Stephan Dillemuth in München

Kapitalistisches Rokoko

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Im Münchner Lenbachhaus macht Stephan Dillemuth den Spielraum des Künstlers in einer von wirtschaftlichen Interessen bestimmten Gesellschaft zum Thema

Ausgerechnet aus Gips sind die Zahnräder, die sich wohl eine Weile ineinandergreifend drehen werden und dann irgendwann zerbröseln. Zahnräder, Vitrinen, in denen sich Kondenswasser und bald Schimmel bildet, explodierte Rokoko-Perücken, Überwachungskameras als Symbole eines aus den Fugen geratenen Sicherheitsbedürfnisses tummeln sich in der Ausstellung von Stephan Dillemuth im Münchener Lenbachhaus.

Die Soloschau des 1954 geborenen Künstlers trägt einen ehrlichen Titel, sie heißt wie sie kostet: "Regulär 10 Euro. Ermäßigt 5". Statt ein ästhetisches Erlebnis zu versprechen - was die ausgesprochen spröde Ausstellung ohnehin nicht einlösen könnte - macht Stephan Dillemuth den Spielraum des Künstlers in einer von wirtschaftlichen Interessen bestimmten Gesellschaft zum Thema. Als "Corporate Rokoko" bezeichnet Dillemuth den kapitalistischen Exzess der Gegenwart.

In Analogie zum höfischen Stil des späten 18. Jahrhunderts sind seine Werke voller Anspielungen auf die spätbarocke Kunst. So hängt in einem der Erdgeschossräume im Lenbachhaus die Skulptur "The Pleasures of Now" von der Decke. Wie in einer Barockkirche existiert zwar ein Betrachterstandpunkt, von dem aus man eine komplette schwebende Figur mit drei Armen und zwei Beinen zu erkennen vermag, aber das Ganzheitliche ist eben nur Behauptung.

Zwar mag es stimmen, dass Geschichte sich nicht wiederholt. Aber Dillemuth sucht immer wieder den Anschluss an historische Kultur, um Probleme der Gegenwart zu erhellen. Seine Rauminstallation "Erfolg" (2007) greift Motive des gleichnamigen Justizromans auf, den Lion Feuchtwanger 1930 schrieb. Das Buch schildert den gesellschaftlichen Bruch, den die kurzlebige Münchener Räterepublik 1919 herbeigeführt hatte - und die reaktionäre Gegenbewegung, die mit kaum wahrnehmbaren politischen Weichenstellungen einherging und letztlich in die NS-Diktatur führte. Interessant für Dillemuth ist die Verankerung des Feuchtwanger-Romans im Museumsmilieu. Hauptfigur ist ein Kunsthistoriker, der mit der Politik in Konflikt kommt, weil er moderne und damit missliebige Kunstwerke für die Staatlichen Gemäldesammlungen in München anschafft und ausstellt. Drei der Bildwerke, die im Roman eine Rolle spielen, wurden von Dillemuth für die Installation realisiert. Eine Reihe von Miniatur-Überwachungskameras unter einer Vitrine verknüpfen den historischen Roman mit dem Thema sozialer Kontrolle im 21. Jahrhundert.

Der Künstler als Mahner? Oder will Dillemuth nur den gesellschaftlichen Ist-Zustand beschreiben? Als Professor an der Münchener Akademie weiß der Künstler, wie prekär Kommunikation ist. Ein Scheinwerfer blinkt einen binären Code auf einen Kreis gekochter Pasta. Bei dem Code handelt es sich um Botschaften an Außerirdische, die seit 1974 von einem Radioteleskop in Puerto Rico aus ins Weltall geschickt werden. Der Nutzen des Kontaktversuchs ist seither hoch umstritten. Da ist es doch viel wahrscheinlicher, dass ein Künstler wie Dillemuth sein Publikum findet. Denn bei aller Systemkritik: Die Werke machen einfach Spaß. Und Humor zündet immer.

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