Schwarzes Quadrat als Albumcover

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Rapper Kanye West hat einen Hang zur visuellen Opulenz, sein neues Album "Donda" ziert jedoch ein minimalistisches schwarzes Quadrat als Cover. So muss er sich zwangsläufig mit dem Konstruktivisten Kasimir Malewitsch messen

Wenn Über-Rapper Kanye West irgendetwas tut oder nicht tut, ist das immer Anlass zu heißen Spekulationen. Wie genau lief seine Trennung von Kim Kardashian? Was bedeuten seine psychischen Zusammenbrüche wirklich? Kandidiert er nun als Präsident? Und wann kommt eigentlich sein lange angekündigtes neues Album?

Zumindest auf seine letzte Frage hat die Hip-Hop-Gemeinde am vergangenen Wochenende eine Antwort bekommen. Da wurde überraschend "Donda" gedroppt, das seit dem über einem Jahr immer wieder angekündigte, aber nie veröffentlichte zehnte Studioalbum des 44-jährigen Musikers, das zuletzt mit visuell ziemlich größenwahnsinnigen Konzerten angeteasert worden war. Das nun verfügbare Werk, benannt nach Wests verstorbener Mutter, bekam gemischte Reaktionen – so schrieb die britische Zeitung "The Daily Telegraph", es sei ganz genauso wie sein Schöpfer selbst: Vom Ego angetrieben, brillant und komplett erschöpfend.

Kaum kommentiert wurde bislang das Cover – vielleicht, weil es sich auf den ersten Blick weigert, eines zu sein: Nachdem seit Monaten verschiedene Designs durchs Netz geisterten, wird die Platte nun durch ein schwarzes Quadrat repräsentiert (falls nicht doch noch ein verspätetes Motiv zum verspäteten Album nachgeliefert wird). Donald Glower, im Musik-Business unter dem Namen Childish Gambino bekannt, meldete gleich an, die interessante Wahl inspiriert zu haben. "Ich liebe es, einflussreich zu sein", schrieb er auf Twitter, während seine Follower umgehend das "Donda"-Cover Seite an Seite mit dem Artwork des Childish-Gambino-Albums "3.15.20" posteten, das genauso monochrom ist, nur in weiß. Frech ignoriert wurde dabei, dass das ursprüngliche Copyright für solch ein Cover wohl immer noch den Beatles mit ihrem "White Album" gehört.

Für Wests "Schwarzes Quadrat" lässt sich allerdings schnell noch ein weiter zurückliegendes Vorbild finden: beim russischen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch. Im fernen Jahr 1915 hängte der Künstler eine Leinwand mit einer schwarz bemalten quadratischen Fläche in eine Präsentation einiger Avantgarde-Künstler in Petrograd mit dem schönen Titel "Die letzte Futuristische Ausstellung der Malerei 0,10". Malewitsch forderte, dass die Kunst sich von der Aufgabe emanzipierte, die Realität darzustellen. Was er stattdessen zeigen wollte, war die "Empfindung der Gegenstandslosigkeit".

"Das Königliche in seiner Wortkargheit"

Er war mit einer ganzen Reihe von Bildern mit schwarzen geometrischen Formen auf weißem Grund vertreten – Kreuze, Trapeze, Rechtecke. Das Quadrat hing ganz oben in der Zimmerecke – ein prominenter Platz, der in der russisch-orthodoxen Tradition normalerweise der Ikone vorbehalten ist. In einem Brief hat der Künstler klargestellt, dass die Platzierung nicht zufällig war: "Ich habe die nackte Ikone meiner Zeit gemalt … das Königliche in seiner Wortkargheit", schreibt er 1918.

Bis heute muss sich jede grafische Abstraktion, jedes monochrome Bild bis hin zur Minimal Art an Malewitsch messen. Und jetzt eben auch das neue Albumcover des Kanye West, der sich selbst sicherlich auch längst für eine unsterbliche Ikone hält. Wobei sein Cover, streng genommen, nur einen Ausschnitt aus dem "Schwarzen Quadrat" zitiert, denn in dem ursprünglichen Gemälde ist das Quadrat eingefasst von einem weißen Rand. Und so richtig schwarz ist es eigentlich auch nicht, denn die Farboberfläche ist mit den Jahren brüchig geworden, und unter diesem Craquelé, wie man in der Malerei dieses Netz aus feine Rissen nennt, scheinen tiefere, hellere Farbschichten hindurch.

So hätte eine wirklichkeitsgetreue Abbildung des eigentlichen "Schwarzen Quadrats", das heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau hängt, vielleicht noch besser zu Leben und Werk von Kanye West gepasst, in all seiner Zerrissenheit. Oder, in den Worten eines anderen berühmten Musikers, Leonard Cohen: "Es ist ein Riss in allen Dingen, so kommt das Licht herein."