Katharina Wulff in Baden-Baden

Gemalte Screenshots aus Träumen

Katharina Wulffs Gemälde öffnen rätselhafte Bildräume zwischen Traum, Erinnerung und Unbewusstem. Die Kunsthalle Baden-Baden widmet der Berliner Malerin nun eine sehenswerte Retrospektive

Wie sieht wohl eine "Landschaft für glückliche Hexen" aus? Geht es nach dem gleichnamigen Gemälde von Katharina Wulff, brauchen Hexen nicht viel, um happy zu sein: diffuses Licht, bemooste Felsen, spärlicher Baumbewuchs, eine Höhle und aufsteigender Nebel. Die Doppeldeutigkeit des Adjektivs "unheimlich" findet sich hier wunderbar ins Bild gesetzt. Denn diese Landschaft ist zugleich schön unheimlich – und unheimlich schön. Sie offenbart sich als Terrain idealer Natur und führt damit geradewegs auf den unendlichen Pfad menschlicher Vorstellungen, der sich durch dieses Gelände seit Jahrhunderten schlängelt. 

Das Gemälde von 2008 ist Teil der ersten umfassenden Retrospektive der 1968 in Berlin geborenen Malerin. Die Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden zeigt: Gegenwärtig verschränkt niemand Magie und Wirklichkeit so wunderbar feinziseliert wie Katharina Wulff. Ihre nuancierten Bilder mit den kunstvollen Texturen erscheinen seltsam realistisch und verrätselt zugleich. Sie entwickeln einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

"Arabesken in Arabesken" – der Titel dieser von Christina Lehnert wunderbar präzise und sensibel kuratierten Gesamtschau mit rund 40 Werken klingt nach doppeldeutiger Verwobenheit. Ursprünglich geht der Begriff auf das italienische Wort "rabeschi", die Ranken, zurück. Als künstlerisches Rankenornament aus stilisierten Pflanzenformen wird die Arabeske oft zur Verzierung von Architekturen genutzt. 

Aus den Tiefen der Psyche

Bei Wulff zielt die Auseinandersetzung mit dem Dekor aber auch auf etwas Tiefersitzendes, auf das Psychische. Ihre Bilder erzählen letztendlich vom menschlichen Denken, Fühlen und Verhalten. "La décoration de l’âme" – die Verzierung der Seele – hieß eine frühere Ausstellung von Wulff. Und die Seele ist es auch, mit der oft Schönheit assoziiert wird. Daher hat auch das Hässliche und Schmerzhafte dort seinen Ursprung. Die Künstlerin schürft ihre Motive in den Tiefenschichten der menschlichen Psyche und bringt sie mit verführerischen Farben auf die Leinwand.

Ja, es stimmt: Eine gewisse Sympathie für geschwungene, sich zu Mustern verdichtende Formen – wie das Bild sanft anrollender Wellen an einen surrealistischen Strand ("Zwei ernsthafte Damen", 2003) oder ein geschmiedetes Fenstergitter in einer Stadtlandschaft ("Der Tagträumer", 2005), zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Das Ornament betont auch dort Festigkeit und Halt, wo eine Biografie als beschädigt erscheint, wie etwa bei den unbetitelten Porträts zweier Frauen, die Wulff zwar mit detailreich ausdefinierten Lockenfrisuren, aber entweder ohne Mund oder ohne Augen gemalt hat.

 

Katharina Wulff "Arabesken in Arabesken", Ausstellungsansicht, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 2026
Foto: Stefan Altenburger

Katharina Wulff "Arabesken in Arabesken", Ausstellungsansicht, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 2026


Unheimlich wirkt auch das großformatige Bild "Der Waldspaziergang" von 2002, das eine Gruppe von Menschen in einer schwer zu dechiffrierenden, untergründig gewaltvoll scheinenden Szene zeigt. Solche Bilder wirken wie Screenshots aus einem Traum. Alltagsfragmente, Emotionen, Erinnerungen und unbewusste Wünsche oder Ängste verschmelzen zu Szenen, die Fragen aufwerfen. "Woher kommt Ihr?" heißt etwa eines dieser Bilder von 2003. Es zeigt eine Mädchenfigur, die interessiert zwei durchscheinende Gestalten betrachtet. Im Hintergrund findet sich eine Märchenlandschaft mit einer verwunschenen Burg. Verdichten sich diese Erscheinungen oder sind sie in Auflösung begriffen? Woher kommen die Gestalten, die uns im Traum erscheinen? Was bedeuten sie? So ruft die Ausstellung noch einmal auf bildhafte Weise in Erinnerung, dass in der Kunst – wie im Traum – das eigentlich Unmögliche möglich ist: die Unumkehrbarkeit der Zeit etwa, die Prinzipien der Naturgesetze oder die Begegnung mit Geistern aus der Vergangenheit. 

Mehr Ahnung als Wissen

Über den Zusammenhang von Wissen, Erinnerung, Fantasie und Traum formulierte der Psychologe Wolfgang Tunner einmal, dass das, was uns aus dem Gedächtnis bewusst wird, nur einen kleinen Teil dessen ausmacht, was in ihm gespeichert ist. Lebensgeschichtliche Erfahrungen erscheinen deshalb oft eher als Ahnung denn als gesichertes Wissen – und genau hier kommt dem Traum eine besondere Rolle zu. Träume funktionieren demzufolge oft wie ein Fenster in das bewusste und das unbewusste Wissen. Sie sind wie "ein vom Gedächtnis inszeniertes Schauspiel".

Und dieses Schauspiel kann überall stattfinden. Subtile Referenzen finden sich in Wulffs Bildern verwoben, etwa im Gemälde "Grand Hotel Tazi" von 2016. Das traditionsreiche Hotel befindet sich im historischen Zentrum von Marrakesch. Der Künstlerin ist dieser Ort vermutlich wohlvertraut, denn neben Berlin ist die marokkanische Metropole seit vielen Jahren ihre zweite Heimat. Wulff malte die Lobby des berühmten Gebäudes, in dem einst auch Elias Canetti und Hubert Fichte wohnten. Letzterer arbeitete bis zu seinem frühen Tod bekanntlich an einem mehrteiligen Romanzyklus "Geschichte der Empfindlichkeit". 

Und Empfindlichkeit im Sinne von Empfindungsfähigkeit ist vielleicht auch ein gutes Stichwort für die Betrachtung der Kunst von Katharina Wulff. Denn ihre Bilder öffnen Räume, die etwas Ungefähres aufscheinen lassen und zeigen Szenen, die ihr Geheimnis wahren. Sie erinnern an die Undurchschaubarkeit von Ereignissen, Personen oder Dingen, die selbst dann bestehen bleibt, wenn sie ganz klar erkennbar sind. Die Unauflösbarkeit von Rätseln kann im Leben etwas Schmerzhaftes haben, in der Kunst aber ist sie Teil des Genusses.