Die Künstlerin Kara Walker sagt sehr deutlich, was gesagt werden muss, lässt sich deshalb aber noch lange nicht auf irgendetwas festlegen, und schon gar nicht von irgendjemandem. In Berlin stellt sich die US-Amerikanerin jetzt mit einem zweiten Vornamen vor: "Kara Elizabeth Walker presents Dispatches from A – and the Museum of Half-remembered Histories", so lautet der Titel ihrer Ausstellung in der Galerie Sprüth Magers. Und so altmodisch und ehrfürchtig wie das klingt, ist dieses Rollenspiel auch gemeint.
Wir dürfen uns diese Elizabeth als eine Privatsammlerin des 19. Jahrhunderts vorstellen, die in ihren Salon geladen hat, um ihre neuesten Schätze zu präsentieren. Das Entree der Galerie ist in einem warmen Altrosa gestrichen, der Hauptraum üppig mit Bildern behängt, viele von ihnen so groß wie Historienmalerei. Kanapees werden nicht gereicht, und vielleicht ist das ganz gut so, denn sie dürften der feinen Gesellschaft – uns – angesichts der Bildinhalte im Halse stecken bleiben.
Die "Depeschen aus A" schicken uns auf eine ungeschönte Reise quer durch die amerikanische Geschichte. Statt kühner Helden, erhabener Landschaften und triumphalen Fortschritts zeigt dieses "Museum der halb-vergessenen Geschichten" einen Zirkel aus Gewalt, Ausbeutung und Unterdrückung. Aktuelle Bezüge zum revanchistischen Nationalismus Donald Trumps liegen auf der Hand, doch Walkers Kunst geht tiefer.
"Das zweite Thanksgiving" als Antwort auf den Gründungsmythos
Für ihre neuen Werke hat sie sich von einer illustrierten Ausgabe der "Popular History of the United States" aus den 1870er-Jahren inspirieren lassen. Sie ist durch die Mythen und Legenden gegangen, die das Geschichtsbild bis heute verklären und in den Alltag hineinragen. Ihr "The Second Thanksgiving" etwa setzt sich mit der Tradition des amerikanischen Festes auseinander und erinnert daran, dass bei diesem Nationalfeiertag Ende November neben Truthahn, Mais und Süßkartoffeln immer auch eine kräftige Portion Gründungsmythos serviert wird. Als die europäischen "Pilgerväter" im Jahr 1620 im heutigen Massachusetts landeten, hätten sie den ersten Winter ohne Hilfe der einheimischen Wampanoag nicht überlebt, die ihr Essen mit den Ankömmlingen teilten und ihnen Anbautechniken beibrachten.
Aus Dankbarkeit feierte man ein gemeinsames Fest, so jedenfalls geht die Erzählung. Dass die Kolonisten keine Dankbarkeit, sondern Völkermord, Sklaverei und Landraub brachten, wird bei diesem Familienfest bis heute unter den reich gedeckten Tisch gekehrt.
Walker treibt dieses Zerrbild friedlicher Koexistenz auf die Spitze, bis es kollabiert: In ihrer Collage fliegen Körper durch die Luft, greifen Hände – Hilfe suchend oder raffgierig? – ins Leere, suchen Beine nach ihrem Rumpf, Hüte nach einem Kopf. Karikaturhaft überzeichnete schwarze, weiße, rote Gliedmaßen wirbeln durch den Raum, sie scheinen befreit und ungebunden, aber auch orientierungslos. Nichts ist mehr an seinem Platz, nichts passt wirklich zusammen in dieser Erzählung.
Hoch den Berg und nichts zu sehen
In diesem Zusammenspiel von Präzision und Offenheit, satirischer Überspitzung und schmerzhafter Pointen liegt die Stärke von Walkers Kunst. Wir besteigen "The Mountaintop", den Martin Luther King in seiner letzten Rede vor seiner Ermordung heraufbeschwor, und blicken in ein Panorama, das weniger dem gelobten Land als einem Hieronymus-Bosch-Chaos gleicht. Schwarze Gliedmaßen auf weißem Grund ergeben "No Land to Stand on", von Bäumen hängende Lynch-Opfer heißen "Hopeless Romantic".
Den Topos von der erhabenen amerikanischen Landschaft zerlegt die Künstlerin mit einer Gouache voller Pflanzen und Körper und nennt das Ganze beißend ironisch "A Sublime Landscape with No One In It". Die Fetischisierung politischer Macht und den alten/neuen Machismo nimmt das Bild "Project 2025" aufs Korn. Es zeigt einen riesigen nackten Mann, der die Welt unter sich penetriert.
Form und Inhalt finden bei Walker kongenial zusammen. Ihre Scherenschnitte, Zeichnungen und Cut-Out-Collagen, die sie in Berlin erstmals auch in leuchtenden Aquarellfarben präsentiert, zerlegen das geschichtsklitternde Bild ins Fragmentarische, trennen Mythos und Wahrheit, Mensch und Stereotyp.
Den Ausweg müssen wir selbst finden
Was dabei herauskommt, erinnert mal an einen Tanz, mal an eine Schlachtplatte, mal an einen Strudel aus Körpern, Symbolen, Landschaften. Formen lösen sich auf und fügen sich wieder zusammen, alles liegt nah beieinander: das Brutale und das Schöne, Utopie und Abgrund. Nimmt sie Anleihen bei der Kunstgeschichte und Historienmalerei, so wirkt es wie eine Mimikry, handwerklich brillant, aber in ironischer Distanz zu jenen ästhetischen Mitteln, die zur Beschönigung der Realität instrumentalisiert wurden.
Wir sehen Stillleben im Stile niederländischer Meister, wo zwischen Mangold und Spargel abgetrennte Füße und Köpfe verstreut sind und das blutige Fundament des kolonialen Luxus heraufbeschwören. Wir sehen Ku-Klux-Klan-Figuren, die an Philip Gustons Malerei erinnern, wir sehen eine Collage der US-Präsidenten von Abraham Lincoln bis Donald Trump, deren Silhouetten kaum zu unterscheiden sind.
In der Fülle der Referenzen fördern Kara Walkers Werke einen zentralen Gegensatz nicht nur der amerikanischen Geschichte zutage: Jene Wegmarken, die für die einen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einläuteten, brachten für die anderen Unterdrückung, Rassismus, Sexismus, Tod. Ihr Gegen-Museum bietet keine Versöhnung, sondern konfrontiert uns mit diesem Widerspruch. Den Ausweg müssen wir selbst finden.