Zum 1000. Mal "Espresso"
Die diesjährige Met-Gala anzusehen, war, als ob die liberale Hölle der Popkultur einfriert. Jeder konnte sehen, dass diese "Wohltätigkeitsveranstaltung" eine herzlose, hirnlose Machtdemonstration ist, mit der Botschaft, dass nur noch Geld, Besitz und Skrupellosigkeit zählen, ganz im Sinne von Trumps Mobster-Kapitalismus. Trotzdem oder gerade deshalb sah das aus wie immer, wie ein buntes, diverses Spektakel, mit queeren, trans- und afrofuturistischen Einsprengseln, mit vielen Popstars und Hollywood-Schauspielern aus der "Resistance", die einfach nicht genug Haltung hatten, der Werbeveranstaltung des großen ICE-Unterstützers und Gewerkschaftsfeindes Bezos fernzubleiben.
Sabrina Carpenter sang zum 1000. Mal "Espresso", wieder Elben, "Game of Thrones"-Königinnen, Geister (Heidi Klum als Geist der Freiheitsstatue), Cyborgs, untote Non-Binary-Dandys, Hohepriester. Leute aus der Epstein-Klasse, die unsterblich wirken wollen, wie Götter. Leute, die ihre Diäten, extrem modifizierten Körper, die Ozempic- und Mar-a-Lago-Faces als eine Form von Protest gegen das prollige, diabetische, fette, prekäre Leben ansehen, ihr eigenes Fantasy-Reich gründen.
Niemand glaubt noch das, was da performt oder gezeigt wird, erst recht nicht jene, die es inszenieren. Du kannst, wie der hotte "Gilded Age"-Hauptdarsteller Morgan Spector, für Palästina und Meinungsfreiheit, gegen imperialistische Kriege, gegen Trump und ICE eintreten und da kommentarlos mitmachen. "Man sieht doch schon an meinem genau kuratierten Look, dass ich auf keinen Fall diese Diktatur unterstützen möchte."
"Leute, die ihreigenes Fantasy-Reich gründen": Zur Met-Gala erschien Heidi Klum als steinerne Statue im Metropolitan Museum of Art
Als die Moral plötzlich ohne Hüllen dastand
Es mag ein knallharter Kulturkampf herrschen, in dem alles, was der Rechten nicht passt, skandalisiert, kriminalisiert wird, in dem Förderungen entzogen, Institutionen und demokratische Netzwerke Stück für Stück zerstört oder gekapert werden. Doch der eigentliche Erfolg ist, wie schnell eine Situation eingetreten ist, die Hannah Arendt in ihrer als "Über das Böse" bekannt gewordenen Ethik-Vorlesung von 1965 beschreibt: "Unter den vielen Dingen, von denen man zu Beginn dieses Jahrhunderts immer noch annahm, dass sie 'dauerhaft und lebenswichtig' wären, und die doch nicht überdauert haben, habe ich die moralischen ausgewählt".
Und dann, wie mit der Machtergreifung "Regeln oder Normen, aufgrund derer Menschen gewöhnlich Recht von Unrecht" unterscheiden, quasi "ohne große Vorwarnung" über Nacht zusammenbrachen, "als die Situation eintrat, dass die Moral plötzlich ohne Hüllen dastand, als ein Kanon von 'mores', Sitten und Manieren nämlich, der gegen einen anderen eingetauscht werden konnte, ohne dass es mehr Mühe gekostet hätte, als die Tischmanieren eines Einzelnen oder eines Volkes zu verändern". Das erinnert sehr an heute, an eine Situation, in der wahrscheinlich nichts von dem, von dem wir annahmen, es sei dauerhaft, überdauern wird. In der nicht nur die Fashion- und Unterhaltungsindustrie, sondern auch weite Teile des kommerziellen Kunstbetriebs angesichts der Gefahr einer neuen Form von Faschismus antidemokratische Tendenzen mit ihrem Schweigen legitimieren.
Wo ist der Clavicular für den Schinkel Pavillon?
Vor ein paar Jahren hätte man sich vorgestellt, dass eine rechte Zukunft in der Kultur so aussieht wie "1984", Amazons "The Man in the High Castle" oder "The Hunger Games". Doch die Wirklichkeit sieht bunter aus, ist aber viel öder. Es fehlt an Überzeugungen oder Zukunftsentwürfen. Sie ist "in it for the money". Irgendwie will man sich da möglichst viele Optionen offenhalten, die rentabel sind, schön extrem anbräunen, aber aus der Mitte der Gesellschaft. Es gibt im Mainstream-Kunstbetrieb, anders als in der Politik oder im Netz, immer noch keine offen rechte Kunst, die im Diskurskontext gezeigt wird, die man ernsthaft kritisieren oder debattieren könnte. Wo sind die rechten Kunststars? Wo ist der Clavicular für den Schinkel Pavillon?
In Deutschland erzeugen die Verbote und Kürzungen von Wolfram Weimer und der CDU ein langweiliges, freudloses Vakuum. Sie fördern KI-haftes, affirmatives Benehmen: Man tut oder sagt einfach das, was erwartbar ist, je nach politischem Spektrum des Umfelds. Dass gerade jetzt in der Mainstream-Kunstkritik und den Institutionen, anders als in anderen Bereichen, so wenig Gegenwehr herrscht, so wenig deutliche Widerworte kommen, obwohl es angeblich doch alles so "linksextrem" ist, ist erstaunlich.
Dem links-versifften Kunstbetrieb zeigen, wo es langgeht
Nur die Rechte sitzt ungerührt im Sattel. Feuilletonisten, Politiker, Podcaster, Influencer, Unternehmer geben sich wie eine rechtskonservative Avantgarde, die dem linksversifften Kultur- und Kunstbetrieb mal zeigt, wo es langgeht, was sie für Idioten, Spinner und Antisemiten sind. Diese Leute attestieren, dass da die "Lernkurve" fehlt, beklagen, man hätte die Realität immer noch nicht begriffen, als wären sie Grundschullehrer und alle anderen Gören aus dem antiautoritären Kinderladen, die mal eine Schelle brauchen. Doch woher kommen diese nuggets of wisdom, dieses Selbstbewusstsein?
Den rechten Kulturkämpfen, der ganzen Hetze und Angstmache, steht ein kümmerliches kulturelles Ergebnis gegenüber. Institutionen und Räume werden zerstört, doch es wächst nichts nach, keine aktuelle rechte Kultur. So öde wie die verkaufte Met-Gala ist auch der US-Pavillon auf der gerade eröffneten Kunst-Biennale in Venedig, wo nicht etwa neue MAGA-Kunst oder, wie mal vorgeschlagen, die Vergewaltigungsfantasien des Vordenkers der extremen US-Rechten, Curtis Yarvin, gezeigt werden, sondern die belanglosen, gigantomanischen Werke eines im Kunstbetrieb wenig bekannten Bildhauers, Alma Allen. Der arbeitet in Mexiko-Stadt, schafft riesige, klumpige Skulpturen, in die die Kreidezeit, diverse Mythologien, Henry Moore und der Surrealismus eingebacken sind. Sie sehen original so aus wie Interior Design für Lobbys von Hotels oder Corporations.
Gefährlicher Gruppenzwang
Die Rechte propagiert eine kommerzielle Kunst, die angeblich "apolitisch" oder "normal" sein soll, die dem etablierten Kanon folgt. Kunst, so lautet das Credo, soll nicht ideologisch instrumentalisiert werden, auch keinem erweiterten Kunstbegriff folgen – zu dem eben auch Aktivismus, Partizipation und Protest gehören. Eine Headline zu einer Rezension von Hans-Joachim Müller, der in der "Welt" eine Ausstellung des Malers Alex Katz besprach, fasst das gut zusammen: "Keine Haltung, nirgends Gesinnung, null Bedeutung – nur die Sensation purer Malerei".
Früher wäre das der Titel für eine zynische Kritik gewesen, heute ist das tatsächlich als Lob gedacht. Wenn irgendwas in der Kunst nur den Verdacht erregt, "politisch" zu sein oder alternative Formen von Gemeinschaft sucht, wird versteckte Propaganda gewittert. Oder gefährlicher "Gruppenzwang", wie es Gesine Borcherdt gerade in der "Welt" ausgerechnet Marina Abramovićs Gruppenperformances in der Balkan-Ausstellung im Gropius Bau attestierte: "Wer die stille, autonome Erfahrung von Kunst durch Gruppengefühle und erwünschte Beteiligung ersetzt, schafft Kontrollstrukturen, um Menschen emotional zu konditionieren." Ave Marina! Meine Nachbarin fliegt auf einem Besen zum Blocksberg! Das hört sich an, als würde der liberale Kunstbetrieb das eigenständige Denken unmöglich machen und uns, wie in Lina Lapelytės Performance-Installation "We Make Years Out of Hours" im Hamburger Bahnhof, alle in homogene, hirngewaschene Bauklötzchen verwandeln, wie Borcherdt befürchtet.
Eine reaktionäre, gutsherrenartige Haltung
Diese an den Haaren herbeigezogene Polemik gegen partizipative Kunst ist nicht nur Clickbait. Welches Denken sich hinter diesem Vorwurf der "Politisierung" verbirgt, offenbart das Gegenmodell zum Gruppenzwang – die von Cornelius Tittel, dem "Welt"-Chef von Borcherdt, kuratierte Ausstellung "The Self Assessed" in der Galerie Max Hetzler. Ausgestellt werden künstlerische Selbstporträts von fast durchweg weltberühmten Künstlern und Künstlerinnen, die Kunstgeschichte geschrieben haben. Das reicht von Paula Modersohn-Becker, Giorgio de Chirico über Jeff Koons, Georg Baselitz, Albert Oehlen, Cindy Sherman, Tracey Emin bis zu jüngeren Positionen wie Michaela Eichwald. Wie der Titel schon andeutet, brauchen diese Genies keine Beurteilung durch andere, kein Feedback von der Kunstkritik, sondern sie beurteilen sich selbst, wie in einem Spiegel.
Auch in der Ausstellung hängen ihre Werke wie Solitäre nebeneinander, sehr viel Austausch gibt es nicht, weder inhaltlich noch formal. Es geht ja schließlich um monolithische Positionen, die aus dem Brei der Masse herausragen, wie Leuchttürme, eine Art Olymp, zu dem nur wenige Zutritt haben. Diese konservative Vorstellung von der Autonomie des Kunstwerkes entspricht aber nicht unbedingt der Intention aller teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler. Sicher hätte man mit denselben Werken auch eine andere Geschichte erzählen können, die den Fokus auf Dialog, Austausch, Kritik, Politik richtet.
An der weihevollen Hängung wird interessanterweise deutlich, welche politischen, ideologischen, kontextuellen Implikationen formale oder ästhetische Entscheidungen haben, wie das auch die Wirkung des vermeintlich autonomen Werkes prägt oder völlig ändern kann. Natürlich erzählt diese Show nicht nur von der Sensation purer Malerei, sondern von Einzelgenies, einer Art qualitativer Hierarchie in der Kunst, die durch die Interaktion mit den Medien, den Massen, den akademischen Institutionen eher behindert als gefördert wird.
Installationsansicht "The Self Assessed", Galerie Max Hetzler, Berlin, 2026
Mir hat auch niemand eine Förderung gegeben
Die Idee des "Self-Assessments" oder des "Self-Made" verbindet sich mit konservativen Stimmen in den Feuilletons, Unternehmern, Sammlern, Superreichen, den Playern, die sich selbst genauso beurteilen. Ihr Erfolg ist keiner Gemeinschaft, keinen Mitschöpfern und Helfern geschuldet, sondern ganz und gar selbstgemacht und selbst verdient. "Mir hat auch niemand eine Förderung gegeben oder Geld geschenkt! Warum soll der marode, indoktrinierende Kulturbetrieb denn dann von meiner Knete mitfinanziert werden? Die sollen selbst arbeiten gehen und Pizzabäcker werden, wenn sie von der Kunst nicht leben können."
Diesem zutiefst sozialen Darwinismus wird im Kunstbetrieb meist nicht linke Kritik, die Forderung nach tatsächlicher, demokratischer Reformierung der Institutionen entgegengesetzt, sondern eben diese partizipativen, rituellen Ersatzhandlungen und Wohlfühlveranstaltungen, die jetzt nicht ganz zu Unrecht bei der Rechten auf der Abschussliste stehen. Nicht etwa, weil sie gefährlich oder indoktrinierend sind, sondern weil sie keine wirkliche Gegenwehr zum Abbau der Institutionen und demokratischen Strukturen mehr darstellen. Ein ehrlicherer Kommentar würde nicht irgendeine obskure Indoktrination wittern, sondern, wie so oft in diesen Fällen, sagen: "Super, weitermachen! Dann haben wir weniger Arbeit, euch abzuschaffen, das macht ihr schon selbst." Zum Abschied haut man aber gerne noch mal drauf, das sieht gewagt aus, kostet nichts.
Das Politische wird ästhetisiert
Dass sie sich jetzt genau überlegen müssen, wie sie mit diesem tagtäglichen rechten Blödsinn umgehen sollen, liegt auch an der Angst, wegen "linker" Ideologie ins Visier und in handfeste Schwierigkeiten zu geraten, Förderungen und Freiheit zu verlieren. Deswegen wird das Politische auch nicht offen ausgetragen, sondern ästhetisiert und performt. Da in diesen Zeiten Schweigen auch Einverständnis und Normalisierung bedeutet, geht man lieber einen anderen Weg. Man dekolonialisiert, kritisiert, aber ohne die Verhältnisse wirklich anzutasten. Care und Repair sind ok. Schamanismen und Poesie sind ok. Kinky-Queer-Stuff ist ok. Ocean Vuong ist ok. Tilda Swinton ist ok. Mutter Erde hören und fühlen ist ok. Palästinensisches Olivenöl in Sonderabfüllungen ist ok. Hauptsache, es bleibt vieldeutig.
Das zeigt auch die Rezeption der Hauptausstellung der Biennale, "In Minor Keys", die von der ein Jahr vor der Eröffnung verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh konzipiert und von ihrem Team posthum realisiert wurde. Erstaunlich wohlwollende Töne sind in der konservativen Presse zu hören. So beschreibt etwa Stefan Trinks in der "FAZ" die Schau so: "Thema sind menschheitsalte Künste und Kulturtechniken wie etwa Textil sowie deren Wechselwirkungen mit dem Leben". Ok. Dann attestiert er: "Und obwohl Kouohs Ausstellung "In Minor Keys" ("In Moll") klar den bisher übersehenen Künstlern Afrikas, Asiens und Amerikas gewidmet ist, tritt sie glücklicherweise nicht mit dem Kolonialismushammer an. Werden Molltöne häufig als schwermütig empfunden, verkörpern sie hier verhaltenen Optimismus und Schönheit".
Mechanisch und tugendhaft kuratiert
Offensichtlich stellt sich niemand offen die Frage, wieso wir gerade jetzt, wo die ganze Welt zur Hölle fährt, das Morden im völlig zerstörten Gaza nicht aufhört, Menschenrechte, Tierrechte mit Füßen getreten werden, Leute in Konzentrationslagern verschwinden, eine Ausstellung brauchen, die uns einlädt, "den beharrlichen Signalen der Erde und des Lebens zu lauschen und sich auf die Frequenzen der Seele einzustimmen". Wie ist das genau gemeint? Oder vielleicht noch mal eine Runde Süßgras flechten und Matcha-Tee aufsetzen?
Wieso werden diese poetisch-politischen Ausstellungen wieder und wieder mit James Baldwin, Audre Lorde oder Toni Morrison als Schutzheilige weiter so mechanisch und tugendhaft kuratiert? Was nutzt Optimismus in H-Moll, wenn, genauso wie bei der Met-Gala, die Macht- und Produktionsverhältnisse, die eigene politische Rolle nicht in Frage gestellt werden? Wer kann noch nach all den Jahren die ewig gleichen metaphorischen Garten-Situationen ernsthaft als Mittel für kollektive Heilung und Widerstand betrachten? Es ist erstaunlich, wie diese Form des Kuratierens, die sich zu Recht der Dekolonialisierung verschrieben hat, es noch irgendwie schafft, den Hammer nicht rauszuholen, es bei Andeutungen zu belassen.
Kunstkritik in der Service-Defensive
Es ist erstaunlich, dass auch die liberale Presse, wie etwa Monopol, diese opake dekolonialisierende Ausstellungspraxis auf der Biennale als "Kunst" betrachtet, die zutiefst antikolonialen Demonstrationen und Streiks der Kunstschaffenden jedoch als eine Art Störung oder Ablenkung. So schrieb Sebastian Frenzel: "Bei der verzweifelten Suche nach dem nächsten Skandal wird die Venedig-Biennale zum Polit- und Medienereignis. Und die Kunst? Geht im Daueralarm aus Demos, Insta-Angst und Klickdruck beinahe unter". Doch dass die Kunst vermeintlich untergeht, liegt nicht an der Politisierung, sondern an der Entpolitisierung der Kunstkritik. Dass es nur noch um Skandale, Blockbuster, Gimmicks wie die Beeple-Robots, Trigger-Themen geht, liegt daran, dass die Kunstkritik in eine Art Service-Defensive gegangen ist, in gehobener PR-Sprache über lauter komplizierte, unangenehme Themen in der Kunst sprechen muss, ohne in eine verfängliche politische Debatte zu geraten.
Die meisten Kunsttexte und Rezensionen sind nicht mehr für Leser außerhalb des Betriebs bestimmt. Niemand möchte Texte lesen, die sich anhören, als wäre die Kunstwelt eine Mischung aus Shangri-La und Nordkorea. Dass es auch anders geht, zeigt der enorme Erfolg eines Essays des New Yorker Künstlers und Kurators Josh Kline. Er hatte Anfang des Jahres in der linken Kunstzeitschrift "October" den Text "New York Real Estate and the Ruin of American Art" geschrieben, einen Abgesang auf die New Yorker Kunstszene der 2010er-Jahre, in der er groß wurde, und über die Unmöglichkeit, in der Stadt noch Kunst zu produzieren oder zu wohnen, wenn man nicht privilegiert ist. Dieser Text für ein Nischenmagazin, der 19 Seiten lang ist, ging in der Kunstszene viral, weil er zu den Leuten sprach, ein Anliegen hatte. Er beginnt mit dem Satz: "Der erste Schritt zur Heilung ist, zuzugeben, dass du ein Problem hast."
Im Widerspruch leben
Unser Problem ist, dass wir im Widerspruch leben, wenn wir moralische Skrupel anmelden. Das gilt für so viele Leute, die nicht mit dieser Normalisierung rechter Ideologie einverstanden sind. Jeder von uns wird zu Recht dasselbe hören, vielleicht auch als Stimme im eigenen Kopf: dass wir bigott sind, das System nicht kritisieren können, das wir selbst aufrechterhalten, dass wir von der Situation profitieren, deswegen ein schlechtes Gewissen haben, aber eigentlich nichts ändern wollen. Wie können wir mit diesem Dilemma umgehen? Wie können wir zugeben, dass wir nicht weiterwissen? Wie können wir dem Rechtsruck in unserer Kultur etwas Wahrhaftiges entgegnen?
Dazu möchte ich gern eine italienische Schriftstellerin zitieren, Natalia Ginzburg (1916–1991), die Zeit ihres Lebens Linke und Antifaschistin war. Sie hat uns mit Die kleinen Tugenden, einem literarischen Essayband, einen Rettungsring zugeworfen. Darin findet sich ihr Text Schweigen. Er beginnt so: "Gewöhnlich wird dieses Laster des Schweigens, das unsere Epoche vergiftet, mit einem Gemeinplatz beschrieben: 'Die Lust am Gespräch ist verlorengegangen'. Es ist der gleichgültige, mondäne Ausdruck für einen wahren und tragischen Sachverhalt. Wenn wir 'die Lust am Gespräch' erwähnen, sagen wir nichts, was uns beim Leben hilft. Doch die Möglichkeit einer freien, normalen, zwischenmenschlichen Beziehung, die fehlt uns allerdings. Sie fehlt uns so sehr, dass einige von uns sich wegen des Wissens um diesen Mangel umgebracht haben. Das Schweigen mäht jeden Tag seine Opfer nieder. Das Schweigen ist eine tödliche Krankheit."
Dann sagt sie etwas ganz Entscheidendes: "Nie waren die Schicksale der Menschen so eng miteinander verknüpft wie heute, so dass die Katastrophe eines Einzelnen die Katastrophe aller ist. Die Menschen finden sich so eng an das Schicksal der anderen gebunden, dass der Zusammenbruch eines Einzelnen Tausende von anderen mitreißt, und gleichzeitig ersticken alle im Schweigen, unfähig, ein paar freie Worte zu tauschen."
Das Unglück des Einzelnen ist das Unglück aller
Und weil das Unglück des Einzelnen das Unglück aller ist, sagt Ginzburg, helfen auch keine individualisierten Lösungen. Nicht der Egoismus, der nie Erleichterung bringt. Es hilft auch nicht, das Schweigen wie eine Krankheit, als "Laster der Seele" zu behandeln, das durch Spiritualität oder Psychotherapie geheilt werden kann. "Das Schweigen muss aus moralischer Sicht betrachtet und verurteilt werden", schreibt sie. "Auch wenn das Schweigen eine Sünde ist, 'eine bittere Frucht', die in unserer Epoche all unseren Mitmenschen gemeinsam ist", sagt Ginzburg, "enthebt das uns nicht der Pflicht, sein Wesen zu erkennen, es bei seinem wahren Namen zu nennen".
Es sei uns nicht gegeben zu wählen, ob wir glücklich oder unglücklich sein wollen, so Ginzburg. "Aber man muss wählen, nicht teuflisch unglücklich zu sein. Das Schweigen kann zu einer Form von verschlossenem, ungeheuerlichem, teuflischem Unglücklichsein führen: die Tage der Jugend welk, das Brot bitter machen." Dieser Text entstand vor 1951 in Turin. Er klingt absolut heutig, hat aber 75 Jahre lang auf uns gewartet. Wofür, fragt Ginzburg, die im Widerstand kämpfte, deren jüdischer Mann von den Faschisten ermordet wurde, wofür wollt ihr euch entscheiden? Für teuflisches Unglücklichsein oder endlich ein paar freie Worte zu tauschen?