen einer talentlosen Köchin namens Tampopo (Nobuko Miyamoto) bei der Suche nach dem besten Ramen-Rezept Japans. Diese wilde Mischung garniert Itami mit Episoden über die tiefere Bedeutung des Essens in der japanischen Kultur.
Foodies und Film-Nerds kennen "Tampopo" längst in- und auswendig – in Deutschland ist die Liebeskomödie von 1985 jedoch bis heute ein Geheimtipp. Dabei gibt es Instant-Ramen hierzulande mittlerweile sogar an der Tanke. Auch Social Media kann von der japanischen Nudelsuppe nicht genug bekommen: Auf YouTube und "FoodTok" geht täglich ein neues Ramen-Video viral. Wie wäre es da zur Abwechslung mal mit einem Food-Porn fürs Kino?
Die Suche nach dem perfekten Ramen-Rezept
Die Trucker Goro (Tsutomu Yamazaki) und Gun (Ken Watanabe) landen eines Abends zufällig in Tampopos Imbissbude irgendwo außerhalb Tokyos. In ihrem Cowboy-Look fallen sie der aufmerksamen Gastgeberin sofort auf; Tampopo behandelt sie deswegen aber nicht weniger herzlich als die bereits Anwesenden. Sofort reicht sie den Neuen zwei volle Schüsseln Ramen über die Theke.
Einer der Stammkunden beschwert sich derweil lautstark über die mangelhafte Qualität der Nudeln und beschimpft die verwitwete Köchin. Goro verteidigt sie – obwohl ihm die Suppe selbst kaum besser schmeckt – woraufhin die Situation eskaliert. Nach einer Prügelei vor dem Laden übernachten die beiden Lkw-Fahrer in Tampopos Küche. Am nächsten Morgen bittet sie Goro verzweifelt um Hilfe bei der Verbesserung ihrer Kochkünste – so beginnt ihre gemeinsame Suche nach dem perfekten Ramen-Rezept.
Ramen ist auch in Japan ein bodenständiges Gericht – doch Tampopo und ihre Freunde machen daraus eine Kunstform. Das Auge isst selbstverständlich mit: Von der Brühe bis zu den Toppings darf nichts schiefgehen, sonst verliert das Gericht seine Harmonie. Bei Tampopo jedoch geht ständig etwas schief. Mal sind die Nudeln zu weich, mal fehlt der Suppe einfach das gewisse Etwas, um die anspruchsvollen Ramen-Trainer zu überzeugen. Irgendwann ist selbst Goro ratlos – doch Aufgeben kommt für sie trotzdem nicht infrage.
Zwischen intensiven Koch-Sessions besuchen sie Restaurants, befragen andere Köche und treffen schließlich auf einen gütigen Ramen-Meister (Yoshi Kato), der Tampopo erklärt, wie man die ultimative Nudelsuppe zubereitet. "Mansplaining" gab’s ganz offensichtlich schon in den 80ern.
Essen spielt hier eindeutig die Hauptrolle
Tampopo gibt am Herd alles – doch die Männer in ihrem Umfeld haben immer etwas zu bemängeln. Nach unzähligen Fehlversuchen gelingt ihr schließlich eine überwältigende Portion. So wird sie doch noch zur erfolgreichen Ramen-Meisterin – vermutlich eine der wenigen Frauen in Japans männerdominierter Gastronomie. Mit der Zeit kommen sich Tampopo und Goro immer näher; mehr als ein braves Dinner-Date schaffen sie bis zum Abspann jedoch nicht. Goro bleibt im Herzen ein Cowboy und zieht nach getaner Arbeit weiter – dafür lassen die Nebenfiguren alle Hüllen fallen.
Besonders die köstlichen Eskapaden eines anonymen Gangsters (Koji Yakusho), der die Haupthandlung mehrfach durchkreuzt, bleiben in Erinnerung. Er beglückt seine Geliebte (Fukumi Kuroda) nicht mit Diamanten, sondern mit opulenten Picknickkörben, Sahnetorten und Meeresfrüchten. In einer Szene kitzelt er sie mit einer lebendigen Languste zwischen den Schenkeln; im nächsten Moment flutscht ein rohes Eigelb aus seinem Mund in ihren – und wieder zurück, ohne dabei zu platzen. Wie lange sie dieses sinnliche Passspiel wohl geübt haben?
Manche finden die Bilder wahrscheinlich abtörnend, andere unendlich erregend. Sowas wie "Kink-Shaming" gibt es in "Tampopo" jedenfalls nicht. Und wer keinen Essensfetisch hat, wird sich das Lachen an den meisten Stellen trotzdem kaum verkneifen können. Zum Brüllen ist etwa eine Gruppe Obdachloser, die sich über französische grand cru lustig macht, eine ältere Dame, die beim Einkaufen reifes Obst und muskulöse Käselaibe befummelt, oder ein Mann, der trotz unerträglicher Zahnschmerzen haufenweise Gyōza verschlingt – Essen spielt hier eindeutig die Hauptrolle!
Schlürfbarer Sexappeal
Selbst Tampopo kümmert sich öfter um die Brühe als ihren Sohn Tabo, der nur wenige Auftritte hat. Ihr ganzes Leben dreht sich scheinbar nur um die perfekte, alle fünf Sinne berauschende Schüssel Ramen. Die Nahaufnahmen von ihren dampfenden Kreationen machen hungriger als jedes Mukbang. Der amerikanische Youtube-Koch Andrew Rea hat bereits versucht, die legendären Tampopo-Ramen nachzukochen. Sein Rezept-Video wurde schon über 5 Millionen Mal angeklickt – so verführerisch wie das Original sieht Reas Version aber lange nicht aus. Vielleicht kann den schlürfbaren Sexappeal einer heißen Nudelsuppe einfach niemand besser transportieren als Itami?
Als Zuschauerin oder Zuschauer gleitet man durch seinen Film, getragen von den verschiedenen Charakteren und Aromen der japanischen Küche. Itami ist leider frühzeitig verstorben, doch seine Liebeserklärung an das kulinarische Erbe seiner Heimat wirkt 40 Jahre nach der Kinopremiere nicht weniger relevant. In "Tampopo" widmen sich die Menschen mit voller Aufmerksamkeit ihrem Essen, liebkosen ihre Zutaten und genießen jeden einzelnen Bissen, als wäre es ihr letzter – das sollten wir auch öfter probieren!