April, April!

Keine Documenta am Tegernsee

Foto, Alpenwiese mit Bänken; Menschen blicken auf See und Berge; Kühe weiden unter Wolken.
Foto: dpa

Deutschland ist nicht nur Kassel, nicht nur Berlin, nicht nur woke Konzeptkunst: Am Tegernsee ist die Welt noch in Ordnung

Wolfram Weimer ist zwar Verleger, aber dass er als Kulturstaatsminister die Documenta an den Tegernsee verlegt, war ein Aprilscherz. Die Weltkunstschau bleibt in Kassel

Die Nachricht schlug ein wie eine Arschbombe im Tegernsee: "Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer kündigt den radikalen Umbau der Documenta an", meldete Monopol am Mittwoch. "Umzug von Kassel an den Tegernsee, neue Spielorte bis Neuschwanstein und veränderte Strukturen sollen der Weltkunstschau einen Neuanfang geben." 

Aber: April, April! Nichts davon ist wahr. Puh!

"Weimer ist, wenn man nicht weiß, ob‘s ein Aprilscherz sein soll oder nicht", schrieb eine Facebook-Nutzerin unter der Monopol-Meldung. Viele trauen offenbar dem Kulturstaatsminister vieles zu: Fast habe man der Nachricht geglaubt, war immer wieder in den sozialen Netzwerken zu lesen. Der parteilose Weimer war zuletzt in die Kritik geraten, nachdem er drei linke Buchläden wegen angeblicher "verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse" von der Liste des Deutschen Buchhandlungspreises gestrichen hatte – obwohl die Auswahl von einer unabhängigen Jury getroffen worden war.

Dass es sich dabei nicht um einen Ausreißer handelt, zeigt ein weiterer aktueller Fall – auch der war kein Aprilscherz: Vertreter des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sollen in die Auswahl des Hauptstadtkulturfonds eingegriffen und eine Juryentscheidung revidiert haben.

Weg mit den Widersprüchen!

Mit einer Verlegung der Documenta, deren Ausgaben stets von Skandalen und Skandalisierungen begleitet sind, an die Tegernsee-Idylle ließen sich vielleicht einige unangenehme Widersprüche der deutschen Gegenwart und Gegenwartskunst vergessen: ein Panorama wie gemalt, klare Luft, gepflegte Uferpromenaden, Villen mit diskret zurückgezogenen Gärten. Hier, wo zwischen Tracht und Tesla, Segelboot und Sterneküche die Welt noch in Ordnung ist, würde die Documenta vielleicht auch  Weimers eher traditionelles Kunstverständnis einlösen.

Und er hat enge persönliche und geschäftliche Verbindung in die Region: Am Tegernsee liegt sein Wohnsitz, die Weimer Media Group unterhält dort Büros, außerdem rief er dort 2014 den Ludwig-Erhard-Gipfel ins Leben, wo Vertreter von Medien, Politik und Unternehmen sich vernetzen.

Doch eine Documenta am Tegernsee bleibt zum Glück ein Aprilscherz. Welche Überraschungsmeldung dieser unberechenbare Kulturstaatsminister als Nächstes liefert, lässt sich auch von uns nicht vorhersagen.
 

Zweiseitiger Aushang mit Text und s/w-Foto am Buchladenfenster; dahinter Bücherregale.
Foto: Gerrit Terstiege

Der Monopol-Aprilscherz am Mittwoch im Schaufenster der Buchhandlung Walther König in Köln