An die 150 Museen gibt es in Berlin, und man fragt sich, ob es überhaupt ein Thema gibt, das nicht museal erfasst und aufbereitet wird. Und doch gibt es eine Fehlstelle, eine erhebliche sogar: Die Geschichte des Exils – genauer: die des Exils vor dem NS-Regime – wird nirgends als zentrales Thema einer historischen Darstellung erzählt. Ja, Geschichtsmuseen gibt es mehrere in der deutschen Hauptstadt, und ja, das Exil kommt in deren Erzählungen auch vor. Aber nirgends bildet es die Hauptsache.
Das zu ändern, war der Impuls, der den Kunsthändler und Gründer des Auktionshauses Villa Grisebach, Bernd Schultz, zur Gründung des Exilmuseums brachte. Im Jahr 2018 war es soweit. Schultz als begnadeter Netzwerker war genau der Richtige, um die Idee eines Museums in die konkrete Form einer rechtsfähigen Stiftung zu gießen. Als Museumsmacher gewann er Christoph Stölzl, der als Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums zur Genüge bewiesen hatte, dass man ein Geschichtsmuseum auch heutzutage noch vom Nullpunkt aus aufbauen und dabei eine gehaltvolle Sammlung zusammenbringen kann.
Auch mit dem Exilmuseum ging es voran. So konnten Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und Ex-Bundespräsident Joachim Gauck als Fürsprecher gewonnen werden. "Die Eröffnung des Museums ist für 2025 geplant", hieß es selbstbewusst in der Image-Broschüre von 2020.
Das Museum wird in seinem Interims-Domizil bleiben
Doch die Dinge zogen sich in die Länge. Ein schwerer Schlag war der unerwartete Tod Stölzls im Januar 2023 in seinem bayerischen Landhaus. Mit der aus Großbritannien stammenden Kulturmanagerin Ruth Ur gelang es, wenn auch erst nach einer Unterbrechung von reichlich zwei Jahren, eine respektable Nachfolgerin an der Spitze der Stiftung zu finden. Im Juni 2025 nahm sie, die unter anderem fünf Jahre lang die Jerusalemer Stiftung Yad Vashem in Deutschland vertreten und in dieser Funktion mehrere historische Ausstellungen kuratiert hatte, die Arbeit auf.
Danach hörte man kaum mehr etwas vom Exilmuseum. Bis Ruth Ur am Freitag bekannt geben musste, dass es zu dem geplanten und der Öffentlichkeit in aller Breite bekannt gemachten Neubau für das Museum am Anhalter Bahnhof nicht kommen werde. Die Kosten, die mittlerweile auf 130 Millionen Euro geschätzt werden und damit das Fünffache der beim Architekturwettbewerb kalkulierten 27 Millionen, lassen sich, so Ruth Ur, auf dem Wege des Fundraising schlichtweg nicht aufbringen. Nicht zu diesen Zeiten, möchte man ergänzen, und nicht in Deutschland, wo private Finanzierung immer noch die Ausnahme darstellt.
Stattdessen soll das Museum in seinem Interims-Domizil, der Stadtvilla in der Charlottenburger Fasanenstraße, die zuvor das Käthe-Kollwitz-Museum beherbergt hatte, nunmehr auf Dauer untergebracht bleiben. Auf Dauer bedeutet, dass die bislang fehlende Barrierefreiheit des einstigen Wohnhauses durch Einbau eines Fahrstuhls hergestellt werden muss – wie es derzeit nebenan, in einer weiteren der übrig gebliebenen Stadtvillen des 19. Jahrhunderts, beim Literaturhaus im Rahmen einer mehr als anderthalbjährigen Umbauphase geschieht. Was also auch keine Kleinigkeit darstellt, die man für eine temporäre Nutzung auf sich nähme.
Das traurige Ende einer großen Idee
Es ist also nicht bloß eine Verkleinerung, die am Projekt Exilmuseum vorgenommen wird. Es ist vielmehr das traurige Ende einer großen Idee. Mit dem 2020 ausgelobten Wettbewerb für einen Neubau am Anhalter Bahnhof unter Einbeziehung der Ruine, die allein von diesem hauptstädtischsten aller alten Berliner Bahnhöfe übrig geblieben ist, machte die Stiftung deutlich, dass sie eine Institution von einer dem schräg gegenüber angesiedelten Dokumentationszentrum zu Flucht und Vertreibung gleichrangigen Bedeutung sein will.
Und dass sie im Stadtbild unübersehbar sein will. Der Wettbewerb des Jahres 2020, aus dem der einhellig gelobte Entwurf der dänischen Architektin Dorte Mandrup als Sieger hervorging, unterstrich die Ambition deutlich. Mandrups Entwurf, der den beim Abriss der kriegsbeschädigten Bahnhofsruine im Jahr 1959 stehen gelassenen Portikus wie eine Reliquie umfängt, hätte ohne jede Hinweistafel verständlich gemacht, dass das Exilmuseum genau an dieser Stelle stehen muss: Dort, wo Tausende aus ihrem Leben gerissene Exilanten dem NS-Regime gerade noch entkommen konnten, während nur wenige Jahre später ab 1941 Deportationszüge diejenigen in Konzentrationslager und den Tod führten, denen diese Flucht nicht mehr gelungen war.
So wäre der anfangs auf 27 Millionen Euro geschätzte Neubau selbst zum stärksten Exponat des Museums geworden; eine sprechende Architektur ohne jeden falschen Zungenschlag. 3500 Quadratmeter Nutzfläche hätten sich hinter der Backsteinfassade für Museumszwecke aufgetan, dazu 700 Quadratmeter für den Bezirk Kreuzberg. Damit konnte sogar die komplizierte Frage, wie die eigentlich auf dem Grundstück hinter dem Portikus geplanten Einrichtungen für Breiten- und Vereinssport berücksichtigt werden können, zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst werden – für Berliner Verhältnisse ein Meisterstück.
Das große Geld sitzt nicht in Berlin
Der Entwurf des Museumsneubaus werde "weiterverfolgt", wird Ruth Ur nun in den Medien zitiert, ohne dass dazu eine nähere Erläuterung folgte. "Ich finde ein kleines Museum spannender", sagt sie vielmehr, dem Berliner "Tagesspiegel" zufolge: "Ein Haus ist ganz was anderes." Damit verbinde man "Gastfreundschaft und Großzügigkeit". Bislang fand im Haus Fasanenstraße 24 die "Werkstatt Exilmuseum" als eine Art Vorspiel zum Museumsbetrieb statt – und wird nun zum eigentlichen Museum selbst.
Ruth Ur versucht mit ihren Worten Optimismus zu verbreiten, so als ob der Verzicht auf den Neubau zugleich eine Last von der Stiftung nähme. Stattdessen ist es das Eingeständnis eines vollständigen Scheiterns. Bereits rund um den Architekturwettbewerb war gemutmaßt worden, dass der Neubau ohne substanzielle Beteiligung der öffentlichen Hand, mithin des Bundes nicht zu realisieren sein würde.
Dass Initiator Bernd Schultz selbst einen Betrag von sechs Millionen Euro durch Veräußerung seiner eigenen Kunstsammlung an den Anfang setzte, fand in Berlin als seltene Geste privaten Mäzenatentums Anerkennung – aber keinerlei Nachfolge. Das verwundert nicht wirklich. Das große Geld sitzt nicht in Berlin, sondern in der "alten" Bundesrepublik zwischen Hamburg, Frankfurt am Main und München.
Immerhin könnte man fragen, ob der Bund, der gerade einen Museumsneubau nicht zuletzt für die Unterbringung einiger privater Kunstsammlungen errichten lässt – das Berlin Modern für rund 500 Millionen Euro –, nicht auch eine private Initiative zu der seinen machen müsste, die eine veritable Lücke im Museumswesen füllt. Und nicht irgendeine Lücke, sondern eine, die mitten auf die zerrissene Geschichte dieser Stadt zielt, die eben auch eine Geschichte ist von Flucht, Vertreibung und erzwungenem Exil.